Kongo

Kongo (Rep. Kongo, DRC)

Der Kongo, richtiger die beiden Kongos sind eine weitere Hürde für Westafrika Fahrer. Nach Nigeria ist es die letzte auf dem Weg Richtung Süden nach Kapstadt. Neben der mehr als üblichen Polizeikorruption sind vor allem die angeblich miserablen Straßenzustände zu meistern. Besonders in der Regenzeit sind sie berüchtigt. Der Monat unserer Durchfahrt, November, ist der regenreichste des Jahres. Wir sind gespannt.

Die nur aus drei, vielleicht vierhundert Kilometer Luftlinie bestehende Distanz durch die Republik Kongo und die Demokratische Republik Kongo wollen wir so schnell wie möglich hinter uns bringen. Nicht weil die Länder nicht sehenswert wären. Es sind vielmehr der Fristablauf unseres Angola Visums und unsere Ungeduld, in den Süden zu wollen, die uns vorantreiben. Auf dem Weg dahin ist der Kongo Fluss zu überqueren, über den es hier nur eine Brücke gibt. Diese bestimmt die einfachste der drei möglichen Routen. Sie führt im Wesentlichen immer an der Küste entlang, auf sehr guten Straßen. Diese Strecke ist damit beinahe alternativlos, könnte man sagen. Für Touristen ist sie aber so gut wie nicht machbar. Der Weg führt durch Cabinda, eine kleine angolanische Enklave, inmitten der beiden Kongos. Die Küste vor diesem winzigen, nicht mal hundert Kilometer breiten Landstrich ist eine der ölreichsten Afrikas. Entsprechend einträglich, politisch umstritten und vor neugierigen ausländischen Blicken geschützt sind dort die dubiosen Aktivitäten der ausländischen Ölkonzerne.
Angola stellt Europäern Touristenvisa nur zur einmaligen Einreise aus, mehr zu verlangen für mindestens 150 EURO pro Visum wäre vermutlich auch zu viel. Mit dem Besuch Cabindas wäre dieses verbraucht, ein zweites Visum für das eigentliche Angola haben wir nicht und ein solches wird auch nicht parallel zur Gültigkeit des ersten erteilt. Die einfachste Route ist damit für uns keine Alternative.
Die zweitbeste Möglichkeit führt über unbefestigte, fast unbefahrene Pisten zu einer kleinen, angeblich problemlosen Fähre über den Kongo bei Luozi. Die Strecke soll schwierig zu fahren, aber für gute Geländewagen machbar sein. Allerdings nur in der Trockenzeit. Seit Tagen regnet es im Kongo, keine Besserung ist angekündigt, womit für uns nur die dritte Möglichkeit bleibt.
Diese geht auf vielbefahrenen Straßen in die Hauptstadt des ersten Kongos, Brazzaville. Dort gibt es für den gesamten Transafrika Verkehr eine einzige alte Autofähre, deren Erlebnis als eines des interessantesten ganz Afrikas beschrieben wird. Unzählige Horrorgeschichten füllen die Internet Reiseforen. Aus ihrem Rollstuhl geworfene Fahrgäste, tausende Euro Schmiergeldforderungen, Haftandrohung gegen Touristen wegen angeblicher Quarantäneverstöße und ähnliches schrecken uns nicht besonders. Wir ordnen solche Berichte, wie alle anderen, bisher von uns auch nicht gesehenen, in die Kategorie erfunden oder zumindest maßlos übertrieben ein. Was vor allem Hannes allerdings mehr beunruhigt, sind die Bilder der in der Regenzeit zur Autoverladung eingesetzten Kräne. Sie erinnern ihn an Zeichnungen des ägyptischen Pyramidenbaus. Entsprechend häufig fällt angeblich das ein oder andere Auto vom Kran, wenige kommen unbeschadet in Kinshasa an, der Hauptstadt des anderen Kongos.

