Südafrika Teil 2

Südafrika Teil 2

12. April 2017, Reisetag: 260
Bredasdorp, Südafrika

„Weißt Du, was gut ist, wenn man am südlichsten Punkt steht?“, frägt Svenja und antwortet gleich darauf selbst: „Wir brauchen nicht zu überlegen, wie es weitergeht. Man kann nur wieder zurück, nach Norden.“ Ein paar Mal hatten wir vorher auch diskutiert, das Auto von Kapstadt aus im Container zu verschiffen. Zurück nach Europa. Oder noch besser nach Südamerika, um einen ganz anderen Kulturkreis zu bereisen. Und offen gestanden, gibt es vereinzelte Tage, an denen wir beide diesbezüglich afrikamüde sind. In kultureller Hinsicht sind die Lebensweisen der Einheimischen in den Ländern Afrikas sehr ähnlich, zumindest auf unseren oberflächlichen Blick. Kein Vergleich mit den Kulturunterschieden, die tausend Kilometer Fahrt quer durch Europa mit sich bringen.
Auch hat uns Südafrika bisher nicht vollends überzeugt. Wie sehr vermissen wir die offene Herzlichkeit, die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft und ehrliche Lebensfreude Nord- und Westafrikas. Oder die ihresgleichen suchenden Landschaften Namibias. Vor allem ist in Südafrika die verdeckt gehaltene Feindseligkeit zwischen Schwarz und Weiss überall zu spüren. Die Euphorie des Traumes vom harmonischen Miteinander der ersten Jahre nach der Apartheid ist der Realität gewichen. Es ist ein Leben in einer zerrissenen Nation zwischen Fortschritt und Tradition, unter der Herrschaft einer, vor allem auf Eigenvorteil bedachten Regierung.
Aber alles Für und Wider der Autoverschiffung legen wir mit einem, nicht ganz rationalen Argument, zur Seite. Hannes spricht es am Kap Agulhas nochmal aus: „Einfach auf einen anderen Kontinent zu springen, das passt nicht zu uns. Wir sind von zuhause losgefahren, dann fahren wir auch jetzt weiter. Soweit es geht.“ Für uns ist dieser irrationale Grund wichtig. Wichtig für eine ohnehin nicht rationale Reise.
Übernachtung: 6 on Kloof Guest House (3)

13. April 2017, Reisetag: 261
Van Wyksdorp, Südafrika

Mit dem Kinderwitz der keine Pinguin fressenden Eisbären steht jetzt auch das Ziel der weiteren Reise fest. Das Nordkap, der nördlichste mit einer Straße verbundene Punkt Europas. Von Südafrika mit dem Auto zu erreichen. Von den Pinguinen zu den Eisbären. Google Maps gibt die Route über Nairobi, Kairo und Moskau mit 17.149 km an, sogar etwas mehr als München – Kapstadt auf der Westroute. Sollten wir jemals im Eis ankommen, werden es vermutlich dreimal so viel sein wie berechnet. Wir freuen uns darauf.
Von der Südspitze Afrikas fahren wir ein gutes Stück ins Landesinnere. Massen von Osterferientouristen, überwiegend aus Deutschland, sind jetzt auf der ebenso berühmten wie überlaufenen Garden Route von Kapstadt nach Port Elisabeth unterwegs. Das von uns gewählte Hinterland entschädigt uns für die entgangene Küstenstraße mit weitläufigen, meist einsamen Landschaften und einer in der Kapregion ganz eigentümlichen Vegetation.

Dazu passend ändert sich das Wetter. Der einsetzende Nieselregen macht den ohnehin kühlen Wind noch ungemütlicher. Es sind Vorboten des aufziehenden südafrikanischen Winters. Unsere Fahrt durch die Hochebene der Halbwüste Klein Karoo unterbrechen wir nur zu gerne im Café des einzigen Dorfladens weit und breit.

