Mauretanien

Mauretanien

Als wir uns mögliche Routen durch Afrika angesehen haben, war für uns klar: Entlang der Westküste ist es nicht möglich. Mauretanien ist im Weg. Ist das nicht eine Hochburg der Terroristen? Westliche Medien berichten vornehmlich Negatives, das Auswärtige Amt veröffentlich beständig Reisewarnungen für den Norden des Landes, mit dem Auto über die Grenze aus Marokko zu fahren, sei so gut wie unmöglich und das Visum müsse aufwendig in Berlin beantragt werden. Einige Recherchen und Gespräche später wussten wir mehr und die Route erschien uns machbar.
Die Islamische Republik Mauretanien ist dreimal so groß wie Deutschland mit nur 3 Millionen Einwohner. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört den arabisch-berberischen Mauren an. Sie haben die politische und wirtschaftliche Macht und diskriminieren die negro-mauretanischen Ethnien. Traditionell waren die Mauren Land- und Viehbesitzer. Zur Ausführung schwerer Arbeiten wurden schwarzafrikanische Sklaven eingesetzt, die sogenannten Haratin. Bis heute soll es, wenn auch in verdeckter Form, Sklaverei in Mauretanien geben.
Das Land gehört zu den ärmsten der Welt. In dem überwiegend aus Wüste bestehenden Staat gibt es außer kläglicher Landwirtschaft zwar sehr reiche Vorkommen an Fisch, Eisen, Kupfer und Erdöl. Die Lizenzen sind aber alle an Industriestaaten vergeben. Von den Einnahmen kommt im Land fast nichts an. Deutschland steht an dritter Stelle der Abnehmer von Eisenerz.
Diverse Reiseberichte im Netz beschrieben von dem Land auch nichts Sehenswertes. Nach alledem hatten wir nicht viel erwartet und wollten das Land möglichst rasch auf der Küstenstrasse passieren.

20.-21. Februar 2016, Reisetag: 38-39
Nouadhibou, Mauretanien

Der Weg bis zur Grenze ist ähnlich der letzten Tage durch die West Sahara. Auf der Strecke ist kaum Verkehr. Offensichtlich gibt es auch keinen Handel mit Marokko, kein Laster ist unterwegs.

An der Grenzstelle Marokko geht das Prozedere sehr schnell. Wir haben unsere Pässe, das Einreiseformular und die Autopapiere bereit und sind in wenigen Minuten durch. Die Strecke bis zur Mauretanischen Grenze ist legendär, im Internet gibt es jede Menge Horrorgeschichten. 5 km Niemandsland, nur Sand mit einer kaum sichtbaren Piste, links und rechts davon Landminen und andere schöne Dinge. Wir sind verständlicherweise ziemlich aufgeregt, glauben aber die Geschichten nicht, zumal jeden Tag selbst LKW die Strecke problemlos passieren. Allen Mut gefasst fahren wir in der deutlichsten Spur durch den Sand. Es folgt ein surrealer Anblick wie die Kulisse eines Endzeitfilms. Neben den Pisten liegen alte, ausgeschlachtete Autowracks, in einigen leben völlig verwahrloste Gestalten, mitten im staatenlosen Gebiet. Eine alte Frau steht splitternackt neben einem ausgebrannten Bus und sieht uns ausdruckslos hinterher.