8. November Reisetag:  168
Dolisie, Rep. Kongo

Der Wechsel der Landschaft und der Vegetation durch die verschiedenen Klimazonen ist einer der beeindruckendsten Aspekte unserer Reise. Das uns bekannte gemäßigte Klima weicht nach den Gebirgen Marokkos der trockenen Savanne und diese der Wüste Sahara. Der Übergang geht dabei sehr schnell, nach nur wenigen Stunden Autofahrt Richtung Süden verändert sich das Landschaftsbild drastisch. Die immer karger werdende Vegetation beeinflusst auch maßgeblich das Leben der Menschen und deren Kultur. In Mauretanien sahen wir Frauen, die zwei Stück Tomaten und eine Handvoll Zwiebeln an ihren Marktständen verkauften. Zwei Stunden weiter südlich, am Senegal Fluss, trafen wir auf den ersten Mangobaum, die Märkte quollen über vor Gemüse und allerlei exotischen Früchten. Je weiter wir uns dem Äquator näherten, desto üppiger wurde die Vegetation. Ab Guinea-Bissau erlebten wir den Regenwald, der uns in Äquatornähe in Gabun am meisten beeindruckte.
Als wir die Grenze in den Kongo überqueren, fällt uns wieder die rasche Veränderung der Landschaft auf. Das satte, unendlich vielfältige Grün des Regenwaldes weicht mit jedem Kilometer nach Süden mehr und mehr den kargen Büschen und knorrigen Baobab Bäumen der Savanne. Gut tausend Kilometer weiter südlich liegen die ersten Sanddünen der Wüste Namib.

Mit der Grenze des Kongos verschwinden auch die meisten Fortschritte westlicher Vorstellung. Die wenigen Dörfer an der viel besser als befürchteten Sandpiste bestehen aus einigen einfachen Hütten. Anstelle eingerichteter Geschäfte gibt es hölzerne Verkaufstische, statt an Tankstellen wird das Gemisch für die wenigen uns entgegenkommenden, billigen chinesischen Motorräder in Flaschen am Straßenrand verkauft. Die Einheimischen sind überaus freundlich, alle Kinder winken uns zu, Touristen gibt es keine.
Landschaft wie Bevölkerung gefallen uns sehr gut. Hier dürfen wir es nochmal erleben, das ursprüngliche, einfache Leben Afrikas. Sicher ist es für die Einheimischen alles andere als einfach. Materieller Wohlstand, gute medizinische Versorgung, staatliche Sozialvorsorge und dergleichen sind die Dinge, die wir in unseren Gesellschaften mit einem glücklichen Leben gleichsetzen. Wir können das andere Leben hier nicht beurteilen, wir sind nur Besucher für jeweils ein paar Tage oder Stunden. Auffallend ist allerdings, dass die Menschen uns umso fröhlicher und gastfreundlicher entgegentraten, je weniger die von uns bereisten Regionen mit westlichen Gesellschaften in Kontakt waren. Wirklich bittere Armut und offensichtliches Leid haben wir nur dort gesehen, wo sich die Verheißungen unserer Gesellschaft für die Einheimischen nicht erfüllten, vor allem in den Armenvierteln der Städte.
Wir finden es schade, nur ein paar Tage für den Kongo zu haben. Die Berichte anderer Reisender vor uns waren durchwegs positiv. Unser Freund Wolfgang, der als Vorstand eines deutschen Industrieunternehmens den afrikanischen Markt betreute, hat uns die Gegend des Kongo Flusses bis zu dessen Staudämmen als eine der spektakulärsten des Kontinents empfohlen. Ein Grund mehr für uns, das Land noch einmal zu besuchen.
Dieses Mal müssen wir aber Gas geben. Trotz heftiger Regenfälle in den letzten Tagen kommen wir schon am ersten Tag deutlich weiter als geplant, fast 300 km über die schlammigen Pisten bis in die erste größere Stadt Dolisie. Todmüde fallen wir abends in das Hotelbett, erleichtert über unser gutes Durchkommen. Wir hatten auch Glück, von allen unseren Tagen im Kongo war dieser der einzige ohne starkem Regen.

