Cote d’Ivoire

Cote d’Ivoire

Die Elfenbeinküste – das Land darf unter Strafe offiziell nur Cote d’Ivoire genannt werden – stand auf unserer Reisewunschliste Westafrikas ziemlich weit oben.
Einst galt der Staat als Vorzeigeexemplar Westafrikas. Es herrschte relativer Wohlstand, einige sprachen schon, sicherlich übertrieben, von der Schweiz Afrikas. Dann fielen die Preise für Kakao, dem Hauptprodukt des Landes, ins Bodenlose, die wirtschaftlichen Probleme wuchsen. Nach den Präsidentschaftswahlen entluden sich die Spannungen in bewaffneten Konflikten unter verschiedenen Volksgruppen, die in einen jahrelangen, undurchschaubaren Bürgerkrieg mündeten. Der Norden wurde dabei vom Süden des Landes getrennt. Unzählige internationale Vermittlungsbemühungen und Friedenspläne blieben erfolglos. Die vor allem von den Franzosen geführten UN-Truppen wurden im Land zunehmend als Besatzung gesehen und bekämpft. Bis Cote d’Ivoire 2006 sensationell die Gruppenphase der Fußball Weltmeisterschaft erreichte. Beim Fußballschauen gab es plötzlich keine verschiedenen Volksgruppen mehr, alle waren Ivorer und standen gemeinsam hinter ihrer Mannschaft. Wenig später wurde der letzte Friedensplan umgesetzt. Die mehrfach verschobene Wahl wurde erst 2010 durchgeführt, das Ergebnis war äußerst umstritten. Der hieraus folgende Konflikt forderte wieder mehrere tausend Tote, bis internationale und französische Streitkräfte zu Gunsten des von Frankreich favorisierten Herausforderers Ouattara eingriffen. Der ehemalige Präsident Gbagbo wurde festgenommen. Seit Anfang 2016 wird ihm und seiner Ehefrau der Prozess vor dem internationalen Gerichtshof gemacht.
Seit 2012 herrscht ein stabiler Frieden, der Norden ist mit dem Süden des Landes wieder vereint. Die Erinnerungen an den Krieg sind aber allgegenwärtig.
Langsam erholen sich auch Wirtschaft und Infrastruktur. Die dauerhaft gesunkenen Kakaopreise machen den Anbau für kleine Familienbetriebe jedoch kaum mehr rentabel. Mehr als 40 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, mit weniger als einen Euro Einkommen pro Tag.
Das Land ist erstmals wieder sicher zu bereisen, es gibt Tourismus in bescheidener Menge.

23. Juni 2016, Reisetag 86
Korhogo, Cote d’Ivoire

Die Grenze von Mali in die Elfenbeinküste verläuft problemlos. Bis nach Korhogo fahren wir Piste. Die intensiv rote Erde hebt sich wunderschön von der üppigen grünen Vegetation ab. Wir sind endgültig in den Tropen angekommen.

Auf der Strecke hält uns eine Polizeikontrolle auf. Der Beamte lässt sich all unsere Papiere geben und sagt, er rufe seinen lokalen Chef an. Wir sind uns nicht sicher, ob er das nur vorschiebt, um Geld zu kassieren. Seine beiden Vorgesetzten kommen aber tatsächlich nach einer viertel Stunde. Gemeinsam diskutieren sie über unsere Dokumente. Was das Problem ist, können wir nicht herausfinden. Es wird mit scheinbar noch höheren Stellen telefoniert. Eine Stunde später wünschen sie uns eine gute Fahrt: „Bienvenue au Cote d’Ivoire“. Wir sind verständlicherweise etwas besorgt, ob die Kontrollen hier so weiter gehen. Wie sich zeigen sollte, völlig unberechtigt, bei allen weiteren Kontrollen werden wir nur freundlich weiter gewinkt. Die überall an den Posten auf der Straße liegenden Nagelbretter werden für uns eilig aus dem Weg geräumt.
Nach 13-stündiger Fahrt finden wir in Korhogo ein Hotel. In der Stadt campieren wollen wir nicht. Kommt man in Afrika bei Dunkelheit in eine Stadt, macht keine einen besonders einladenden Eindruck. Das Hotel ist selbst nach lokalem Standard schäbig. Die Klobrille ist so nah neben dem losen Duschkopf gebaut, dass man sich beim Duschen gut hinsetzen könnte. Der Abfluss ist verstopft, wir überlegen nach dem Duschen, unsere wasserfesten Wanderschuhe im Bad zu tragen. Hannes will sich an der Rezeption Tipps holen und sieht mit den Angestellten unsere Straßenkarte an. Er kommt mit einem Grinsen zurück und sagt: „ Das ist so, als würde ich Janosch (den Hund Svenjas Schwester) die Karte zeigen.“