Prompt verfahren wir uns und landen in einem riesigen Parkplatz auf dem neuwertige Luxusautos mit europäischen Kennzeichen geparkt sind. Wir fragen uns, was die hier machen, wollen es aber lieber gar nicht wissen und fahren schnell an den wild gestikulierenden „Parkwächtern“ vorbei.
Auf die mauretanische Grenze hatten wir uns im Internet eingestellt. Wir wollen alle beschriebenen inoffiziellen „Beamten“ und Helfer abweisen und kein Schmiergeld bezahlen. Die Fahrertür lässt sich kaum öffnen, wir werden sofort von vielen Männern bedrängt. Keiner trägt Uniform, alle haben dunkle Turbane bis zum Hals gewickelt und Sonnenbrillen über die freien Augenschlitze. Der ein oder andere hat die Kalaschnikow lässig über die Schulter gehängt. Für Svenja ist das zu viel, die negative Berichterstattung und der Anblick dieser „Drogenmafia“ verunsichert sie total. Alles gute Zureden nützt nichts. Bis zum Abschluss der Grenzformalitäten sperrt sie sich im Auto ein, traut sich nicht einmal, das Fenster einen Spalt zu öffnen und bringt so einen Saunagang von einer guten Stunde hinter sich.
Hannes hat derweil im Grenzbüro seinen Spaß. Ein Polizist schreibt auf einen Zettel Hannes und Svenjas Alter, macht einen Differenzstrich und fragt, ob der Unterschied stimme. Das sei sehr gut, meint er. Er schreibt seine und seiner Frau Daten auf, sie ist drei Jahre älter. Das sei nicht so gut, meint Hannes. Auf die Frage, wie man sowas mache, kommt Hannes Rat, sich die Haare lang wachsen zu lassen. Alle Beamten lachen sich halb tot und erledigen für uns alles in Rekordzeit. Die letzte Kontrolle auf den im Land verbotenen Alkohol beschränkt sich auf einen kurzen Blick ins Auto, wir hätten ohnehin keinen dabei gehabt. Als Gegenleistung will der Beamte ein Eau de Toilette. Hannes meint, er soll doch mal seine Nase anstrengen. Wenn wir eines hätten, würde es nicht so unangenehm riechen. Mit einem freundschaftlichen Klapps auf die Schulter werden wir nach Mauretanien gelassen.
Schade, wie auch wir von Vorurteilen und Bildern geprägt werden. Die mauretanischen Beamten waren unglaublich freundlich, obwohl Hannes sie mit inoffiziellen Helfern verwechselt, alle vom Auto vertrieben und beschimpft hat. Eine weitere Lektion für Afrika: Uniform ist kein sicheres Erkennungszeichen, die wichtigsten Beamten tragen zivil.
Das filmreife Terroristen Aussehen der Polizei ist auch verständlich. Die langen traditionellen Umhänge, Darrah genannt, mit gewickelter Kopfbedeckung sind der ideale Schutz vor Sonne, Sand, Wind und Fliegen. Die Beamten stehen stundenlang in der Hitze auf der Straße. Auch Lastwagenfahrer legen sich zum Mittagsschlaf im Schatten des LKW auf die Darrah und ziehen das große Tuch über das Gesicht.
Abends erreichen wir ein Camp in einer fantastischen Bucht vor Nouadhibou. Es gibt nur einfache Hütten ohne Strom. Mauretanien erscheint uns schon am ersten Tag viel ursprünglicher als Marokko.

Wir treffen Michael aus Stuttgart, der sich einen Führer organisiert hat. Netterweise bietet er uns an, auch unsere Reisepläne zu besprechen. So sitzen wir am nächsten Morgen bei mauretanischem Tee im Haus des Führers und beraten über mögliche Routen.

Der Schwabe reist im Land Rover mit Balu, einem riesigen schwarzen Briard. In der Stadt ist damit nicht mehr Svenja die Hauptattraktion. In ganz Mauretanien gibt es vermutlich keinen so großen Hund und noch dazu mit schwarzen Zotteln. Die Kinder und Frauen rennen schreiend davon.

Auf dem Weg in die Stadt fahren wir an einem Ziegen- und Kamelmarkt vorbei. Hunderte von Tieren sind irgendwie angebunden und dazwischen wuseln die Händler. Das Leben in Mauretanien ist überraschend teuer. Die Preise für Diesel und Essen sind fast wie in Deutschland. Das Land hat wenig Anbauflächen und muss Lebensmittel importieren. Die Landbevölkerung ernährt sich überwiegend von Kamelmilch, Kamelfleisch und Datteln. Die Ziegen im Notfall auch von Zigarettenschachteln.

Wir sehen den schwersten Bahnzug der Erde. Im Landesinneren liegen Mauretaniens Eisenvorkommen. Zweimal täglich fährt die Bahn an die Küste, wo die Rohstoffe weiter verschifft werden. Mit über 200 Wagons gilt der Zug auch als der längste der Welt. Auf den Wagons sitzen Menschen und Tiere. Im Reiseführer wird die 16 stündige Mitfahrt auf dem Wagen als ultimatives Abenteuer beschrieben. Um nicht gänzlich pechschwarz anzukommen, solle man sich in Müllsäcke einwickeln. Wir verzichten.
Übernachtung: L`Auberge des Dauphins (4)

22.-23. Februar, Reisetag: 40-41
Nationalpark Banc d`Arguin, Mauretanien

Der Schwabe schließt sich uns mit seinem Auto an. Wir starten Richtung Nationalpark Banc d`Arguin, seit 1989 UNESCO-Weltnaturerbe. Der Park ist ein wichtiges Überwinterungsgebiet für Zugvögel mit Sanddünen, Mangroven und vielen kleinen Inseln.