Übernachtung: Grand Hotel (2)

9. November 2016, Reisetag: 169
Point-Noire, Rep. Kongo

Hannes schläft, wie in den Nächten zuvor spät und überlegt lange zwischen den drei Routen hin und her. Morgens beim Frühstück sagt er zu Svenja: „Ich habe bei dieser Fähre über den Kongo einfach kein gutes Gefühl. Auch wenn die Horror Geschichten sicher übertrieben sind, sollten wir uns lieber zu der kleineren Fähre durchschlagen. Gestern waren die Pisten auch besser als gedacht.“ „Das stimmt, aber die Strecke soll jetzt wirklich unmöglich zu fahren sein. Dann lass es uns lieber an der Küste versuchen“, entgegnet ihm Svenja. „Und nötigenfalls werden wir schon irgendeine Lösung an der Grenze finden, bis jetzt hat es auch jedes Mal funktioniert“, stimmt ihr Hannes zu. Somit entscheiden wir uns in letzter Minute, nach Cabinda zu fahren, in der Hoffnung unterwegs doch ein weiteres Angola Visum zu bekommen. Nötigenfalls wollen wir an der Grenze versuchen, ein Transitvisum zu „kaufen“, kostspieliger als die Hauptstadtfähre wird es schon nicht werden.
Hier In Dolisie hatte vor einem halben Jahr ein schweizerisches Paar als einzige von vielen Overlandern ein Transitvisum für Cabinda bekommen. Das wollen wir natürlich auch versuchen und erscheinen, der Wichtigkeit unseres Anliegens entsprechend herausgeputzt, Hannes im Anzug, in der Niederlassung Angolas. Unsere Hoffnung setzen wir auf die vermutlich schlechte elektronische Vernetzung des angolanischen Grenzschutzes und unsere deutschen Zweitpässe. Die Existenz des Touristenvisums im ersten Pass vergessen wir geflissentlich anzugeben, es wird im Antragsformular auch nur sehr klein gedruckt danach gefragt.
Hannes freut sich im Gespräch über seine verbliebenen Portugiesisch Kenntnisse. Der Landesvertreter behandelt uns daraufhin herausragend höflich und zeigt uns stolz das gerade vor einem Monat eingeführte vernetzte Visasystem, was uns etwas ins Schwitzen bringt. „Damit können sie sicher sehen, dass wir schon ein Visum haben“, meint Hannes. „Das wäre das erste Mal, dass sowas hier funktioniert“, erwidert Svenja, sichtlich gelassener. Wie meistens hat sie damit Recht. „Das Netzwerk ist noch nicht online“, erklärt uns der Botschafter. Und leider habe er auch keine Visa Etiketten für den Drucker und könne uns deswegen keine Transiterlaubnis geben. Das sei aber kein Problem, in Point-Noire, der letzten Stadt vor der Grenze, bekämen wir es sicher. Auf unsere Bitte hin ruft er sogar dort an. „Kein Problem, ihr könnt es am gleichen Tag noch mitnehmen“, verspricht er uns nach dem Telefonat.
Auf makelloser, kurvenreicher Teerstraße erreichen wir trotz vieler unüberholbarer Holztransporter nach drei Stunden Point-Noire. Nach dreckigen, sehr einfachen Vororten eröffnet sich an der Küste eine andere Welt. Die Ölindustrie ließ dort die Geschäfts- und Wohnviertel der vermögenden Ausländer entstehen. Diese beinahe surreal anmutende Inselgesellschaft gefällt uns wenig, wir machen aus dem ungewollten Aufenthalt aber das Beste und genießen etwas vom hier Gebotenen, vor allem in der ersten leckeren französischen Bäckerei seit langem.

Übernachtung: Palm Beach Hotel (1)