Übernachtung: Hotel 200 m nordwestlich des Kreisverkehrs A12 (5)

24. Juni 2016, Reisetag: 87
Yamoussoukro, Cote d’Ivoire

Noch immer ist Ramadan und hier im muslimisch geprägten Norden des Landes ist tagsüber alles geschlossen. Wir müssen uns mit dem „Café Bonjour“ einer Total Tankstelle zufrieden geben. Nach längerem hin und her gelingt es uns, eine Tasse schwarzen Nescafé zu bekommen. Dies ist auch eine gehörige Abweichung vom lokalen Standard, im Land wird ausschließlich Nescafé mit Milch und mehreren Stück Zucker getrunken.

Wir haben uns die Elfenbeinküste hügeliger vorgestellt. Das Land ist größtenteils flach und durchzogen von großen Anbaugebieten. Es ist weltgrößter Kakaoproduzent. Zudem gibt es Kaffee, Kautschuk und riesige Palmölplantagen.

Wir fahren an vielen ursprünglichen Dörfern vorbei. Je nach Region haben sie ihr traditionelles Handwerk erhalten. Vor allem Stoffe und Töpferwaren. Wir halten in Tounzuebo. Hier sitzen Jugendliche an archaisch aussehenden Webstühlen auf denen sie bunte Stoffe herstellen. Sie werden Kente Stoffe genannt und durften früher nur von Königen getragen werden. Die Dorfbewohner zeigen uns begeistert ihre Arbeit und erklären die verschiedenen Arbeitsschritte. Erst werden die Fäden gefärbt, sonnengetrocknet, dann zu kleinen Streifen gewebt und diese anschließend aneinander genäht.

Wir fahren weiter in die Hauptstadt Yamoussoukro. Der erste Präsident Cote d‘Ivoires, Felix Houphouet-Boigny verlegte die Hauptstadt von Abidjan in seine Geburtsstadt. Der Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten findet allerdings heute noch in Abidjan statt, auch alle ausländischen Botschaften sind dort. Für die neue Hauptstadt ließ er eine Kirche nach dem Vorbild des Petersdoms bauen. Natürlich musste sie größer werden. Als wir auf Yamoussoukro zufahren, können wir die Basilika Notre-Dame de la Paix schon von weitem sehen.

Übernachtung: Hotel Fondy (3)

25. Juni 2016, Reisetag: 88
Bouaflé, Cote d’Ivoire

In den Gartenanlagen des Präsidentenpalastes erhaschen wir einen kurzen Blick auf die sich im Kanal sonnenden Krokodile. Leider werden wir mit unserer Kamera von den Sicherheitskräften schnell davon gejagt.

Natürlich wollen wir uns die gerühmte Basilika genauer anschauen und nehmen uns einen Führer. Die Kirche wurde von dem libanesischem Architekten Pierre Fakhoury entworfen und ist der Grundfläche und Höhe nach größer als der Petersdom. In künstlerischer Qualität steht sie diesem, wenig überraschend, weit hinterher. Der Bau wurde weltweit kritisch betrachtet. Offiziell wurde das Bauvorhaben aus dem Privatvermögen des Präsidenten bezahlt. Auf unsere Frage, woher dessen Vermögen denn stamme, antwortet unser Führer mit einer schönen Geschichte, die vermutlich für ganz Westafrika, wenn nicht für die ganze Welt gilt: Ein Dorf erntet Datteln. Diese werden von den Frauen verlesen und in einen großen Korb geworfen. Während der Arbeit wird laut gesungen und ab und zu wandert eine der Datteln statt im Korb im Mund einer der Frauen. So sei es auch mit der Politik, vom großen Korb wandert ab und zu etwas in die eigene Tasche, mal mehr, mal weniger.