Wir schlafen zwei Tage im Auto an von der Parkverwaltung vorgeschriebenen Stellen. Es liegen daneben kleine Fischerdörfer an der Küste, in denen wir mit leckerem Fisch bekocht werden.

In Iwik, dem Hauptort des Parks, mieten wir ein Fischerboot und fahren auf die vorgelagerten Inseln. Das einfache Holzboot mit vor dem Mast angeschlagenem Längssegel ist hier vermutlich seit Urzeiten unverändert. Wir angeln mit dünner Nylonschnur und Ködern frischen Fischs. Hannes ist der einzige von uns, der etwas fängt. Anfängerglück. Direkt auf dem Holzkahn wird der Fisch mit Reis gekocht. Wir sitzen mit der Mannschaft im Kreis und essen mit der rechten Hand. Es schmeckt herrlich, auch wenn wir in Sachen Hygiene unser Hirn ausschalten müssen.

Vor allem Flamingos, Pelikane und Kormorane können wir auf dem Ausflug beobachten. Balu haben wir natürlich mit an Bord, was die Einheimischen sichtlich amüsiert. Sie haben sicher noch nie einen Hund auf einem Schiff gesehen. Vor Abfahrt gab es unter der Mannschaft eine längere Diskussion. Bestimmt bringen große schwarze Tiere unsägliches Unglück an Bord.

Wir trennen uns von Michael und fahren eine Piste in den Süden direkt am Strand, die nur bei Ebbe passierbar ist. Bis die Flut vorbei ist, warten wir am Strand, kochen Kaffee bei 38 Grad, lesen unsere Reiseführer und schauen einem alten Fischer bei der Arbeit über die Schultern.

Die weitere Fahrt direkt am Meer ist unbeschreiblich schön aber anspruchsvoll. Man muss aufpassen, nicht zu nah am Wasser im nassen Sand stecken zu bleiben. Das Wrack eines deutschen VW Buses zeigt uns was passiert, wenn wir das Auto vor der Flut nicht wieder frei bekämen.
Übernachtung: Wildes Campen im Nationalpark (1)

24.-25. Februar 2016, Reisetag: 42-43
Nouakchott, Mauretanien

Nouakchott überrascht uns. Wir hatten uns eine verdreckte und total chaotische Stadt vorgestellt. Es ist zwar staubig, aber der Verkehr ist weit geordneter als in anderen afrikanischen Städten. Kein Vergleich zu Marrakesch. Größtenteils halten die Autos sogar bei Rot und fahren nicht aggressiv hupend. Wir kommen gut zurecht, vielleicht haben wir uns auch schon an so Manches gewöhnt.
Im Stadtbild sind viele Schwarzafrikaner zu sehen. Händler tragen Ihre Waren auf dem Kopf, die Menschen sind deutlich vergnügter als im Norden. Wir kommen Schwarzafrika merklich näher. Natürlich will uns jeder etwas verkaufen, akzeptiert aber schon das erste „nein Danke“. Die Menschen sind sehr freundlich und respektvoll. Zwischen Rostlauben und teuren Autos fahren jede Menge Eselkarren. Kinder und Menschen mit körperlicher Behinderung betteln an den roten Ampeln. Die Stadt ist nach westlichen Maßstäben zwar nicht schön, hat aber Flair und verbreitet eine gute Stimmung.

Zum Kauf einer mauretanischen SIM Karte parken wir in der dritten Reihe, typisch afrikanisch. Uns spricht ein Mauretanier in perfektem Deutsch an. Melainine lebt seit vielen Jahren in Mannheim, arbeitet an der Universitätsklinik und besucht gerade seine Familie. Er hilft uns, die Telefonkarte zu besorgen und fährt mit uns zum gemütlichen zweiten Frühstück. Dank ihm bekommen wir auch die uns ausgegangenen Medikamente. Er zeigt uns stolz sein Haus und stellt uns seiner Mutter vor. Sofort werden wir auf das herzlichste mit Tee bewirtet und werden Freunde. Wir werden ihn sicher in Deutschland einmal besuchen, solange er noch da ist. Melainine erlebt in Deutschland immer mehr Fremdenfeindlichkeit und will mit seiner deutschen Frau und Kind nach Mauretanien ziehen.