10. – 13. November 2016, Reisetag: 170-173
Point-Noire, Rep. Kongo

Wir wollen vom Luxus der westlichen Zivilisation auch dem Buschtaxi etwas zukommen lassen. Noch vor Öffnung der Botschaft Angolas sind wir beim Schnellservice des riesigen Toyota Autohauses. Wie sich später herausstellt, nicht umsonst. Weder was den Servicebedarf noch den Preis angeht. Das Auto bekommt eine völlig verschlissene hintere Bremsbacke samt neuer Bremsscheibe ersetzt. Bei erst 25.000 km eigentlich zu früh und für Afrika zu teuer, auf dem Preisniveau einer Münchener BMW Werksvertretung. Wir sind trotzdem froh, es erledigt zu haben.
Das Botschaftsergebnis fällt dann, wie von uns schon befürchtet, schlechter als versprochen aus. Trotz Kommunikation im passablen Portugiesisch wird uns ruppig erklärt, wegen des morgigen Angolanischen Nationalfeiertags dauere ein Transitvisum mindestens vier Tage. Wir sind froh, es überhaupt zu bekommen und erledigen gerne alles Verlangte. Darunter ein portugiesisches Antragsformular und ein Computer geschriebenes Begründungsschreiben, bei dessen Erstellung uns geholfen wird. Ganz knapp vor Geschäftsschluss erreichen wir mit dem Taxi die einzige empfangsbefugte Bank, zahlen 77.000 Kwanza (eigentlich 400 EURO, zum Schwarzmarktkurs „nur“ 70 EURO) pro Person auf das Botschaftskonto ein, bringen den Beleg nebst zwei Kopien zur Botschaft und werden mit der Zusage, das Visum montags abholen zu können, in das Wochenende entlassen.
Point-Noire hat neben dem wenig ansprechenden Stadtbild auch keinerlei Sehenswürdigkeiten. Ein Grund mehr für uns, das verlängerte Wochenende weitgehend faul und bestens versorgt im Hotel zu verbringen. Unterbrochen wird die Faulenzerei nur von Svenjas Besuch in einer, selbst im Münchener Vergleich bemerkenswert noblen Zahnpraxis. Als uns der Taxifahrer auf der Rückfahrt nicht wechseln kann, nehmen wir statt Geld die von ihm angebotene selbst gebrannte CD aus seinem Radio. Über die gute kongolesische Musik freuen wir uns und unsere unerwartete Reisebegleitung in den nächsten Tagen sehr.

Übernachtung: Palm Beach Hotel (1)

14. November 2016, Reisetag: 174
Cabinda, Angola

Im zweiten Anlauf des Tages sind wir nachmittags doch noch stolze Besitzer gleich zweier angolanischer Visa, vermutlich eine Seltenheit. Ein 5 Tage Transit- und ein 30 Tage Touristenvisum. Unsere große Erleichterung vor allem darüber, dass uns die Kongofähre erspart bleibt, wird nur leicht getrübt, als wir die Botschaft verlassen. Das direkt vor dem Wachmann geparkte Buschtaxi wurde aufgebrochen. Glücklicherweise ohne Beschädigung an der Tür und ohne großen Diebstahl. Lediglich unser Tablet zur Navigation wurde gestohlen. Hannes ist nicht besonders traurig darüber, wir hatten es als Ersatz für das in München vergessene gekauft, ein billiges, schlechtes Gerät. Auf der weiteren Fahrt navigieren wir mit dem Handy und unsere bisher aufgezeichneten Routen haben wir laufend im Netz gesichert.

Nach Cabinda kommen wir dank guter Straße und schneller, unproblematischer Grenzen noch am gleichen Tag und wollen eigentlich noch bis zur gleichnamigen Stadt in der Enklave fahren. An der einzigen Polizeisperre werden wir lange aufgehalten, als alle unsere Daten mehrfach aufgeschrieben werden. „Könnten wir vielleicht weiter, wir haben Angst davor, im Dunkeln zu fahren“, frägt Hannes den Polizisten, ein wenig übertrieben. Dieser lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, hält aber nach getaner Zettelwirtschaft ein Taxi auf und weist den Fahrer an, vor uns her zu fahren und den Weg zu zeigen. „Der fährt wie ein Gestörter“, sagt Svenja zutreffend, als wir mit Buschtaxi Vollgas dem Taxi durch die Orte zu folgen versuchen.
Rechter Hand sehen wir auf der Strecke die kilometerlangen, von Flutlicht beschienenen, mit meterhohen Mauern und NATO Stacheldraht gesicherten Wohncamps der Ölkonzerne an uns vorbeiziehen. Angeblich befinden sich hinter den Mauern Minenfelder, die zusätzlich vor ungebetenem Besuch schützen. Den Mitarbeitern ist es verboten, die Camps auf dem Land zu verlassen. Nur per Hubschrauber darf in die Stadt Cabinda und von dort weitergeflogen werden. Aus der winzigen Enklave Cabinda kommt ein Großteil des Erdöls Angolas. Allein von dort sind es 900.000 Barrel zum Marktwert von 45 Millionen US Dollar am Tag. Cabinda ist dabei die ärmste Provinz Angolas, von den Pertrodollars kommt hier so gut wie nichts an.
Dank dem voraus rasenden Taxi Fahrer kommen wir für uns ungewohnt schnell nach Cabinda Stadt, vorbei an von niemandem befolgten Temposchildern und einigen tiefen, im Dunkeln kaum zu sehenden Schlaglöchern.