Nach dem Tod des Präsidenten wollte niemand den Unterhalt der Basilika bezahlen, weshalb man sie kurzerhand dem Vatikan zum Geschenk machte. Dieser nahm nach längerem Zögern an, heute ist das gesamte Gelände Territorium des Vatikanischen Staates. Mit über 100 Hektar besitzt er damit in Afrika mehr als die doppelte Fläche der Vatikanstadt in Rom.
Uns hat die Kirche gut gefallen. Architektonisch ist sie für sich eigenständig gelungen, offensichtlich ohne den Anspruch zu erheben, den Petersdom künstlerisch imitieren zu können. Die riesigen Glasfenster sind beeindruckend.

In der Kleinstadt Bouaflé finden wir nach langem Suchen ein kleines Hotel. Zu unserer Überraschung werden wir an der Hotelbar von einem älteren Mann, der gerade ein Spiel der EM ansieht, auf perfektem Deutsch angesprochen. Er ist Deutschlehrer am hiesigen Gymnasium.
Wir laden ihn und seinen befreundeten Kollegen, der auch Deutsch lehrt, zum Abendessen ein. Sie zeigen uns stolz Bilder ihres einmaligen Deutschland Besuches in den siebziger Jahren. Es wird ein sehr lustiger Abend, mit dem Nationalgericht Attiéké, eine Art Couscous aus Maniok, dazu scharfen Fischeintopf. Unser Gast ist offenbar ein großer Fan der deutschen Grammatik. Er sagt jede Menge deutscher Zitate auf, dazu jeweils noch die lateinischen Bezeichnungen der grammatikalischen Formen. Vor lauter Freude singt er zum Abschied noch alle Strophen von „Oh Tannenbaum“.

Übernachtung: Hotel Siba (3)

26.-28. Juni 2016, Reisetag: 89-91
San Pedro, Cote d’Ivoire

Wir fahren an die Küste nach San Pedro. Pünktlich zum Achtelfinale Deutschland gegen die Slowakei finden wir zufällig ein deutsches Hotel. Zusammen mit ein paar deutschen Fans schauen wir das Spiel bei Franziskaner Weißbier an der Bar. Zum Glück kennt uns hier keiner, der von dieser touristischen Peinlichkeit erzählen könnte.

Der Inhaber, Frank arbeitete nach vielen Auslandseinsätzen in Afrika bis zu seiner Pensionierung als Landesleiter für die GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) in der Elfenbeinküste. Er war für mehrere Nationalparks verantwortlich, darunter den Taï Nationalpark im Westen des Landes. Dort ist das einzig verbliebene größere Stück Urwald Westafrikas, in dem es auch noch wild lebende Schimpansen geben soll. Die wollen wir unbedingt sehen, ein nicht ganz einfaches Vorhaben, wie sich noch herausstellten wird. Frank ist uns sehr behilflich, über seine alten Kontakte eine Tour in den Nationalpark zu organisieren.
Auch wenn uns die Industriestadt San Pedro selbst nicht gefällt, verbringen wir bei Frank ein paar entspannte Tage am wirklich schönen Stück Hotelstrand.

Bisher haben wir die Regenzeit ohne starken Regen überstanden. Bei der Aussicht auf einen längeren Aufenthalt im Regenwald kommen uns dann aber doch Bedenken und Svenja ergattern auf dem Markt noch schnell penetrant riechende, chinesische Gummistiefel, das Paar für nicht mal fünf Euro.
Vor der Weiterfahrt bekommt unser Buschtaxi noch die Bildergallerie der bisher besuchten Länder aufgeklebt.

Übernachtung: Palm Rock Beach (2)

29. Juni 2016, Reisetag: 92
Dahoua, Cote d‘Ivoire

Vormittags sind wir beschäftigt mit Geld holen, Wasserflaschen kaufen und Telefonkarte aufladen. Auch der Keilriemen der Klimaanlage muss repariert werden, er quietscht seit ein paar Tagen. Die „Werkstatt“ im Ort sieht wenig vertrauenserweckend aus, unsere Sorge ist aber unberechtigt. Der Mann kennt sich gut aus und löst das Problem schnell auch ohne passendes Werkzeug.
Mithilfe des Reiseblogs anderer Offroader finden wir ein Camp an dem abgelegenen Strand im Westen des Landes. Wir campieren mit Blick aus unserem Bett aufs Meer.