Abends kuscheln wir uns an das Kaminfeuer einer gemütlichen Lodge vor deren Fenster wilde Kudus grasen.
Übernachtung: Roiiberg Lodge (2)

14. April 2017, Reisetag: 262
Oudtshoorn, Südafrika

Zwei Stunden Fahrt weiter nordwärts durch wenig ansehnliches, vornehmlich zur Straußenzucht genutztes Farmland, liegt die Gebirgskette des Swartberg Massivs. Sie birgt vor allem unter Motorradfahrern gerühmte Bergpässe. Der starke Regen der letzten Tage hat einen davon, Meiringspoort Pass, unpassierbar gemacht. Unser eigentlich geplanter Rundkurs über die Pässe wird dadurch unmöglich. Wir genießen dennoch die Fahrt am Südrand der Berge und besuchen auf Svenjas Wunsch spontan die Tropfsteinhöhle Cango Caves, ein Muss auf der Agenda der Garden Route Touristen.

„Das macht aber nur Spaß, wenn du dich nicht andauernd über die Touristenmassen aufregst“, ermahnt Svenja Hannes, bevor sie die Eintrittskarten kaufen geht. Hannes stimmt dem etwas mürrisch zu. Seine Laune bessert sich auch kurz danach nicht besonders, als Svenja berichtet: „Es gibt eine normale Gruppentour, ein oder zwei Stunden. Und es gibt eine Abenteuertour, einen halben Tag. Die habe ich jetzt gekauft. Es geht in zehn Minuten los. Du musst Dich umziehen, in der Höhle ist es nass und dreckig.“
Hannes muss sich beherrschen, nicht loszumeckern, als wir an der Warteschlange für die Standardtour vorbeigehen. „So ein Unsinn. Als ob eine Stunde von sowas nicht reicht. Abenteuertour, das kennt man. Das einzig Abenteuerliche dabei ist, dass dem Führer seine Lampe kaputtgeht, angeblich rein zufällig. Oder das Gebot unerlässlichen festen Schuhwerks jeder Pauschalreisebeschreibung, dem alle deutschen Touristen mit schweren Bergschuhen nachkommen, während der Tourguide in Badelatschen geht“, geht es ihm durch den Kopf. Svenja reist ihn aus den Gedanken: „Hast Du das Brett gesehen?“, sagt sie, während sie auf eine am Start aufgestellte Tafel zeigt.  In das Sperrholz sind einige runde Öffnungen gesägt. Die kleinste davon gerade mal 80 cm lang und vielleicht 50 cm hoch. Hannes liest ungläubig die Anweisungen auf der Tafel, während er mit mulmigem Gefühl seinen Bauch bestmöglich einzieht: „Keine Kinder unter 16 Jahre. Keine Schwangeren. Keine Klaustrophobiker, mehrere Meter sind im Dunkeln kriechend zu durchqueren. Keine untersetzten Personen, jeder, der nicht durch dieses Loch passt, darf nicht mit. Und so weiter.“

Schon nach einer halben Stunde wissen wir: Wenn Südafrikaner Abenteuer sagen, meinen sie es. „In den USA wäre sowas unmöglich. Die hätten hunderte von Klagen am Hals“, kommentiert Hannes unseren Weg. Wir sind begeistert. Das über vier Kilometer tiefe System unterschiedlicher Tropfsteinhöhlen gilt zurecht als eines der schönsten weltweit.  Wir können immerhin gut ein Viertel davon sehen. Svenja lacht sich an einigen Stellen über Hannes kaputt, wie er sich mit äußerster Anstrengung durch die Öffnungen im Fels zwängt. Bis an einer Stelle, an der auch ihr das Lachen vergeht. Kopf voraus geht es dort 12 Meter auf dem Bauch kriechend durch einen dunklen Stollen, an dessen Ende nur ein kleines Loch in der Wand zu erahnen ist. Dieses liegt allerdings drei Meter über dem unsichtbaren Boden der anderen Seite. „Wie soll ich denn da runterkommen?“, ruft Svenja einigermaßen angespannt unserem Führer entgegen. „Du musst dich umdrehen, die Füße voraus durchzwängen und dann fallen lassen. Es ist nicht so tief“, antwortet dieser mit einigermaßen ermutigendem Ton.  Patschnass und schlammbesudelt, aber bestens gelaunt kommen wir nach rund vier Stunden aus der Höhle.
Übernachtung: Berluda Farmhouse (2)

15. April 2017, Reisetag: 263
Oudtshoorn, Südafrika

Svenja besucht frühmorgens Cango Ostrich Farm, eine der größten Straußenfarmen weltweit. Dreißigtausend Strauße legen auf der Farm viertausend Eier wöchentlich. Nach sechs Wochen Brutkasten kommen die Jungtiere in große Freigehege. Bis sie mit einem Jahr geschlachtet werden, 90 Kilogramm bringen sie dann schon auf die Waage.