Dank ihm bekommen wir Weiteres über Land und Leute erklärt.
Auf den ersten Blick scheint es nicht so, aber Frauen haben wesentlich mehr Rechte als in anderen islamische Ländern. Sie bestimmen im Haus, können ihr eigenes Geld verdienen und sind in der Öffentlichkeit präsent. Geht die Frau über die Straße oder möchte einen Parkplatz haben, hat sie immer Vorfahrt. Da es keine staatliche Altersvorsorge gibt, ist es dennoch für jede Frau wichtig, verheiratet zu sein und Kinder zu bekommen. Die Mehrheit heiratet als Teenager. Scheidungen sind überraschenderweise häufig, ein Zusammenleben ohne Ehe jedoch unmöglich.
Die Teekultur ist seit den Engländern auch in Mauretanien ein Ritual der Gastfreundschaft. Grüner Tee, viel Zucker und nach Geschmack auch frische Minze werden mehrmals aufgekocht und immer wieder unter laufendem Probieren umgeschüttet. Die Höflichkeit gebietet, das kleine Gläschen dreimal dankend anzunehmen. Der Volksmund sagt, das erste Glas sei bitter wie die Geburt, das zweite süß wie das Leben und das dritte sanft wie der Tod. Unglaublich stark sind alle drei. Das Teekochen ist ausnahmslos Männersache. Alle anderen Küchenarbeiten sind für die Frau reserviert. Melainine lädt für uns extra seinen Freund Moukthar für die Zubereitung des Tees ein.
Übernachtung: Hotel Monotel (3)

26. Februar 2016, Reisetag: 44
Atar, Mauretanien

Das bisher Erlebte hat uns begeistert und wir beschließen, auch das Landesinnere zu besuchen. Richtung Nordost führt über 440 km eine Teerstraße nach Atar, dem Ausgangspunkt für die dahinterliegende Sandwüste und die Oasenstädte.
Statt Kühen auf der Weide gibt es hier Kamelherden im Sand. Mangels Zäunen trottet auch eines mal über die Straße und frisst das spärliche Grün des seltenen Mittelsteifens.

Die Polizei sammelt mit Vorliebe Fiche von den Touristen, um sie ordentlich abzuheften. Wir haben in Nouakchott glücklicherweise zusätzlich 100 Stück kopiert. Die Beamten stellen meist Fragen zu unserer Route. Viele möchten einen zweiten Fiche, da sie ohne Lesekenntnis nicht sehen, dass unserer beiden Angaben auf einem Papier stehen.
Bei Akjoujt gibt es eine Kupfermine, die dank des hohen Rohstoffpreises wieder betrieben wird. Nach der Unabhängigkeit Mauretaniens war der Marktpreis so gefallen, dass der Abbau eingestellt wurde. Das nahegelegene einfache Dorf hat darunter sehr gelitten. Es gibt so gut wie nichts zu kaufen. Der Versuch, ein Restaurant zu eröffnen, ist seit Jahren gescheitert. Vermutlich um dem Geschmack der europäischen Angestellten zu entsprechen, sollte es ein Fast Food Restaurant werden. Kurzer Hand bekam es ein entsprechendes selbstgebasteltes Schild.

Die Oase Terjit gilt als eine der schönsten des Landes. Wir sind begeistert. Durch die traditionellen kleinen Rundhütten fließt ein Bach, der von immer sprudelnden heißen Quellen gespeist wird. Die Bewohner haben sogar kleine Ziergärten angelegt. Wir werden als einzige Gäste bestens bewirtet mit Spaghetti mauretanischer Art in süßer Zwiebelsoße und hiesigen Datteln. Sie sind tiefschwarz, klebrig und schmecken wie Karamellbonbons.

Hannes zeigt den Männern unsere Karte Mauretaniens. Sie sind erfreut, wie groß ihr Land ist, können aber nicht lesen und begutachten die Karte lange miteinander diskutierend. Es ist faszinierend, dass es noch Menschen ohne eine Vorstellung der Welt gibt. Die Uhren gehen hier anders, wie auch sonst im Land. Die Regierung hat den islamischen freien Wochentag von Freitag auf Sonntag umgestellt, vermutlich der ausländischen Firmen zuliebe. Die Bevölkerung hat dies gerne aufgenommen, den Freitag aber gelassen. Jetzt sind viele Geschäfte von Freitag bis Sonntag zu.

