Togo

Togo

Wir sind wieder in Ghanas Hauptstadt, Accra. Knapp zwei Monate sind vergangen. Die Zeit in Deutschland haben wir gut genutzt. Familie und Freunde getroffen, die wunderschöne Hochzeit Svenjas Schwester erlebt, alle Arztbesuche erledigt, eine Woche die jährliche Kulturreise mit dem Glyptotheksverein unternommen, diesmal nach Samos, das Buschtaxi Treffen besucht und ein paar Sachen für das Auto eingekauft und jede Menge Reiselektüre besorgt.

Die weitere Route haben wir bewusst nicht geplant. In Afrika ändert sich alles zu schnell, Planungen werden hinfällig und man selbst wird enttäuscht. Allerdings haben wir alle noch fehlenden, eher schwierigen Visa in Berlin organisiert. Das erspart uns viel Ärger und Mühen auf der Reise. Vor allem, weil wir für die Visaanträge nicht mehrere Tage in den Hauptstädten bleiben müssen. Keine der großen Städte bis Namibia interessiert uns besonders. Andererseits büßen wir dadurch Flexibilität ein. Die Gültigkeitsdaten der Visa bestimmen von jetzt an den Zeitrahmen unserer Reise. Spätester Einreisezeitpunkt für Angola ist der 18. November 2016. Damit bleiben uns „nur“ acht Wochen für Togo, Benin, Kamerun, Gabun, die beiden Kongos und für die Durchfahrt durch Nigeria. Die Visa für Kongo Brazzaville und Dr. Kongo sind ab dem 14. November gültig. Also haben wir vier Tage für die Passage durch die beiden Kongos. Es wird sportlich.

28.-30. September 2016, Reisetage: 128-130
Accra, Ghana

Brussels Airlines bringt uns sehr entspannt via Brüssel nach Accra. Allerdings dank Verspätung am nebligen Flughafen München ohne unsere Koffer, die kommen erst zwei Tage später. Nach der Landung frägt Svenja: „Kannst Du glauben, dass wir wieder hier sind und weiterfahren?“ „Nein, kann ich auch nicht. Es ist so wie letztes Mal, als das Auto in Dakar stand. Wir brauchten auch ein paar Tage, um uns wieder einzuleben“, antwortet Hannes. Es fühlt sich tatsächlich nicht real an. Das Flugzeug bringt einen zu schnellen Wechsel der Kulturen.
Unser Auto steht unversehrt auf dem VIP Parkplatz genau gegenüber dem Flughafenausgang. Kein billiges Vergnügen. EURO 150,00 für 52 Tage parken, dafür aber sehr sicher, vom Militär bewacht. In München kostet das EURO 249,00, im Sicherheitsbereich EURO 1.185,00. Die Parkwächter sind sichtlich beeindruckt, als das Buschtaxi beim ersten Schlüsseldrehen sofort anspringt.

Schon am ersten Abend treffen wir Florian aus Graz. Er ist vor drei Jahren selbst mit dem Motorrad durch ganz Afrika gefahren. Auf der Westroute nach Südafrika und im Osten wieder zurück, heute hält er darüber Reisevorträge. Zusammen verbringen wir zwei sehr lustige Abende in Accra und tauschen jede Menge „Overlander-Garn“ aus. Durch seine Afrika Reise hat Florian auch seine jetzige Arbeit bekommen. Für die österreichische Firma Andritz ist er als Afrikabeauftragter für Wasserkraftwerke zuständig. Derzeit vor allem in Mali und in Ghana am Volta Staudamm.
Den dank Brussels Airlines verlängerten Aufenthalt in Accra nutzen wir und besorgen uns schon hier das Visum für Benin. Dieses bekommen wir problemlos und relativ billig für EURO 15,00 gegen Quittung und EURO 10,00 „Expressgebühr“ ohne Quittung. Dafür ist das Visum schon nach drei Stunden in unserem Pass. Damit fehlt uns nur noch das Togo Visum, das es aber für zumindest 7 Tage an der Grenze geben soll. Damit ist der gesamte Weg frei von Visahürden. In Namibia und Südafrika brauchen EU-Bürger kein Visum. Kein Wunder, dass es dort mehr Touristen gibt.
Und wir lassen unseren riesigen Wäscheberg waschen, der noch vom letzten Mal im Auto liegt. Die Wäscherei will jedes Stück einzeln abrechnen. „Das ist zu teuer, dann nehmen wir unseren Wäschesack eben wieder mit“, sagt Svenja zu der Angestellten. Es wäre nicht Afrika, gäbe es dafür keine Lösung. Die Mitarbeiterin ruft jemanden aus der Familie an, der es für wenig Geld auf eigene Rechnung erledigt. Wir holen es nächsten Tags in der Botschaft Sambias ab, dort arbeitet einer ihrer Brüder.Übernachtung: La Paradise Inn (1)