„Du kannst den Kleinen deinen Finger hinhalten. Strauße haben keine Zähne“, meint der Farmmitarbeiter zu ihr. Trotzdem schnappen die für unseren Maßstab schon riesigen Vögel beherzt nach allem, was man ihnen entgegenstreckt. „Die Tiere sind ziemlich blöd. Das Gehirn ist nur so groß wie eine Erdnuss“, erklärt der Führer weiter. „Aber unterschätzen darf man sie nicht. Wenn sie angreifen, treten sie blitzschnell nach vorne und schlitzen dir mit ihren scharfen Krallen den Bauch auf.“

„Die Tour war ganz interessant. Für dich wäre es nichts gewesen, Massentierhaltung“, berichtet Svenja von ihrem Ausflug. „Aber die Angoraziegen hätten dir gefallen.“ Das zweite Standbein der Farm ist uns beiden tatsächlich viel sympathischer. Auf riesigen Freiflächen grasen 15.000 dieser hübschen Ziegen im satten Grün. Statt ihres Lebens müssen sie nur regelmäßig ihre weiche Wolle lassen, die jetzt vor dem Winter in der Sonne weiß strahlt. Angeblich erwirtschaftet die Farm damit ein deutlich stetigeres Einkommen als mit Straußenfleisch. Der Vogelnachwuchs ist scheinbar recht unbeständig.

Übernachtung: Duiwekloof Camping und Guesthouse (2)

16. April 2017, Reisetag: 264 Baviaanskloof, Südafrika

Im Landesinneren verläuft eine Gebirgskette nach der anderen parallel zur Küste. Mit jedem Fahrtag gefällt uns die Gegend besser. Mittlerweile sind auch die Pisten nach unserem Geschmack. Wild, einsam und teilweise recht anspruchsvoll zu fahren. „Das macht richtig Spaß. Endlich wieder Afrika. Ich hab schon fast vergessen, was Offroad ist“, kommentiert Svenja ihre Fahrt durch die Baviaanskloof Berge.

Beim Frühstück haben wir Glück, den Inhaber des Camps kennen zu lernen. Auf die Frage nach Wanderwegen bietet er spontan an, mit uns einen Tag durch die Berge zu gehen. Dem kommen wir nur zu gerne nach. Unterwegs erfahren wir von dem passionierten Hobby Geologen alles über die Entstehung des Kap-Faltengürtels.

Die Bildung dieser Gebirgsketten ist ein, zumindest für uns, schwer zu verstehender Prozess. Wir hören von Plattenkollisionen der Superkontinente, Auffaltungen und Absenkungen, Vulkanspalten und zuletzt Auseinanderdriften der heutigen Kontinente. „Das ist der Grund, warum die Gebirgsketten Südafrikas parallel zum Meer laufen. Südamerika ist von Afrika abgebrochen. Patagonien war bis dahin neben Kapstadt“, erklärt er uns in allen Details. „Das wäre praktisch. Dann könnten wir von hier nach Südamerika rüberfahren,“ meint Svenja dazu wenig wissenschaftlich.
Übernachtung: Campingplatz Kudu Kaya (2)

17.-18. April 2017, Reisetage: 265-266
Kirkwood, Südafrika

Addo Elephant National Park ist unser nächstes Ziel. Einst bevölkerten riesige Elefanten Herden die gesamte Kapregion. Bis sie mit den sich stetig ausdehnenden Farmen der europäischen Siedler in Konflikt kamen. Professionelle Jäger wurden mit der Abschlachtung der Tiere beauftragt. Als sich der „letzte große weiße Jäger“ Major P. J. Pretorius mit der Erlegung von 130 Elefanten in nur einem Jahr rühmte, kam es zu ersten Protesten. Es war kurz vor zwölf. Nur elf Tiere hatten überlebt, als 1931 zu ihrem Schutz ein kleines Reservat abgezäunt wurde. Mittlerweile mehrfach erweitert, misst der Park jetzt 1640 Quadratkilometer, immerhin gut zweimal die Fläche Berlins. Für die heute über 400 darin lebenden Elefanten ist das aber viel zu klein.