Die Schweizer Inhaberin ist gerade nicht im Lande und ihre Crew grillt den frisch gefangenen Fisch leider auf Holzkohle mit Zweitakt-Gemisch. Er ist gänzlich ungenießbar.

Blanca, der Camp eigene Berner Sennen Hund, läuft freudig mit uns die Strände entlang. Mangels eigenem Spielzeug spielt sie am liebsten mit Kokosnüssen. Sie wird nicht müde, die geworfenen Nüsse immer wieder aus der Brandung zu fischen.

Manche Kokosnüsse werden auch gekonnt zerlegt, um an die leckere Kokosmilch zu kommen.

Das kleine Fischerdorf in der Nähe ist sehr einfach. Es gibt keine Schule, der Großteil der Leute kann weder lesen noch schreiben. Manche Kinder rennen heulend davon, als sie Svenja sehen, andere wollen unbedingt fotografiert werden.

Übernachtung: Campieren bei JoJo Lodge (2)

30. Juni 2016, Reisetag: 93
Taï Nationalpark, Cote d’Ivoir

Wir suchen einen Weg durch die Kautschuk- und Palmölplantagen hinter der Küste, die Hauptstraße erreichen wir erst nach zwei Stunden. Mitten in den Plantagen erscheint plötzlich eine Palmölfabrik. Es riecht nach einer Mischung aus Bierbrauerei und Schokolade.

Die auf der Karte lustigerweise als Autobahn A7 eingezeichnete Strecke in den Taï Nationalpark ist die bisher schlechteste Straße auf unserer Reise. Die letzten Wochen hat es stark geregnet, die Pisten sind ausgewaschen und die Löcher metertief. Wir brauchen fünf Stunden für nicht mal 150 km.
Der Mitarbeiter des einzigen Camps am Park wartet im Dorf besorgt auf uns, es ist bereits dunkel. Er fährt mit dem Moped die 7 km voraus, kurz vor der Unterkunft versperrt ein umgefallener Baum den Weg. Das letzte Stück müssen wir zu Fuß durch den Schlamm gehen.
Das Camp wurde vor dem Krieg im Rahmen des deutschen GIZ Nationalparkprogramms gebaut. Seit dem Abzug des deutschen Managements ist die Anlage im Verfall. Es gibt schon lange kein fließendes Wasser mehr, anscheinend kommen auch so gut wie keine Touristen hierher. Die fünf Hütten liegen traumhaft direkt am Rand des Parks, die Geräuschkulisse der verschiedensten Tiere ist unbeschreiblich.

Übernachtung: Ecolodge Tai Nationalpark (4)

1. Juli 2016, Reisetag: 94
Taï Nationalpark, Cote d’Ivoire

Morgens vor 6:00 Uhr brechen wir mit einem Ranger in den Park auf. Das Kanu, das am ersten Fluss bereit liegt, ist voller Wasser und nicht mehr zu gebrauchen. Wir sehen uns schon durch das dunkelbraune Wasser schwimmen. Deutlich entspannter als wir, verschwindet unser Führer wortlos im Busch, um nach einer ewig erscheinenden Zeit mit einem anderen Kanu uns gemütlich entgegen zu paddeln. Einzeln bringt er uns damit auf die andere Seite.

Dort angekommen, macht er uns verständlich, dass wir die ersten vier km zum Affengebiet etwas schneller laufen müssen. Wortkarg rennt er vor uns auf einem schmalen Pfad durch den Wald, wir können nur mühsam Schritt halten. Der starke Regen vor ein paar Tagen hat alles aufgeweicht. Pfützen und Schlamm reichen uns fast über die Gummistiefel. Wir sind froh, sie noch gekauft zu haben, auch wenn sie überall drücken und es unerträglich heiß darin wird. Mit dem Getier im Boden wollen wir keine nähere Bekanntschaft machen.