Übernachtung: Hotel Por do Sol (3)

15. November 2016, Reisetag: 175
Boma, Dem. Rep. Kongo

An beiden Teilen der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo, Overlander sprechen von Dr. (Doktor) Kongo, erleben wir nichts Problematisches. Das Grenzprozedere gibt einen guten Eindruck von den jeweiligen, vermutlich typischen Eigenheiten der Länder.  Auf der einen Seite ist die Arbeitsweise angolanisch bürokratisch, bestens ausgerüstet, aber völlig ineffizient. Einen Grenzbaum weiter ist sie kongolesisch unorganisiert, schlecht ausgerüstet, aber bestens improvisierend. Beide Seiten strafen zumindest heute so manchen Reisebericht Lügen. Jeder Beamte ist ausgesprochen freundlich, die meisten sehr neugierig und interessiert an unserer Reise und keiner will ein Geschenk. Wir fühlen uns wohl und sind für Afrika schnell, nach nur drei Stunden im Dr. Kongo.
Die gewonnene Zeit nutzen wir für einen ungeplanten Abstecher nach Banana, einem kleinen Ort direkt an der Mündung des Kongo Flusses. Diesen, mit vielen Geschichten verbundenen und wie nichts Anderes für Zentralafrika stehenden Strom wollen wir gerne zumindest einmal aus der Nähe sehen. Zu gerne hätten wir mehr Zeit für das Land und seinen Fluss mitgebracht. „Mein Gott, das müssen wir unbedingt machen“, meinte Svenja, als Hannes ihr vor ein paar Tagen vom Bericht einer 22 tägigen Bootsfahrt auf dem Kongo von Kisangani nach Kinshasa erzählte. Darin stimmt ihr Hannes gerne zu. Seitdem haben wir einen weiteren Punkt auf unserer, leider wahrscheinlich nie ganz zu bewältigten Reisewunschliste. Als Reisetraumliste haben wir sie trotzdem gerne im Herzen und im Computer.
An den äußersten Punkt der Landzunge zu kommen, ist schwieriger, als erwartet. Banana ist kein normales Dorf, sondern militärisches Sperrgebiet. Hier ist der einzige Marinestützpunkt des riesigen Landes mit dem winzigen Küstenanteil. Die Wachen und die Stützpunktverwaltung lassen sich überreden, für ein kleines Eintrittsgeld dürfen wir bis zum letzten Sandflecken des Kongoufers fahren. Es wäre ein traumhafter Campingplatz, wofür uns aber keine Genehmigung erteilt wird.

Die Flussmündung selbst ist nicht spektakulär, beeindruckend hingegen ist die Größe des Flusses. Der Blick auf das gut zehn Kilometer gegenüberliegende Ufer des Hauptarms lässt eher an einen See denken. Jetzt in der Regenzeit transportiert der wasserreichste Fluss Afrikas 75.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Eine Zahl, die alleine wenig beeindruckt ohne einen Vergleich. Wenn wir richtig gerechnet haben, füllt er damit den Tegernsee in eineinhalb Stunden. Der Amazonas schafft das übrigens in einer halben.