Wir profitieren von der Bevölkerungsdichte. Die Elefanten sind überall. Den vielen Jungen nach zu urteilen, erfreuen sich die Herden immer noch regen Nachwuchses. Die heute hier lebenden Tiere wurden nie bejagt. Entsprechend gelassen sehen sie den vielen Autos entgegen, aus denen die langen Kameraobjektive auf sie gerichtet werden.

„So nahe würde ich mich trotzdem nicht hin trauen“, meint Hannes, als uns ein Auto am Wasserloch überholt und bis auf wenige Meter an eine Herde fährt. In anderen Nationalparks, vor allem in Gegenden, in denen gewildert wird, sind die Tiere bei weitem nicht so entspannt. Einige Wochen später erfahren wir von einem Holländer, der in Sambia an einen Elefanten heranging, um ein Handy Selfie mit dem Tier zu machen. Der Elefant fühlte sich bedroht, griff an und trampelte ihn und die ihm zur Hilfe eilende Partnerin zu Tode.
In Addo Elephant Park fehlt die Weite und Wildnis Afrikas, wir fühlen uns ein wenig wie im Zoo. Aber einfacher als hier kann es vermutlich nicht sein, Elefanten zu beobachten. Bequem aus dem am Wasserloch parkenden Auto sehen wir eine Herde nach der anderen. Das Trinken ist dabei nur ein Teil des Spektakels. Elefanten lieben es, zu plantschen.

Ausgiebiges Schlammbaden macht offensichtlich allen riesigen Spaß, allen voran den Jüngsten. „Es ist wie bei Kleinkindern,“ meint Svenja. „Die Jungen versuchen, den Eltern alles nachzumachen.“

Manches Elefantenbaby landet dabei kopfüber im Schlamm, vergeblich strampelnd. Der Rüssel seiner Mutter ist auch hierfür ein Universalwerkzeug. Der Kleine wird mit einem sanften Stoß aus dem Matsch bugsiert. Wir werden nicht müde, die Tiere stundenlang zu beobachten.
Übernachtung: Magnolia Guest House (3)

19.-26. April 2017, Reisetag: 267-274
Colchester, Südafrika

Der südafrikanische Winter macht sich immer deutlicher bemerkbar. Wir freuen uns auf die Sommermonate in Europa. Das Buschtaxi wollen wir bis Oktober eigentlich in Port Elisabeth abstellen. Aber schon direkt am Südende des Addo National Parks finden wir ein herrliches Bed und Breakfast, deren herzliche englische Eigentümer eine Abstellmöglichkeit bei ihren Nachbarn besorgen. Die folgenden Monate parkt das Auto kostenfrei und nobler denn je, in der riesigen, blitzblanken Garage eines luxuriösen Ferienhauses. Unseren herzlichen Dank nochmals für das Entgegenkommen.
Von der Terrasse haben wir Blick auf den Sundays River und die sich dahinter erhebenden Sanddünen. Es ist das größte und am besten erhaltene Dünenfeld der westlichen Hemisphäre. „Also ich will hier nicht nur rumsitzen“, meint Svenja schon nach zwei Tagen Computerarbeit und Faulenzerei. „Ich habe mit Etta geredet, der Besitzerin. Wir können ein Kanu mieten und durch die Dünen wandern. Ich organisiere das für morgen.“ „In Ordnung, wenn Du dich um alles kümmerst, ich will heute noch schreiben“, antwortet ihr Hannes.