1. Oktober 2016, Reisetag: 131
Wli Watterfall, Ghana

Wir sind Florian sehr dankbar. Dank seiner Vermittlung dürfen wir die Baustelle des Kraftwerks in Kpong besichtigen. Bauleiter Jürgen aus Österreich führt uns persönlich. Die riesige Anlage ist beeindruckend. Wir dürfen sogar in das Herz einer noch aktiven Turbine und in die Wasserzuläufe klettern. Die Hitze hier ist unerträglich, entsprechend hart ist dort die Arbeit.

Das Kraftwerk wird von Ghanas Regierung betrieben, die in den dreißig Jahren seit dem Bau so gut wie nichts für den Unterhalt der Anlage getan hat. Jetzt ist deswegen eine Generalsanierung notwendig. Die Finanzierung erfolgt durch eine französische Bank.
Durch die Wasserkraftwerke wurde der Volta zum größten Stausee der Welt aufgestaut. Er bedeckt heute knapp 4% der Landfläche Ghanas. Die Auswirkungen sind katastrophal. 80.000 Menschen wurden in andere Dörfer umgesiedelt, die meisten gingen später in die Städte und damit häufig in die Arbeitslosigkeit. Im Volta Gebiet ist die Kriminalität am höchsten, auch Malariafälle stiegen massiv an. Gleichzeitig wurde die erhoffte Stromproduktion nie erreicht. Der See hat meist einen zu niedrigen Wasserstand, um alle Turbinen laufen zu lassen. Dafür ist auch die Inkompetenz der Betriebsführung ursächlich. Heute wird Strom vor allem mit Gas produziert. Allerdings bezahlt die Regierung die Rechnung für Nigerias Gaslieferungen oft nicht. Ghana ist in ganz Westafrika für seine Stromausfälle berühmt.
Zum Abschied erzählt uns Jürgen, dass auf dem Gelände alle zwei Monate Gift gegen die Massen von Kobras gesprüht wird. Gut, dass er uns das nicht vorher erzählt hat. Svenja hätte sonst die Führung im Auto sitzend verpasst.

Auf der Weiterfahrt kommen wir wiedermal mitten in den Wochenmarkt, der immer auf der Hauptstraße stattfindet. Hannes meint dazu: „Mittlerweile macht mir das richtig Spaß. Es ist ein bisschen wie in einem Videospiel früher, bei dem man allem Möglichen auf der Straße ausweichen musste“.
Jedem, der aufgrund unserer Reiseberichte demnächst selbst nach Afrika aufbricht, sei zur Einstimmung dieses Video empfohlen.

Kleinere Bläsuren werden ohne Polizei und Versicherung geklärt. Große auch.

Hier helfen nur gute Nerven. Ein Herzinfarkt wäre auch aufgrund der schlechten Krankentransportmöglichkeiten nicht zu empfehlen, wie man im folgenden Video sieht. Der Krankenwagen sorgt auch noch selbst für seine Kundschaft, ein Motorradfahrer kommt zwischen die beiden Kleinbusse. Gott sei Dank passiert nichts Schlimmes.

Übernachtung: Waterfall Lodge (2)

2. Oktober 2016, Reisetag: 132
Wli Watterfall, Ghana

Ursprünglich wollten wir mehrere Tage im Gebiet des Volta Stausees verbringen. Inzwischen sind wir zu ungeduldig, wollen weiter in ein neues Land, nach Togo. Wir bleiben aber noch für zwei Tage in einer von Deutschen geführten Lodge am Wli Wasserfall, direkt an der Grenze zu Togo. Den sicherlich lohnenden Aufstieg zum Wasserfall lassen wir wegen des Regens ausfallen, die schöne Anlage und gute Gespräche mit den Eigentümern entschädigen uns dafür. Der in der Regenzeit besonders imposante Wasserfall ist auch aus der Ferne gut zu sehen und sogar zu hören.