Schon nach ein paar Kilometern auf dem weiteren Weg Richtung Matadi werden wir an einer Straßenkontrolle angehalten. Der angeblich unangenehmen kongolesischen Polizei sehen wir nach unseren Erfahrungen in Nigeria mittlerweile recht gelassen entgegen. Nachdem wir die beiden ersten Polizisten abgefertigt haben, kommt ein offensichtlich ranghoher Militär in Tarnuniform an das Auto. Zu unserer Überraschung will er uns nicht kontrollieren, sondern frägt uns: „Könnt ihr mich nach Kinshasa mitnehmen?“. Hannes will ihm schon absagen, dann fällt ihm ein, wie hilfreich er bei all den bevorstehenden Kontrollen sein könnte. „Wir fahren nicht bis Kinshasa, aber bis Matadi. Das liegt auf der Strecke. Wenn Du magst, kannst Du gerne mitfahren“, antwortet er dem Militär. Svenja ist wenig begeistert von dem Angebot, bedeutet es doch, dass sie ihren Beifahrersitz unserem neuen Begleiter räumen muss. Im Buschtaxi gibt es hinten keinen Sitzplatz. Am Boden kauernd oder auf den Einbauten gebückt sitzend, ist es gleichermaßen unbequem, auf den schlechten Pisten im Kongo ganz besonders.
Ihr Opfer zahlt sich aus. Ein ranghoher schwarzer Offizier mit einem weißen Chauffeur macht auf alle weiteren Kontrollen offensichtlich großen Eindruck. Wir können uns das Lachen nur schwer verkneifen, als alle Beamten vor uns strammstehen, salutieren und uns durchwinken.

Trotz der schlechten Straßen kommen wir damit zügig bis nach Boma, wo wir auf dem Gelände der katholischen Mission campen.

Übernachtung: Camping katholische Mission, Boma (3)

16. November 2016, Reisetag: 176
Noqui, Angola

Unser Schlaf ist ungeplant kurz. Sechs Uhr morgens erklärt der Parkplatzwächter einigen Freunden direkt neben dem Buschtaxi lautstark unsere Reise. Weiterschlafen ist danach nicht mehr möglich, in der Kirche wird schon eifrig für die Morgenmesse geprobt. Zum Frühstück laden wir den Armee Offizier ein. Wir gehen, wie bei uns üblich, in eine einheimische Bude am Straßenrand.
Er ist sichtlich überrascht von dieser Wahl, setzt sich anfangs nur zögerlich zu uns auf die einzige Sitzbank neben der Köchin, die heißen Nescafé mit Milch und besonders viel Zucker für uns kocht. Sein leichtes Unbehagen wegen der nicht seinem Rang entsprechenden Örtlichkeit verschwindet ebenso schnell, wie die Scheu der umherstehenden Kinder wegen der respekteinflößenden Uniform. Bald sitzen zwei jüngere auf seinem Schoß und hängen ihm an den Lippen, als er lange und, dem Klang seiner Sätze nach zu urteilen, sehr ausführlich von unserer Reise erzählt. Das allgegenwärtige afrikanische Frühstücks Omelett, mit Zwiebeln und viel Fett in einer riesigen gusseisernen Pfanne gebraten und kochend heiß auf die Hand im Baguette serviert schmeckt herrlich. Von der Erzählung des Offiziers in der einheimischen Sprache verstehen wir nichts, aber wir verstehen, dass unser Frühstück einen winzigen Beitrag geleistet hat zum Abbau von Vorurteilen.
Die Straße bis Matadi wird zunehmend besser, die Schlaglöcher weniger, dafür der Regen immer mehr. Die Güsse nehmen uns zeitweilig die ganze Sicht, wir warten eine viertel Stunde am Straßenrand, von den Hügeln spülen Sturzbäche Teile der Straße weg.