Sehr frühmorgens paddeln wir über den Fluss, die Sanddünen sind in der Morgensonne sicherlich noch beeindruckender. An der von Etta beschriebenen Stelle landen wir an und steigen auf die ersten Sandhügel. Vor unberührten Stränden dehnen sich die Dünen kilometerweit aus, einige von ihnen sind über hundert Meter hoch.

„Der Weg ist ganz einfach. Sie hat alles mit Bildern für uns ausgedruckt. Wir laufen links an den hohen Dünen vorbei an die Flussmündung. Das sind nur zwei, drei Stunden. Von dort können wir Etta anrufen, sie holt uns mit dem Boot ab“, erklärt Svenja ihren Plan. „In Ordnung, ich möchte aber vorher auf die höchste Düne klettern“, erwidert Hannes. Nach anstrengendem Aufstieg genießen wir den Rundblick von Port Elisabeth über Meer und Dünen bis zu den Hügeln des Addo Elefant Parks. Wir bilden uns ein, dort die Elefanten fast erblicken zu können. Gerade voraus ist die Brandung des Meeres sichtbar.

„Da können wir doch hinlaufen und dann am Strand entlang zur Flussmündung“, bestimmt Hannes die zweite Planänderung. Svenja gibt dem nach einigen unwesentlichen Einwendungen nach. Für die vermeintlich zum Greifen nahe Strecke zum Meer brauchen wir drei Stunden, hohe, mühsam zu erklimmende Tiefsanddünen und dazwischenliegendes Dorngestrüpp inklusive.

„Was hast Du denn eingepackt für uns?“, frägt Hannes als die Sonne langsam gen Mittag steigt. „Gar nichts, ich wusste doch nicht, dass es länger wird“, antwortet ihm Svenja schon leicht verzweifelt. „Aber wozu haben wir denn den Rucksack dabei?“, frägt Hannes weiter, der noch an einen Scherz glaubt. „Nur für eine kleine Flasche Wasser und die Kamera“, bestätigt Svenja unsere unkomfortable Lage. „In Ordnung, wir sind gleich am Meer. Von dort ist es nicht weit zum Fluss“, versucht Hannes sie etwas aufzubauen.

Weitere zwei Stunden später sind wir völlig erschöpft, aber endlich an der Flussmündung angelangt. Leider ist nicht nur unser Akku leer, sondern auch der von Hannes Handy. Svenja hat ihres erst gar nicht mitgenommen. „Es ist nicht so schlimm“, versucht Hannes gegen Svenjas zunehmende Unterzuckerung und Verzweiflung anzugehen. „Wir gehen immer flussaufwärts bis zur Biegung, dann weiter am Fluss entlang bis zum Bed and Breakfast. Das ist viel einfacher als über die Dünen.“ Unglücklicherweise geht auch dieser Plan nicht auf. Die Dünen fallen steil ans Flussufer ab, zwischen Sand und Wasser bleibt kein Weg. „Dann gehen wir drüber, direkt zum Kanu“, legt Hannes fest und nimmt einen großen Stock vom Boden, um damit den Weg gegen Schlangen abzuklopfen.

Bis zur Dämmerung kämpfen wir uns durch Dornenfelder und tiefen Sand. Als wir endlich kurz vor Sonnenuntergang gerade noch das Kanu ausmachen können, ist Svenja den Tränen nahe. „Wir sind aber auch zu blöd“, fasst Hannes unsere Meisterleistung zusammen, als wir Etta das Erlebte erzählen, die bereits ein paar Leute auf die Suche nach uns geschickt hatte. „Im Auto liegen Satellitentelefon, Ersatz Akkus, Proviant und Unmengen Wasserflaschen. Und wir gehen ohne alles los.“
Übernachtung: Dungbeetle River Lodge (1)

3.-5. Oktober 2017, Reisetag: 275-277
Colchester – Addo Elephant Park – Kidds Beach, Südafrika

Nach einem ereignisreichen Sommer in Europa tauschen wir unseren Herbst mit dem südafrikanischen Frühling. Auch wenn in Port Elisabeth bei Wind und Nieselregen davon noch nicht viel zu spüren ist. Das Buschtaxi hat die Pause in der noblen Garage gut überstanden, bei der ersten Schlüsseldrehung springt der Motor an.