Die Regenzeit sorgt zudem für eine traumhafte Vegetation. Wir fühlen uns wie im botanischen Garten. Auch einiges zum Essen wird von Lodge Besitzerin Sabine angebaut: Kokosnuss, Yam, Ananas, Papaya, verschiedene Bananensorten, Mandelbäume und vieles uns Unbekanntes.

Übernachtung: Waterfall Lodge (2)

3. Oktober 2016, Reisetag: 133
Kpalimé, Togo

Ein Schwabe hat in der Nähe ein beachtliches Plantagenunternehmen aufgebaut. Auf 200 Hektar pflanzt er Ananas, Papaya und neuerdings auch Ingwer. Wir sind sehr froh, dass wir die Plantage besichtigen dürfen, der deutsche Leiter Frank zeigt uns sehr ausführlich das ganze Areal.

Die Früchte werden von Hand gereinigt, gewogen und sortiert. Nur die beste Handelsklasse wird exportiert, der Rest kommt auf den lokalen Markt. Die Ware wird in Kisten zu je 3,5 Kilo verpackt in Kartons, die aus Frankreich importiert werden. In Ghana kann niemand so schön bunt und exakt Kartons bedrucken. Auf Paletten verladen fahren die Früchte zweimal die Woche im LKW fünf Stunden zum Flughafen Accra. Per Flugzeug geht es am gleichen Abend nach Deutschland. Spätestens zwei Tage später stehen Ananas und Papaya aus Ghana im Deutschen Supermarkt. Ab 3 EURO für eine Bio-Ananas. In Ghana kostet sie 40 Cent. Ein sehr guter Ananas Pflanzer verdient etwa 100 Euro im Monat bei einer freien Mahlzeit täglich. Trotzdem sind viele hier froh, dank der Deutschen überhaupt eine Arbeit zu haben. Alle einheimischen Versuche, selbst im größeren Stil anzubauen, sind bisher gescheitert.

 „Kannst Du uns bitte noch den Vorteil von Bio-Obst erklären“, frägt Svenja den Plantagenleiter. „Das unterscheidt sich doch  im Zweifel nur durch ein gefälschtes Zertifikat“, wirft Hannes ungläubig ein. Frank belehrt uns recht ausführlich eines Besseren. Der biologische betriebene Plantagenteil wird akribisch dokumentiert und vom französischem TÜV auch mittels Laborproben laufend kontrolliert. Wir fragen Frank, ob er selbst Bio-Ananas kaufen würde. „Ja schon”, meint er. Aber nicht wegen der vermeintlichen Schädlichkeit der anderen, das sei Unsinn. „Aber Bio schmecke halt besser. Vor allem Sugar Loaf, die beste Bio-Sorte“, erklärt er uns. Die verkaufe sich in Deutschland aber noch nicht so gut, weil sie auch reif grün ist und weißes Fleisch hat. In deutschen Köpfen ist eine reife Ananas außen wie innen gelb. Auch der Riechtest einer jeden Hausfrau beim Einkauf funktioniere bei dieser Sorte nicht.
Wir sind überzeugt. Vor allem, weil Frank uns zum Vergleich zwei riesige Kisten der grünen und einer gelben Sorte nebst Papayas schenkt, vielen Dank nochmal dafür. Mit dem Testen sind wir tagelang beschäftigt, wobei wir mit den Früchten auch so manchem Kind eine Freude machen. Diese Woche riecht es im Buschtaxi so gut wie nie zuvor.

Zum Abschied zeigt Frank uns noch sein spezielles Hobby. Ganz stolz sagt er zu uns: „Wenn ich mit dem nach Accra fahre, schaut mir jeder nach.“ Das glauben wir ihm sofort.