Kurz vor der Stadt nimmt uns der Regen noch ein erhofftes schönes Fotomotiv. Die Aussicht von der mit japanischer Entwicklungshilfe gebauten einzigen Straßenbrücke über den Kongo beschränkt sich heute auf die paar Meter bis zum Brückengeländer. Den darunter fließenden legendären Fluss aus dem Herzen Afrikas können wir nur erahnen.
In Matadi trennen wir uns nur ungern von unserem Reisebegleiter der letzten beiden Tage. Zu gern hätten wir ihn mit an die Grenze genommen und von ihm auch die Beamten dort beeindrucken lassen. Neben seiner großen Hilfe mit der Polizei, haben wir seine Gesellschaft und die langen Gespräche über die Situation im Kongo sehr genossen. Hannes etwas mehr als Svenja, die von der stundenlangen Geländefahrt hinten im Buschtaxi voll blauer Flecken ist.
Die Grenze zu Angola ist für uns besonders. Sie ist die letzte Hürde auf unserem Weg zum Kap der Guten Hoffnung. Die danach noch kommenden zwei Grenzen sind im Vergleich zum Bisherigen beinahe wie der Schengen Raum. Namibia und Südafrika sind für uns nicht Visa pflichtig, zwischen diesen beiden Ländern und Angola gibt es sogar ein wenig Überlandverkehr.
Einige Reisende berichten im Internet von hartnäckiger Korruption bei der Ausreise, hier an der kleinen Grenzstation in Matadi zwar weniger als am Hauptübergang, aber immer noch lästig genug. Wir haben entgegen der Beschreibungen weder bei Aus- noch Einreise irgendein Problem. Vielleicht liegt es an unserer immer ausgeprägteren Gelassenheit. Nach mittlerweile 18 afrikanischen Landesgrenzen, mit zwei auf jeder Seite, also 36 Grenzkontrollen auf unserer Reise stellt sich ein wenig Routine ein. Hannes ist sehr froh, dass Svenja seit Mali alle Formalitäten alleine übernimmt. Ihre gespielte Dummheit und sprachliches Unverständnis gegenüber Geldforderungen aller Art, gepaart mit weiblichem Charme sind unschlagbar.
Auch die, hier besonders ausgeprägte, langwierige Umständlichkeit im kongolesischen Ausreiseprozedere nehmen wir jetzt afrikanisch stressfrei. „Wo bekommen wir hier etwas Warmes zu essen?“, frägt Svenja den Grenzbeamten, nachdem er ihr erklärt, dass man erstmal den einzigen Generator reparieren müsse, um den Kopierer für die unerlässliche Kopie des Visums in Betrieb zu nehmen. „Wir gehen jetzt dort drüben in die Straßenbude zum Mittagessen. Bitte bringt uns dann die Pässe, wenn alles erledigt ist“, meint sie zu dem etwas überraschten Beamten. Nicht lange nach der Mahlzeit aus Reis mit Bohnen, die im Kongo besonders gut sind, bekommen wir die gestempelten Pässe tatsächlich geliefert.
Auch auf der angolanischen Seite geht es nicht schneller, aber stets freundlich. Hier steht die Bearbeitungseffizienz im Missverhältnis zur aufgebotenen Infrastruktur. Der kleine Grenzübergang hat modernste Technik, mehrere eiskalt klimatisierte Gebäude und viele akkurat uniformierte Beamte. Einer davon bearbeitet unser Anliegen über zwei Stunden. In dem Gebäude gibt es einen Wartebereich für sicher fünfzig Personen. Eine bemerkenswerte Einrichtung, wir sind ausweislich des, trotz der vielen Computer, handschriftlich geführten Registers, die ersten Einreisenden seit einer Woche.
Bei der Weiterfahrt sind wir hundemüde, aber glücklich mit einem noch ungläubigen, freudigen Gefühl der Erleichterung. Wir sind in Angola, im Land mit den touristenfeindlichsten Visaverfahren auf unserer Reise. Unser Visum gilt sogar für 30 Tage, eine Seltenheit. Wir wollen die Zeit für das angeblich besonders schöne, vom fast dreißigjährigen Bürgerkrieg sich erholende Land, nutzen. Hier soll es lebensfrohe, freundliche Menschen, gutes Essen, traumhafte Strände, grandiose Berglandschaften und die angeblich teuerste Hauptstadt der Welt geben. Wir freuen uns.
Was wir aus den beiden Kongos in guter Erinnerung behalten werden:

  • Freundliche, lachende Menschen
  • Die besten Bohnen Westafrikas
  • Tropischer Platzregen, der seinen Namen verdient

Was uns weniger gefallen hat:

  • Von Minenfeldern geschützte Siedlungen der Ölindustrie
  • Ein Wachdienst, der einem Diebstahl zusieht
  • Die Ausländerviertel in Point-Noire

Unsere Reiselektüre:

Tim Butcher: Blood River, Frederking & Thaler, 2008.

Spannender, gut geschriebener Bericht der Kongo Reise eines Journalisten auf den Spuren Stanleys.