Vor unserer Weiterfahrt an die Ostküste des Landes besuchen wir nochmals die Elefanten im Addo National Park. Wir werden auch dieses Mal nicht enttäuscht, obwohl die Wasserlöcher aufgrund der guten Regenfälle nicht so gut besucht sind wie Ende April.

Die Fahrt führt uns durch einige schwarze Townships östlich Port Elisabeths und durch deren Gegenstück: in Kenton-on-Sea stehen ausschließlich feudale Ferienhäuser der Weißen. Die von uns seit der Ankunft in Südafrika gespürte Dauerspannung ist überall präsent.
Übernachtungen: Dungbeetle River Lodge (1), Addo Wildlife Lodge (2), B&B Breeze Inn (2)

6. Oktober 2017, Reisetag: 278
Seagulls, Südafrika

Weites Farmland bestimmt das Hinterland der Ostküste, auf den Hügeln, soweit das Auge reicht, umrahmt von den Splittersiedlungen der Einheimischen. Die Szene wirkt auf uns beklemmend trostlos. Alle einheimischen Farmen sind winzig, reichen vermutlich gerademal zur Selbstversorgung. Wir sehen wenig Vieh. Schafe, Ziegen und ein paar Hühner. In den kleinen Städten, durch die wir fahren, herrscht hingegen reges Markttreiben. Die angebotenen Waren sind allerdings auf niedrigstem Niveau. Chinesische Plastikware beherrscht das Bild.
Das Meer erreichen wir wieder bei Kei Mouth, dahinter beginnt die Wild Coast. Eine Küste die ihrem Namen angeblich gerecht wird. Hier soll es noch sein, das ursprüngliche Südafrika. Eine kleine Fähre bringt uns über den Kei Fluss dorthin.

Die Freude über die einsame Sandpiste auf der anderen Seite wärt nur ein paar Kilometer. Gleich danach stehen wieder hunderte einfachste Betonhäuser, dahinter an den schönen Stränden aber die Touristenhotels, von Mauern und Sicherheitsleuten sauber abgetrennt.
„Also irgendwie glaube ich nicht, dass es uns weiter an der Küste besser gefällt“, mein Hannes mit Blick auf Google Maps. Alle paar Kilometer ist an der sogenannten wilden Küste ein Touristen Resort eingezeichnet. „Ich denke auch nicht, dass wir viel versäumen, wenn wir den Rest auslassen“, stimmt ihm Svenja zu. Unser Beschluss ist schnell gefasst. Wir beendet vorerst unser Reisekapitel Südafrika. Direkt in den Norden wollen wir auf schnellsten Weg nach Lesotho fahren, in das kleine, sehr bergige Königreich inmitten Südafrikas.
Beim Abendessen schenkt uns Südafrika noch einen besonderen Abschiedsgruß. Von der Terrasse des Hotels sehen wir Buckelwale auf ihrer Wanderung in das Eismeer aus dem Wasser springen.
Übernachtung: Seagulls Hotel (3)

7.-8. Oktober 2017, Reisetag: 279-280
Ugie – Rhodes, Südafrika

Über teils schwierig zu fahrende Pässe gelangen wir in das Hochland der Region Ostkap. Im Norden erscheinen bereits die über dreitausend Meter hohen Gipfel Lesothos. Mit wachsender Höhe fällt die Temperatur. Mittlerweile zeigt das Thermometer nur noch 3 Grad. „Das macht keinen Spaß. Frieren in Afrika“, kommentiert Svenja die für diese Jahreszeit ungewöhnliche Kälte.
Übernachtungen: B&B Mountain View (3), B&B Walkerbouts Inn (2)

9.-10. Oktober 2017, Reisetage: 281-282
Roma, Lesotho

Hinter der problemlosen Grenze nach Lesotho verändert sich das Bild neben der Straße schlagartig.

Ochsen ziehen hölzerne Pflüge, Kinder reiten auf Eseln, ausgemergelte Ziegen weichen nur langsam von der Straße.