Die kleine Grenzstation nach Togo bei Kpedze erreichen wir über herrliche Bergpisten. Die Ausreise aus Ghana ist problemlos, freundlich und schnell. Auf der togolesischen Seite bewacht ein einsamer Grenzer in seiner Holzhütte den typisch afrikanischen Grenzbaum, einen über die Straße gespannten Strick, natürlich ohne Signalwimpel. Sichtlich erfreut über die seltene Abwechslung nimmt er sich ausreichend Zeit. Zuerst wird ein Feldbett für uns zum Warten im Schatten eines Baumes aufgestellt. Anschließend werden alle denkbaren Daten in unzählige Listen und Formulare geschrieben. Eine Stunde später sind wir in Togo, samt eines sieben Tages-Visums für EURO 15,00 gegen Quittung.
Togo ist ein für afrikanische Verhältnisse winziges Land, aber immerhin fast so groß wie Bayern. Bis nach dem ersten Weltkrieg war es eine deutsche Kolonie. Schon in der ersten Stadt, Kpalimé sehen wir schöne deutsche Bauten aus dieser Zeit. Vor allem die neugotische Kirche von 1913 gefällt uns.

Übernachtung: Chez Felicia (3)

4. Oktober 2016, Reisetag: 134
Dzogbégan, Togo

„O nein, nicht schon wieder. Es sah so gut aus“, ruft Svenja morgens beim Blick aus dem Fenster. Der Parkwächter hat über Nacht, wie fast überall, ungefragt das Auto blitzblank geputzt, nur mit Eimer und einem Lappen bewaffnet. Wir lieben aber den roten Schlamm, der das Buschtaxi sofort als echten Geländewagen kennzeichnet. Natürlich bekommt der Mitarbeiter trotzdem das erhoffte kleine Trinkgeld. Dieses Mal dazu eine Ananas, offensichtlich sehr zu seiner Freude.

Wir fahren weiter nordwärts durch das schöne Hochland im Westen Togos. Unterwegs halten wir an einem alten deutschen Friedhof. Hannes geht schon voraus, weil Svenja noch feste Schuhe anziehen möchte. Laut dem Wegweiser sind es ja nur 300 Meter. Nachdem sie den halben Berg alleine hinuntergelaufen ist und keine Antwort auf ihre Rufe bekommt, dreht sie um. Völlig verschwitzt erreicht sie nach einer halben Stunde das Auto, kein Hannes weit und breit. Dieser kommt reichlich später vergnügt, schweißgebadet und begleitet von einer Horde Kinder den Berg hoch. „Wo warst du denn? Es waren eher 3 km als 300 Meter“, lacht er. „Der Friedhof liegt sehr schön. Du hast aber nicht wirklich viel versäumt. Es stehen nur noch ein paar Grabsteine mit Inschriften dort.“ Svenjas Laune ist trotzdem leicht getrübt.

Abends campen wir im Benediktinerkloster in Dzogbégan. Es wurde erst 1961 von einem Mönch aus Toulouse gegründet. Heute leben 30 Mönche hier, deren landwirtschaftliche Produkte besonders gut sein sollen. Bei unserer Abreise kaufen wir wirklich leckere Ingwerkekse und togolesischen Kaffee.

Die Gebäude des Klosters sind vergleichsweise unspektakulär. Wir mögen es trotzdem. Die Mönche kümmern sich um uns, obwohl wir nicht angemeldet sind. Wir bekommen alles gezeigt und auch an unserer Reise sind sie besonders interessiert. Außerdem liegt die Anlage schön und unser Campingplatz auf dem Gelände ist sehr ruhig. Was uns gar nicht gefällt ist die deprimierende Stimmung beim Essen. Wir nehmen Abendessen und Frühstück im großen Gästerefektorium zusammen mit zwei anderen Klostergästen zu uns. Die beiden Togolesinnen nehmen scheinbar für ein paar Wochen am religiösen Programm des Klosters teil. Genaueres können wir nicht erfahren, das Schweigegebot beim Essen wird streng eingehalten. Abends hören wir zum Essen eine Lesung aus der heiligen Schrift auf Französisch. Auch sonst interessieren sich die beiden nicht besonders für unsere weltliche Reise. Dafür werden wir beim Abwasch und Tischdecken vollwertig einbezogen, was selbstverständlich nach ebenso strengen Regeln zu erfolgen hat. Sehr zu Hannes Missfallen, wobei er es aber mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt.Übernachtung: Camping auf dem Gelände des Kloster Dzogbégan (2)