Der Regenwald übt eine Faszination ähnlich der Sahara aus. Hier haben wir für uns einen kurzen Moment eine Welt ohne die zerstörerischen Eingriffe der Zivilisation. Die Pflanzenvielfalt ist scheinbar unendlich. Alle paar Meter hören wir ein neues Geräusch, das unser Führer auf unseren fragenden Blick hin mit „Vogel“, „Affe“, „Antilope“ verbunden mit einem für uns nicht zu verstehenden afrikanischem Wort beantwortet. Der Schlamm ist durchzogen mit verschiedensten Tierspuren. Wir fragen nur bei den größten nach deren Verursachern. Darunter sind das fast ausgestorbene Zwergflusspferd und Waldelefanten. Wir können uns nicht vorstellen, wie letztere durch die kleinen Pfade passen und zweifeln an deren Existenz. Später zeigt uns ein großer Haufen Mist, dass unser Führer damit Recht hat.
Die erste Pause legen wir, nach unseren Wandergewohnheiten viel zu spät, auf einer kleinen Lichtung ein. Zu unserer Überraschung warten dort zwei weitere Parkmitarbeiter. Diese übernachten, sich wochenweise abwechselnd, im Nationalpark, folgen der hier lebenden Schimpansen Familie und notieren deren Verhalten. Darunter das Bewegungsmuster im Park entsprechend des saisonalen Nahrungsangebotes. Nur so lassen sich die Affen in dem riesigen Areal finden.

Als Proviant wurde uns nur ein Baguette mit etwas Butter mitgegeben. Für genau solche Notfälle, hat Svenja ihre Packung Lind Schokolade dabei und schmiert sich ein dickes Schokoladenbrot.
Nach der Pause teilen wir uns auf und suchen in verschiedenen Richtungen. Alle paar hundert Meter hält unser Führer für mehrere Minuten inne, auf Geräusche lauschend. Wir sind nach zwei, drei weiteren Stunden schon sicher, die Affen wohl nie zu finden. Plötzlich hören wir ein dumpfes, entferntes Klopfen. Fünfmal kurz hinter einander. Scheinbar hat die andere Gruppe etwas gefunden und gibt uns Zeichen.
Unser Ranger läuft daraufhin los, mitten durch den Busch, wir kommen beide kaum hinterher. Jetzt gibt es keine Wege mehr, wir schlagen uns durchs Gestrüpp und stolpern über sämtliche Lianen. Svenja betet, dass alle Schlangen vor uns fliehen. Nicht ganz unberechtigt, wie wir erfahren. Ob der Führer schon Schlangen im Park gesehen hat, fragen wir später. „Doch, schon öfter. Aber die rennen weg, sobald sie etwas hören“. „Auch die schwarze Mamba?“, will Hannes wissen, angeblich eine der giftigsten Schlangen überhaupt. „Ja die gibt es auch, ist aber ganz ungefährlich. Ebenso wie die Speikobras und die Gabun Vipern“. Wir sind trotzdem froh, keine davon gesehen zu haben.
Wieder ist das Klopfsignal zu hören, diesmal deutlich näher. Wir laufen weiter, irgendwann gibt uns unser Führer einen Mundschutz, nicht zu unserem, sondern zum Schutz der Schimpansen. Die schweizerischen Wissenschaftler, die im Park die Affen erforschen, fürchten menschliche Viren. Gegen diese besitzen Menschenaffen keine Immunität. Das Atmen wird durch das Stück Stoff vor Mund und Nase noch schwieriger, das Laufen noch anstrengender. Mittlerweile ist es drückend schwül und heiß, Hannes hat es aufgegeben, den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Wir sind bis auf die Unterhose nass, selbst ohne Regen.