In Atar suchen wir das Camp Bab Sahara auf, früher ein bekannter Treffpunkt der Off-roader. Leider sind die Besitzer seit letztem Jahr wieder nach Europa gezogen und das Camp verfällt langsam. Es leidet unter dem Rückgang des Tourismus. Seit dem Anschlag 2007 auf Touristen in einer ganz anderen Gegend, kommen fast keine Gäste mehr nach Mauretanien. Glücklicherweise treffen wir im Camp eine Berlinerin und zwei Österreicher, die seit Jahren nach Mauretanien reisen. Sie machen für uns unvorstellbare Touren durch die Wüste. Ihre Tipps und GPS Routen helfen uns sehr.
Übernachtung:  Campingplatz Bab Sahara (3)

27. Februar 2016, Reisetag: 45
Ouadane, Mauretanien

Der Weg Richtung Ouadane besteht zum größten Teil aus Waschbrettpiste. Es wird immer bergiger und die Gesteine nehmen faszinierende Formen an.

Wir übernachten im Camp einer Einheimischen. Es ist die bisher schönste und sympathischste Unterkunft in Mauretanien. Wir werden herzlich umsorgt und Svenja isst zum ersten Mal Kamel. Das Fleisch ist zäh und hätte auch Rind sein können.

Sie erkundet in der Abendsonne die Ruinen der alten Stadt. Ein fast blinder Aufseher führt sie auf Französisch. Ouadane wurde im 12. Jahrhundert von vier Mekka Pilgern gegründet. Der Name stammt von zwei ausgetrocknete Flusstäler, sogenannte Queds, die hier zusammentreffen. Der Name des einen bedeutet Weisheit, der andere „Datteln als Lebensspender“. Für den Karawanenhandel war hier ein wichtiger Umschlagplatz für Gold, Datteln, Salz und Sklaven. Das Minarett der ältesten Moschee ist noch gut erhalten und gibt einen schönen Ausblick auf die Ruinen, die sich den Hang hinaufziehen. Die zweite Moschee wird heute noch genutzt, weshalb uns der Zutritt verwehrt bleibt. In Mauretanien dürfen leider nur Muslime eine Moschee betreten.

Auf dem Rückweg besichtigt Svenja im neuen Stadtteil eine Koranschule. Kinder ab 3 Jahren sitzen auf dem Lehmboden und lernen Leitsätze aus dem Koran auswendig. Ab 6 Jahren gehen fast alle in die Grundschule.

Uns fällt auf, dass viele Männer husten und unappetitlich auf den Boden spucken. So auch Svenjas Führer, der ihr immer wieder vor die Füße spuckt. Wir vermuten neben befremdlicher Manieren Atemwegsbeschwerden, die durch den allgegenwärtigen Sand verursacht werden.

Die einzige “Tankstelle” in der Stadt hätten wir ohne Hilfe nicht gefunden.

Übernachtung:  Vasque Chez Zaida (1)

28. Februar 2016, Reisetag: 46
Felsgravuren, Mauretanien

Am Vormittag bleiben wir auf der ersten Sandpiste stecken. Diesmal sind wir alleine. Erstmal lassen wir Luft ab und dann wird gegraben. Hannes mit den Händen und Svenja mit der Kehrschaufel. Eine halbe Stunde später sind wir nach mehreren Versuchen dank der Sandbleche wieder raus. Mit einem Bar Reifendruck gleitet der Toyo durch den Sand. Wir sind mitten in der Wüste, kein Mensch ist weit und breit. Das Gefühl ist sensationell. Zum Glück haben wir GPS Tracks, viel Wasser an Bord und zur Sicherheit in der letzten Unterkunft unsere Route und die geplante Rückkehr hinterlassen.

Wir fahren durch die 40 km Durchmesser des Kraters Guelb-Er-Richat. Zu seiner Entstehung gibt es viele Theorien. Wahrscheinlicher als ein Meteoriteneinschlag, von denen wir viele andere sehen, gilt heute ein kurz vor dem Ausbruch zusammengesackter Vulkan.
Der Krater besteht aus einer Anordnung mehrerer konzentrischer Ringe. Die Pisten über die Felshügel sind ziemlich anspruchsvoll und wir müssen Luft in die Reifen pumpen, die scharfen Steine schlitzen die Reifen sonst auf.