Es ist immer noch kalt und regnet. Man sagt uns, einige Pässe seien derzeit nicht befahrbar.  Als es auf der ersten Passhöhe auch noch anfängt zu hageln, brechen wir unsere Bergfahrt ab, nehmen Kurs in Richtung Maseru, der Hauptstadt Lesothos. In der Nähe wollen wir unsere Reisefreunde Conny und Tommy mit ihrem MAN treffen.
Die beiden sind überrascht, uns schon ein paar Tage früher als erwartet zu sehen. Die Freude ist groß und wir verbringen miteinander zwei schöne Abende.

„Es regnet wirklich viel und ist saukalt“, meint Svenja, als wir unsere Routenplanung durchgehen. Conny und Tommy sind seit langem in der Gegend unterwegs und geben uns wertvolle Tipps. „Ja es ist nicht die beste Zeit für Lesotho. Vor ein paar Tagen hat es noch geschneit“, bestätigt Tommy unsere Bedenken. Nach einiger Diskussion ist unser Entschluss gefasst. Nicht ohne ein weinendes Auge verlassen wir nach nur zwei Tagen Lesotho. Wir wollen so schnell wie möglich weiter nach Norden, nach Botswana.

11. Oktober 2017, Reisetag: 283
Kimberley, Südafrika

Botswana gilt unter Reisenden, was Wildtiere angeht, als das Nonplusultra im südlichen Afrika. Das Land ist eine einzige Aneinanderreihung riesiger Nationalparks. Wir wollen die meisten davon besuchen, vom wüstenähnlichen Teil der Kalahari im Süden bis zum Schwemmland des Chobe Nationalparks an den Viktoriafällen im äußersten Norden. Für die nächsten beiden Tage bedeutet das eine Anreise von tausend Kilometer durch endlose Grassteppe in Südafrika. Der Beginn der Kalahari, der Kgalagadi Transfrontier Park liegt ganz im Südwesten Botswanas.
„Es ist blöd, eine riesen Fahrerei. Wir müssen fast alles in Südafrika Gefahrene zurück, bis an die Grenze Namibias“, meint Hannes, als wir wieder einmal über der Afrikakarte grübeln. Alle Reisenden kommen hier in gleiche Planungsprobleme. Die Länder Namibia, Südafrika, Botswana, Zimbabwe und Mosambik bilden zusammen mit den beiden Zwergen Lesotho und Swasiland das südliche Afrika, ein riesiges Dreieck mit Seiten bis zu dreitausend Kilometern. Dabei sind alle Länder uneingeschränkt sehenswert. „Du kannst entweder die ganze Zeit zickzack fahren oder vieles weglassen“, beschreibt er unseren Zwiespalt.

„Es ist wie immer. Wir wollen so vieles sehen, aber es geht nun mal nicht alles“, sagt Svenja abends im Auto. „Schade um Lesotho. Der erste Eindruck war sehr gut. Vor allem die Drakensberge hätte ich gerne gesehen“, meint Hannes dazu etwas traurig. „Aber es hat auch sein Gutes, für Botswana ist jetzt die beste Zeit, um Tiere zu sehen. Darauf freue ich mich sehr.“
Übernachtung: Camping Roma Trade Post (2)

Die lange Fahrt zur Kalahari unterbrechen wir nur einmal, in Kimberley.