Dann zeigt unser Führer in das dichte Grün eines hohen Baumes. Wir sehen nichts, stattdessen stinkt es fürchterlich. Erst als wir näher heran geführt werden, sehen wir die ersten schwarzen Fellbüschel in den Blättern. Und dann die seltenen Tiere überall. Eine ganze Familie, mindestens zehn Tiere sitzen im Baum und fressen in aller Ruhe dessen Früchte. Wir beobachten sie schweigend, mittlerweile sind auch die anderen beiden Ranger angekommen. Sie können die einzelnen Tiere auseinander halten, jedem haben sie einen Namen gegeben. Unter ihnen das Alpha Männchen, nur „Boss“ genannt, das sich von uns überhaupt nicht stören lässt. Hannes will zum Fotografieren noch näher an ihn ran. „Lieber nicht, Boss kann schon mal auf einen Eindringling losgehen“, meint unser Führer.
Wir sind begeistert. Schimpansen aus dieser Nähe beobachten zu können, hatten wir nicht erwartet. Die Affen klettern in den Bäumen zu den Früchten, einzelne sehen wir auch auf dem Boden. Unvermittelt bricht ein riesen Geschrei unter ihnen aus, eines der Männchen wir auf seinen rechten Platz verwiesen. Dann sehen wir, wie ein Affe mit der flachen Hand auf den Baumstamm schlägt, fünfmal hintereinander. Das Klopfsignal der Schimpansen, nicht wie gedacht unserer Führer, mit dem sich die Mitglieder der Familie über Kilometer verständigen. Zum Schlafen werden jetzt alle aus dem Wald zusammen gerufen. In der Gruppe ist es im Baum nachts sicherer. Angeblich gibt es auch Leoparden im Park, die einzigen Tiere, die den Schimpansen gefährlich werden können. Außer dem Menschen natürlich, der auch unsere nächsten Verwandten bald von der Erde ausgelöscht haben wird. Im Taï Nationalpark leben nur noch 300-500 Exemplare. Jedes Jahr weicht der Park ein Stück mehr den Plantagen.

Auch für uns wird es Zeit, wir brauchen gute zwei Stunden zurück. Nach GPS gemessenen 32,4 Kilometern Tagesmarsch durch den Regenwald erreichen wir das Camp todmüde, die Füße voller Blasen in den Gummistiefel, aber überglücklich. Wir gehören zu den wenigen Menschen, welche die Tiere noch sehen konnten, außerhalb eines Zoos.

Übernachtung: Ecolodge Tai Nationalpark (4)

2. Juli 2016, Reisetag: 95
Man, Cote D’Ivoire

Auf dem Weg in den Norden probieren wir Kakaobohnen direkt auf einer Plantage. In der gelben Hülle sind viele Bohnen, schleimig umhüllt. Sie schmecken außen süß, der Kern dagegen ist ziemlich bitter. Diese Kerne werden in der Sonne getrocknet und dann ins Ausland exportiert, wo die Schokoladenherstellung stattfindet und natürlich der Löwenanteil des Gewinnes entsteht.

Die „A7“ ist die nächsten 50 km ebenso katastrophal wie davor. Nach ein paar Stunden kommen wir in die Provinzhauptstadt Man. Die Gegend wirkt einfach und arm. Am Straßenrand werden Säcke mit Holzkohle verkauft. Die harte Arbeit erledigen ausschließlich Frauen, meterhoch wird das Holz aus den Bergen auf dem Kopf her getragen. Dazu haben sie häufig noch ein Säugling auf dem Rücken gebunden und sind schwanger. Auffallend viele Kinder haben dicke Bäuche.  Wir erfahren, dass dies auf Unterernährung zurückzuführen ist. Durch den Eiweißmangel gelangt Wasser in die Bauchhöhle und oft haben die Kleineren auch Würmer.

Die Stadt selbst hat keine besonderen Sehenswürdigkeiten. Immerhin finden wir eine gut besuchte Bar, in der wir mit den Einheimischen das Viertelfinale Deutschland gegen Italien schauen. Wie so oft bekommen wir zum Essen auch hier nur Attiéké und Fischeintopf. Mittlerweile empfinden wir das Gericht ziemlich eintönig. Es ist meist auch so scharf, dass Svenja kaum etwas davon essen kann.

Übernachtung: Hotel neben Cifpro (Lycée Professionnel Man) (3)

3.-8. Juli 2016, Reisetag: 96-101
Abidjan, Cote D’Ivoire

In den Reiseführern ist die Gegend um Man als einer der interessantesten Cote d’Ivoirs beschrieben, mit schönen Bergen zum Wandern. Für uns Bayern sind es eher Hügel. Zudem regnet es heute Morgen zum ersten Mal länger und der Gewaltmarsch durch den Regenwald sitzt uns noch gehörig in den Knochen. Wir lassen den geplanten Wandertag ausfallen und fahren weiter Richtung Abidjan.