Auch die weitere Landschaft ist spektakulär. Die Wüstenpisten führen uns durch eine Ebene zwischen hohen Sanddünen und Bergketten. Immer wieder sehen wir halbwilde Wüstenesel. Sie haben die Statur eines Zebras, erst von der Nähe erkennt man sie als Esel.

Wir brauchen den ganzen Tag für die 200 km bis zu den Felsgravuren östlich des Kraters. Unser GPS zeigt abends eine Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 28 km/h.
Bevor es dunkel wird, gibt es wieder leckere Pasta a la Hannes. Wir liegen im Bett und beobachten durch die Dachluke den Sternenhimmel. Hier sind wir wirklich weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Nur der Ruf einer Eule hallt durch die Nacht.
Übernachtung: Wild Campen (1)

29. Februar 2016, Reisetag: 47
Chinguetti, Mauretanien

Nach der gestrigen Erfahrung rechnen wir mit einem langen Auto Tag. Wir sind schon bei Sonnenaufgang auf den Felsen und suchen die neolithischen Steinritzungen. Es ist beeindruckend, wie die Menschen vor unserer Zeit die Zeichnungen weit sichtbar in die hohen Felsen schlugen. Wir erkennen vor allem Ziegen und kuhartige Figuren, daneben Menschen als Jäger mit Speeren und Schild.

Drei Stunden fahren wir durch die Sandwüste nach Chinguetti, ohne Spuren nur nach GPS Daten. Der unterschiedlich zu fahrende Sand wechselt von orange zu gelb nach weiß.
An diesem Nachmittag haben wir das aufregendste Erlebnis all unserer bisherigen Reisen. Das können wir aber nur persönlich erzählen.
Übernachtung: Auberge La Gueila (1)

1. März 2016, Reisetag: 48
Strecke: Chinguetti-Tidjikja, Mauretanien

Chinguetti liegt am Ende des Adrar-Plateaus und dem Beginn der Ouarane-Dünen, die sich bis nach Mali ziehen. Die Stadt gilt als siebtheiligste Stadt des Islam und wurde im 13. Jahrhundert gegründet. Sie war einst das kulturelle und religiöse Zentrum der ganzen Sahara. Interessant ist für uns vor allem die Bibliothek. Die Manuskripte beinhalten Physik, Mathematik, Philosophie und Islamkunde. Am meisten beeindruckt uns ein Buch mit Darstellungen des heliozentrischen Weltbilds aus dem 14. Jahrhundert, lange vor Galileo und Kopernikus.

In Mauretanien gibt es von Nord nach Süd außer der Küstenroute keine geteerte Straße. Wir wollen aber nicht dieselbe Route über Atar an die Küste zurückfahren, sondern mithilfe von GPS Tracks auf alten Pisten direkt nach Süden. Wir können nicht herausfinden, wie lange wir unterwegs sein werden. Die Auskünfte gehen von ein paar Stunden bis zu einigen Tagen. Insgesamt sind wir zwei lange Tage unterwegs. Keine Menschenseele ist weit und breit. Hannes rechnet schon aus, wie lange man zu Fuß unterwegs ist, wenn das Auto entsprechend Murphy’s Gesetz genau bei der Hälfte der Strecke aufgibt. Er kommt auf eine Woche Fußmarsch bis man auf einen Hirten mit seinen Kamelen trifft. Wir reden unserem Toyo gut zu.
In Mauretanien ist Toyota das Maß aller Fahrzeuge. Politiker und andere wichtige Leute fahren einen modernen Land Cruiser V8, das Militär und wir Buschtaxi. Kamele hingegen bevorzugen Pickup.

Die Landschaft ist karg aber im Detail sehr abwechslungsreich. Wir sehen Steine von schwarz bis rot, Meteoritenkrater, Sanddünen, verschiedene Büsche, einzelne Bäume und sonstiges Gestrüpp. Uns gefällt es sehr.
An das Camping im Buschtaxi haben wir uns gut gewöhnt. Die Handgriffe sitzen. Wir haben gelernt: Erstmal einen geraden Stellplatz finden, sonst liegt der Kopf beim Schlafen nach unten. Wenn möglich, sollten wir windgeschützt parken, andernfalls direkt in Windrichtung. Ein Campingplatz hat zwar den Vorteil, dass wir Wasser auffüllen und unser Wäsche waschen können. Wir bekommen auch häufig Tipps für die Route. Andererseits ist es oft ziemlich hell und laut. Leute unterhalten sich bis spätnachts, Ziegen meckern, Hunde bellen und der Muezzin ruft zum Gebet. Da genießen wir die Ruhe der Wildnis umso mehr.
Übernachtung: Wildes Campen (1)