Die Stadt war einstmals ein verschlafenes Nest mitten in der Trockensavanne. Bis 1866 ein 15-jähriger Junge beim Spielen einen 21 karätigen Diamanten fand. Binnen kurzem kamen dreißigtausend Glücksritter. Wenige Jahre und unzählige Kämpfe um die Schürfgebiete später, war der gesamte Hügel im heutigen Kimberley abgetragen. Alle lohnenden Diamanten waren vermeintlich gefunden, der harte Fels darunter die Mühe nicht mehr wert.
Einer sah das anders. Ein eher unscheinbarer, kränklicher, aber, wie die Geschichte zeigen sollte, auch erfolgsbesessener und dabei außerordentlich rücksichtsloser Mann. Cecil Rhodes, Pfarrerssohn aus England, kam nach Südafrika, eigentlich um seine Tuberkulose auszukurieren. Der Visionär erkannte das Potential in Kimberley und kaufte mit von den Rothschilds geliehenem Geld die meisten der vermeintlich erschöpften Gebiete auf.
Sein Aufstieg sucht in der neueren Geschichte seinesgleichen. Er eroberte für die britische Krone die Gebiete des heutigen Simbabwes und Sambias, die nach ihm Rhodesien benannt wurden. Als Dank ernannte Britannien ihn zum Premierminister der Kapkolonie. Das von ihm gegründete Diamanten- und Goldunternehmen benannte er nach der Farm seiner ersten Mine: „De Beers“. Die Firma, welche über hundert Jahre quasi ein Monopol auf Diamanten hatte, ist für viele noch heute ein Inbegriff für rücksichtslosen Kapitalismus und imperiale Ausbeutung.
„Es ist schon unglaublich, wie Cecil Rhodes in Afrika heute noch verehrt wird. Nach allem was er hier angestellt hat. Kriege, menschenverachtende Arbeit und unverhohlener Rassismus“, kommentiert Hannes die hervorragende Präsentation der Minengeschichte im Kimberley Museum. „Obwohl er selber TBC krank war, hat er die Arztberichte seiner Minenarbeiter gefälscht und so hunderte mit Tuberkulose angesteckt.“
Am Museum stehen wir mit offenem Mund vor dem „Big Hole“. Ein riesiges, von Menschen in die Erde gegrabenes Loch.  Fast 500 Meter weit und 25 Meter tief liegt die Erdnarbe vor uns.

Heute wird hier nicht mehr geschürft. Türkisfarben und friedlich liegt ein unbewegter See am Boden, Vögel schweben unaufgeregt darüber. Nichts außer einer schmutzigen Messingtafel erinnert mehr an all das Leid und die tausenden Toten der Mine.
Übernachtung: B&B Villa Palma (2)

12.-14. Oktober 2017, Reisetage: 284-286
Upington, Südafrika

Unsere letzten beiden Tage vor der Kalahari und der Grenze Botswanas verbringen wir bei Jackie. Die 82-jährige Bed und Breakfast Besitzerin ist eine Marke. Die ehemalige Opernsängerin, eine Grand Dame der alten Schule, hat mit dem Rentenalter ihrer Heimat Schweiz den Rücken gekehrt. „Was sollte ich machen. Nach dem Singen habe ich Piloten ausgebildet. Aber als Rentnerin dort leben. Niemals“, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. „Ich bin immer nur Motorrad gefahren. Auch im Schnee und hier in Afrika. Ein Auto? Viel zu langweilig. Bis meine Tochter es mir mit 75 verboten hat. Den Führerschein für das Auto habe ich dann erst hier gemacht. Naja ich habe ihn eigentlich nicht geschafft. Aber in Afrika kann man ja vieles regeln.“
Jackie und Hannes verstehen sich blendend. Schon beim Frühstück mit allerlei europäischen Delikatessen im barocken, nur knapp am Kitsch vorbei geschrammten Garten, hören die beiden historische Opern Aufnahmen.

Mit von Svenja in der Zwischenzeit gekauften Vorräten für mehrere Tage brechen wir auf nach Botswana, in die Kalahari, eine der faszinierendsten Gegenden der Welt.
Übernachtung: A la Fugue Guesthose(1)

Was wir aus Südafrika in guter Erinnerung behalten werden:

  • Mitre’s Edge, die Familie und deren Meute
  • Kap Agulhas, Ende und Beginn einer besonderen Reise
  • Tölpel und Pinguine, zwei lustige Vögel

Was uns weniger gefallen hat:

  • Das zugebaute Western Cape
  • Die Narben der Diamantenindustrie
  • Kapstadt, zumindest in der Ferienzeit

Reiseliteratur:

  • Reiseführer: Lonely Planet Südafrika, Lesotho & Swasiland, Lonely Planet Deutschland, 2016.
    Einer der wenigen Guten aus dem Verlag.
  • Lawrence Anthony: Der Elefantenflüsterer. Mein Leben mit den sanften Riesen und was sie mir beibrachten, mvg Verlag 2010.
    Eine bezaubernde, wahre Geschichte. Wer Elefanten mag, wird das Buch lieben.