5. Oktober 2016, Reisetag: 135
Atakpamé, Togo

Weiter im immer wilder werdenden Hochland fahren wir nach Norden. Wir suchen auf der elektronischen Karte bewusst die kleinsten Straßen aus und werden nicht enttäuscht. Die Pisten werden immer schwieriger, wir sehen bald keine Autos mehr. Vereinzelte Motorradfahrer winken uns anerkennend zu. In einem Dorf haben wir unsere erste Begegnung mit der hier weit verbreiteten Voodoo Religion. Ein Mann in Voodoo Kleidung springt vor unserem Auto wild tanzend herum. Dabei schreit er uns, mit Idolen und magischem Stab ausgerüstet, unverständliche Worte entgegen. „Der hat uns jetzt sicher verhext“, meint Hannes, als wir wieder weiterfahren.

Auch später auf einer größeren Piste wird die Fahrt wegen der Regenzeit nicht viel einfacher. Vor uns steckt ein LKW unpassierbar im Schlamm fest. Hannes steigt aus und hilft den Fahrern, von denen einer unter dem Laster mit der bloßen Hand den Schlamm wegzuschaufeln versucht. Mit unseren Sandblechen ist der LKW schnell frei, die Bleche sind aber vom überladenen Laster ordentlich verbogen. Svenja spricht Hannes ihre Anerkennung aus: „Das war sehr nett von Dir, dass Du mitgeholfen hast. Und jetzt sehen die Bleche endlich nicht mehr so neu aus, als ob wir sie nie benutzt hätten.“

Beim Mittagstop in einem kleinen Dorf macht Svenja Müsli, natürlich mit Ananas. Gut 30 Kinder stehen innerhalb kürzester Zeit um das Auto und beobachten jeden Handgriff. Jedes Kind bekommt ein Stück Ananas und will unbedingt fotografiert werden.

Auf der Weiterfahrt sehen wir über die tropisch bewachsenen Hügel im Osten bis nach Benin. Das langestreckte Togo ist an der schmalsten Stelle nur gut 50 km breit. Die meisten Overlander passieren es und das angrenzende ähnlich schmale Benin nur auf der Küstenstraße. Die Fahrt durch das Hochland empfanden wir als sehr lohnend und wären gerne noch länger geblieben. Der Visum Zeitdruck lies es nicht zu.

Wir übernachten in der am Fuße des Hochlands malerisch gelegenen Stadt Atakpamé. Die Luft ist klar und die Vegetation üppig. Nicht umsonst war es die Lieblingsstadt der deutschen Kolonialherren in Togoland. Entsprechend sehen wir hier einige der wenigen gut erhaltenen, schönen Kolonialbauten.Übernachtung: Hotel Luxembourg (2)

6. Oktober, Reisetag: 136
Blitta Gare, Togo

Heute fahren wir weiter in den Norden. Ziel ist der kleine Ort Blitta Gare. Dort wohnt die Familie Constances, einer ehemaligen Arbeitskollegin Svenjas. Svenja hat ihr erzählt, dass wir nach Togo fahren. „Mein Gott, was macht ihr denn in Togo? Dort fährt doch niemand hin“, war ihre spontane Antwort. „Aber, wenn ihr wirklich hinkommt, müsst ihr unbedingt zu meiner Familie fahren und meiner alten Mutter Kekse mitbringen. Die liebt sie so.“ Diesen Wunsch erfüllen wir ihr mit eigens dafür mitgebrachten deutschen Keksen nur zu gerne und freuen uns sehr auf den Besuch.
Bei der Stadtausfahrt aus Atakpamé besuchen wir die Ruine einer deutschen Funkstation aus der Kolonialzeit in Kamina. Die von Telefunken mithilfe einheimischer Zwangsarbeiter gebaute Anlage war damals eine technische Sensation. Funktelegramme konnten damit aus dem mehr als 5.000 km entfernten Berlin empfangen und an die Stationen in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika weitergeleitet werden. Im offiziellen Betrieb war die Anlage dann nur für einen Monat, allerdings mit einer wichtigen Aufgabe. Im August 1914 wurden die deutschen Kolonien und die Handelsschiffe im Atlantik über den Ausbruch des ersten Weltkrieges informiert. Anschließend sprengten die Deutschen den Sender in die Luft, um ihn nicht in Feindeshand fallen zu lassen.