2. März 2016, Reisetag: 49
Matmata, Mauretanien

Weiter geht das Geholper über Steine und durch Sanddünen. Nach gut einem halben Tag treffen wir plötzlich im Nirgendwo auf ein Stück nagelneue Teerstraße. Wie wir später erfahren, ist sie ein „Geschenk“ der chinesischen Regierung an Mauretanien.
Wir kommen nach zwei Tagen nach Tidjikja, einer Kleinstadt ohne etwas Sehenswertes. Unsere Begeisterung für die bisherige Landschaft lässt uns noch einen weiteren Umweg nach Matmata machen. Dort ist einer der letzten Plätze, an dem es angeblich noch Sahara Krokodile geben soll. Sie galten schon als ausgestorben, bis eine britische Zoologin ein paar Exemplare hier und an einem See in Algerien gefunden hat.
Nach 20 km Sandpiste und einem schwierigen Anstieg auf ein Felsplateau campieren wir kurz vor der Wasserstelle. Wir sind sehr gespannt auf morgen. Laut den Beschreibungen soll es hier nicht nur Krokodile, sondern auch eine riesige Schlange, den ebenfalls fast ausgestorbenen Felsen Python geben. Das zu lesen trägt nicht gerade zu Svenjas gutem Schlaf bei. Sie trinkt abends nichts mehr und geht die ganze Nacht kein einziges Mal aus dem Auto.
Übernachtung: Wild Campen bei Matmata (1)

3. März 2016, Reisetag: 50
Aleg, Mauretanien

Sobald es hell wird, gehen wir auf die Suche nach den überaus scheuen Krokodilen. An einem kleinen See setzen wir uns auf die Felsen und warten lange. Wir sehen nur einige Wasserschlangen durch das Wasser schwimmen. Wir gehen erstmal zurück zum Auto und frühstücken.

Mit der Sonne wollen wir es noch einmal versuchen, wahrscheinlich schlafen die Krokos noch. Ein Hirte reitet mit seinem Kamel an uns vorbei, er zeigt uns gerne den Weg. Hier sind wir an der falschen Stelle. Es ist nur ein kleiner Tümpel, nicht die große Wasserstelle ein oder zwei Kilometer weiter. Typisch für uns.

Wir sind sehr froh, den schwierigen Weg nach Matmata gefahren zu sein. Für uns ist es mit die schönste Stelle Mauretaniens. Ein Land, das auch sonst mit spektakulären Landschaften nicht geizt. Das Felsplateau fällt plötzlich, von weitem unsichtbar, senkrecht vielleicht an die fünfzig Meter ab. Unten liegt in einem Halbkreis ein brauner, ganzjähriger See inmitten riesiger Wüste.
Ein Krokodil sonnt sich im Sand. Gut, dass wir von hier oben weit genug weg sind. Wir bleiben lange und beobachten fünf Stück am Ufer und im Wasser. Sie sind etwa 2-3 Meter groß und leuchten intensiv grün-grau. Wir sind sehr glücklich, diese letzten Tiere zu sehen. Nur der Felsen Python hat sich versteckt, leider oder für Svenja zum Glück.

Der Süden Mauretaniens erscheint uns einfacher als das übrige Land. Zwischen Hütten stehen Zelte, das Wasser wird per Hand aus den Brunnen geschöpft. Überall in den Dörfern liegt Plastikmüll und die Tiere stehen in ihrem eigenen Mist. Durch die Abgeschiedenheit haben die Leute hier nur wenig. Obst und Gemüse finden wir kaum, meist werden nur Zwiebeln und Brot an den Ständen angeboten. In der Regenzeit kämpfen die Menschen mit Überschwemmungen. Mehrere Schilder der NGO wie UNICEF weisen auf Hilfsprojekte hin.
Die Landschaft bis Aleg ist eine ebene Sandsteppe mit mehr Vegetation als im Norden. Es laufen viele Tiere frei und sind eine Gefahr auf der Straße. Am Rand liegen viele Autofracks und Tierkadaver. Die lang ersehnte neue Teerstraße bis Rosso wurde von der Regierung „Route de l´Espoir“, Straße der Hoffnung, genannt. Im Volksmund heißt sie heute „Route de Cadavre“.