In Blitta Gare angekommen, finden wir nach einigen Schwierigkeiten Constances Familie. Die über 80-jährige Mutter ist fast blind, Svenja setzt sich neben sie auf die Bodenmatte und wird ausführlich abgetastet. Sie kann unseren Besuch nicht fassen. Zu Tränen gerührt und laut sprechend, lässt sie Svenja nicht mehr aus der Umarmung los. „Jesus, Jesus“, ist das einzige, was wir verstehen. Eine Stunde sitzen die beiden so nebeneinander. Ein Junge aus der Familie übersetzt mit etwas Englisch. „Es geht ihr sehr gut, aber das Leben in Deutschland ist nicht einfach“ antwortet Svenja auf die erste Frage der Mutter, die natürlich ihrer weggegangenen Tochter gilt.

Im Laufe des Tages lernen wir die Familienmitglieder kennen. Immer mehr davon tauchen auf und wollen sich mit uns unterhalten. Von den sieben Geschwistern Constances sind drei gerade im Dorf, alle mit eigener Familie und entsprechendem Nachwuchs. Svenja versucht noch den Überblick zu behalten „Entschuldige bitte, aber mir ist das jetzt zu viel“, meint hingegen Hannes, setzt sich auf die Bank vor dem Haus und beobachtet den Trubel.

Wir werden bestens bekocht. Die Frage, ob Hannes noch mehr essen möchte, ist eher rhetorisch. Immer wieder bekommt er aufgeladen. Selbstverständlich müssen wir über Nacht bleiben, was wir gerne annehmen. Während Hannes uns beim Ortspräfekten und der Polizei anmelden muss („Nein wir haben kein Geschenk für die Polizei“), diskutiert die ganze Familie, welches Haus die Ehre unserer Übernachtung haben soll. Unser Wunsch, im Auto zu schlafen wird kategorisch abgelehnt. Erst als wir das Klappdach öffnen und jedem einzeln unser Bett zeigen, dürfen wir dort schlafen.

Von den Eindrücken müde, schlafen wir schnell ein, aber nur kurz. Um vier Uhr morgens ruft hier der Muezzin nicht nur zum Gebet, sondern predigt eine Stunde über den Lautsprecher ohrenbetäubend auf Arabisch, was hier vermutlich niemand versteht. Constances Familie ist katholisch, an der lauten Moschee scheint sich aber niemand zu stören. Gleich danach ist jeder auf den Beinen. Den Frühstückskaffee machen wir, guten Dallmayr Prodomo versteht sich. Den leicht verzogenen Gesichtern nach zu urteilen, entspricht er nicht dem lokalen Geschmack. „Oje wir haben ja auch vergessen, jede Menge Zucker mit zu kochen“, fällt Svenja ein.
Dass wir nur eine Nacht und nicht ein paar Wochen bleiben, ist für niemanden hier nachvollziehbar. Wir vermitteln das typische Bild der Europäer, ständig in Eile zu sein.

Zum Abschied bekommt Svenja ein einheimisches Gewand von Constances Mutter geschenkt. Wir verteilen unsere neuen Postkarten, die sich schon in der ersten Woche bestens bewährt haben. Auf der Vorderseite zeigen sie unser beider Bild mit Auto, hinten ist unsere Webadresse mit noch genügend Platz für persönliche Grüße. Alle umarmen uns aufs herzlichste, jeder zeigt hier seine Gefühle. „Die können nicht anders“, meint Constance, als wir später mit ihr telefonieren. Diese ehrliche Art gefällt uns.

Ihre Mutter busselt Svenja ausgiebig ab, betet für uns und bedankt sich bei Gott für unseren Besuch. „Wenn ihr das nächste Mal kommt, werde ich wahrscheinlich nicht mehr da sein“, meint sie zum Abschied.

7.-9. Oktober 2016, Reisetage: 137-139
Lomé, Togo

Auf der Straße in die Hauptstadt Lomé kommen wir in einen heftigen Tropenregen. „Kannst Du bitte weiterfahren, ich sehe nicht so gut“, frägt Svenja und parkt zum Fahrerwechsel im Graben neben der Straße. Wir kommen aus dem Schlamm nicht mehr heraus. „Jetzt brauchen wir den Allradantrieb, wir müssen umstellen“, sagt Svenja. Damit sind die Freilaufnaben der Vorderräder gemeint, die bei unserem Buschtaxi natürlich per Hand bedient werden. Die automatische Variante, wie sie jedes SUV hat, könnte ja kaputtgehen. „Das musst jetzt aber Du machen. Schließlich hast du das Auto auch in den Graben gefahren“, antwortet Hannes. Wenig begeistert steigt Svenja bei dem Wolkenbruch aus. Schirm und Regenjacken sind gut im Auto weggeräumt.
Pitschnass klettert sie dann zum Umziehen hinter ins Auto und bekommt einen gehörigen Schrecken. Alles ist nass. Vor lauter Blödheit haben wir beim Zumachen des Daches vergessen, die Top-Luke zu schließen. Durch das neu gekaufte Moskitonetz ist sie schlecht zu sehen. Den Fehler machen wir hoffentlich nur einmal. Wir fühlen uns als gutes Reiseteam, keiner macht dem anderen einen Vorwurf und wir lachen gemeinsam. Gott sei Dank ist nichts kaputtgegangen und alles nach einem Tag in der Sonne wieder getrocknet.
In Lomé wohnt seit 40 Jahren die Schweizerin Alice. Die 82-Jährige ist mit ihrem Camp eine lebende Legende unter Overlandern. Wir verbringen als einzige Gäste drei schöne Abende mit ihr am „Stammtisch“ und hören gerne ihre Geschichten. „Früher kamen so viele Überlandfahrer hierher, dass sie auf dem Boden des Restaurants schlafen mussten. Heute sind es gerade mal zehn pro Jahr“, erzählt sie uns. Die Route durch die Sahara ist nicht mehr machbar und scheinbar schreckt Afrika zurzeit auch sonst die meisten ab.

Im Garten des Camps hält Alice einen halben Zoo. Hunde, Katzen, Papageien und einen Pavian. Ein Afrikafahrer hat ihn vor vielen Jahren als Baby gefunden, dessen Mutter umgebracht wurde und ihn Alice in die Hand gedrückt. „Was hätt ich denn machen sollen mit dem“, erzählt sie die Geschichte. „Der wäre ja auch gestorben und hier will keiner sowas haben, außer zum Aufessen, oder? Hab halt ich ihn großgezogen. Der glaubt ja heute noch, ich sei seine Mutter und will jeden Tag schmusen.“  Uns gefällt die Geschichte, der Affe im Käfig tut uns trotzdem leid. Von Hannes bekommt er ghanaische Papaya bester Handelsklasse.

Einen Besuch im deutschen Restaurant „Alt München“ verkneifen wir uns. Auch wenn Franz Josef Strauß, der damalige enge Freund des togolesischen Präsidenten, dort Stammgast gewesen sein soll. Strauß schätzte in Togo auch die Nationalparks im Norden des Landes für seine Großwildjagd. Heute gibt es vor allem wegen der wenig kontrollierten Wilderei so gut wie keine Tiere mehr. Für uns ein Grund, nicht in den Norden des Landes zu fahren. Statt dessen geht es morgen weiter nach Benin.

Übernachtung: Chez Alice (2)

Was wir aus Togo in guter Erinnerung behalten werden:

  • Das Hochland und die Geländepisten im Westen
  • Das gemächliche Tempo, auch im Straßenverkehr
  • Unser Besuch bei der Familie Constances und deren Herzlichkeit

Was uns weniger gefallen hat:

  • Schweigen beim Essen im Kloster Dzogbéga

Unsere Reiselektüre:

  • Uta Depner: Café Togo. Hansanord Verlag, 2014.
    Guter Überblick ihrer Reise nach Togo und der Tätigkeit auf dem Hospitalschiff „Mercy Ship“. Unterhaltsam, informativ, stellenweise aber viele Belanglosigkeiten.
  • Mungo Park: Reise in das Innere von Afrika, unternommen in den Jahren 1795-1797. Verschiedene Ausgaben im Handel, unsere: Brokhaus Verlag, Reihe Klassische Reisen, Leipzig 1984.
    Ein Klassiker. Unglaublicher und spannender Bericht seiner Reise zum Niger. Im Vergleich dazu ist jede heutige Abenteuerreise eine Kaffeefahrt.