Uns kommen viele Laster entgegen, von denen der ein oder andere völlig überladen zusammenbricht. Andere LKW sind vom daneben betenden Fahrer mitten auf der Straße abgestellt.
Die Menschen in Aleg sind wenig umgänglich. Die Männer sprechen offensichtlich religiös motiviert ausschließlich mit Hannes und ignorieren Svenja. Wir halten ihnen zugute, dass sie mangels Touristen im Umgang mit uns vermutlich unsicher sind.
Übernachtung: Einziges Hotel in Aleg (4)

4. März 2016, Reisetag: 51
Bei Saint-Louis, Senegal

In der Nähe des Senegal Flusses verändert sich die Landschaft. Größere Felder werden bewirtschaftet und es gibt viel Grün. Zu unserer Freude sehen wir den ersten Mangobaum. Bis zur Reife ist es leider noch ein Monat. In Rosso, der Hauptgrenzstadt zum Senegal, schlendern wir über den Markt. Ein typisch afrikanischer Markt. Wir finden ein Kopiergeschäft, in dem wir unsere neue internationale Versicherungsbestätigung ausdrucken können. Wir besitzen den Luxus einer Vollkaskoversicherung für Afrika, deren deutsche Bescheinigung uns leider bei den Polizeikontrollen nichts hilft. Andere kaufen an jeder Grenze eine teure, aber nutzlose Landesversicherung, um den Schmiergeldforderungen der Beamten zu entkommen. Wir haben uns kurzerhand eine eigene dreisprachige Bescheinigung gebastelt mit vielen bunten Logos europäischer Verbände. Bis jetzt hat sie sich bestens bewährt. Später hat ein Beamter in Guinea-Bissau seinem jüngeren Kollegen sogar erklärt, wie ein solch gängiges Dokument zu lesen sei.

Wir fahren zur anderen Grenze durch den Diawling Nationalpark, da das Prozedere in Rosso als schrecklichste Grenze Westafrikas beschrieben wird. Der Umweg lohnt sich. Wir sehen verschiedene Vögel und Warzenschweine.
Insgesamt brauchen wir an der relativ entspannten Grenze bei Diama nur 1 ½ Stunden. Dreimal versuchen Beamte vergeblich, uns für irgendetwas abzukassieren. Sogar der Angestellte für die Sperrkette will mit einem selbstgedruckten Quittungsblock eine erfundene Gemeindesteuer eintreiben. Auch ihm zahlen wir nichts.
Polizeikorruption ist dem Vernehmen nach in ganz Westafrika leider weit verbreitet. Wir sehen später Grenzbeamte einem Eselkarren fürs Passieren ein Zehntel des Monatslohns abnehmen. Touristen, die aus Angst vor der Polizei ohne Widerrede viel bezahlen, tragen zu dieser Wegelagerei bei. Unterwegs treffen wir später einen Deutschen, der den Polizisten extra Nivea Döschen und Teebeutel als Geschenk mitbringt.
Wir haben uns entschieden, falls nur irgend möglich, nichts zu bezahlen. Hannes reagiert auf Geldforderungen meist zunächst gelassen und fordert konsequent einen Beleg. Falls auch weitere Weigerung nichts hilft, leistet sein Anwaltsausweis gute Dienste. Darauf steht missverständlich in drei Sprachen „Anwalts Ausweis der Europäischen Union“. Das hochoffizielle Dokument wird mit der Erklärung präsentiert, man sei Anwalt bei der Europäischen Union und dürfe ohne Quittung und ausführlichen schriftlichen Bericht für die Europäische Kommission leider überhaupt gar nichts bezahlen. Bisher hat selbst der hartnäckigste Beamte daraufhin auf die, natürlich „berechtigte“, Geldforderung „ausnahmsweise“ verzichtet.
Unser Tacho zeigt 10.000 km seit Reisebeginn, wir sind in Schwarzafrika. Spät abends erreichen wir die Zebra Bar bei Saint-Louis, eine Institution der Afrikafahrer. Drinks und ein Drei-Gänge-Menü in schweizerischer Qualität heißen uns in der Zivilisation willkommen. Wir sind auch ein bisschen traurig. Mauretanien mit seinen spektakulären einsamen Landschaften und seinen offenherzigen Menschen werden wir nie vergessen. Vielleicht kommen wir wieder. Inschallah.
Übernachtung: Zebra Bar (1)