Die Straße ist überraschend gut. Die Überlandbusse überholen hier aber scheinbar am hirnlosesten in ganz Westafrika. Wir fahren lieber in sicherem Abstand einem LKW hinterher. Mittlerweile haben wir auch ein paar weitere afrikanische Verkehrsregeln gelernt. Blinkt ein vorausfahrender LKW rechts, soll man überholen. Wir überholen meistens lieber trotzdem nicht. Blinkt er hingegen links, geht das Überholen selbst nach afrikanischem Standard nicht. Auch die Rangordnung des Ausweichen Müssens ist klar geregelt. Zuerst die Busse, am schnellsten unterwegs und dauernd hupend, dann große vor kleinen LKW, dann „wichtige“ PKW mit angeschaltetem Licht, dann andere PKW und schließlich alles andere, beispielsweise Eselkarren.
Bei ein paar Buden an einer Straßenkreuzung machen wir Mittag. Das kulinarische Angebot ist vermutlich für manchen Franzosen eine Delikatesse: Ganz frische, faustgroße Schnecken. Wir passen.

100 km vor Abidjan sind wir das erste Mal seit Spanien wieder auf einer richtigen Autobahn. Mitten in der Stadt finden wir ein ruhiges Bed&Breakfast. Hier bleiben wir ungeplant länger. Svenja hat sich einen Virus eingefangen und liegt die nächsten Tage flach. Wir finden einen guten Arzt, der sogar zu uns ins Hotel kommt. Erfreulicherweise ist es keine tropische Erkrankung sondern irgendein „normaler“ Virus. Auch Hannes geht es nach zwei Tagen schlecht und so verbringen wir unfreiwillig eine Woche hier.

Abidjan ist vor allem groß und dreckig. Auch die gepriesene Skyline und das moderne Geschäftsviertel finden wir wenig einladend. Die Stadt wird das kleine Paris genannt, viele Franzosen leben hier. Tatsächlich wird in den Restaurants, von außen nicht erkennbar, gutes französisches Essen angeboten. Wir treffen abends Hubert, einen lustigen Franzosen, den wir im Senegal kennen gelernt haben. Er nimmt uns zum Halbfinale der EM mit in ein französisches Lokal. Wir sind dort die einzigen Deutschlandfans. Zumindest deshalb sind wir auch nicht nur traurig, als Deutschland gegen Frankreich (unglücklich) verliert.

Gut gefallen hat uns in Abidjan der Markt für Kunsthandwerk. Wir sehen sehr schöne Masken, Statuen und Stoffe aus allen Regionen der Elfenbeinküste.

In der Stadt gibt es den modernsten Toyota Händler ganz Westafrikas. Der französische Geschäftsführer kümmert sich persönlich um uns, wenig später ist das Auto gewartet und ein gebrochenes Plastikteil der hinteren Blattfeder professionell ersetzt.

Hannes fährt alleine zum Hotel zurück. Die Brückenmaut kostet 500 CFA (75 Cent). Er bezahlt mit einem 5.000 CFA Schein, den kleinsten, der am Geldautomaten zu bekommen ist. Auf Französisch wird ihm erklärt, man dürfe diese großen Scheine nicht annehmen. „Ich habe aber keine anderen“, erwidert er. In lauterem Französisch wird es nochmal erklärt. „Verstehe schon, aber was machen wir, wenn ich keinen anderen Schein habe?“, fragt Hannes. Die Autoschlange hinter ihm wird immer länger und dem Hupen nach zu urteilen auch immer genervter. Nach längerem Hin und Her wird ein anderer Mitarbeiter geholt, der jetzt in gebrochenem Englisch das Gleiche nochmal erklärt. Hannes erneut: „Ich habe es bereits vorher verstanden, aber es ist nun mal so, dass ich keinen anderen Schein habe“. Kreditkarten werden genauso abgelehnt wie der Vorschlag, den Rest als Trinkgeld zu behalten. Die Stimmung in der Autoschlange ist mittlerweile am Kochen. Nach weiteren Diskussionen und Hupkonzerten wird empfohlen, an das andere Ende der Mautstation zu gehen und dort zu versuchen, den Schein zu wechseln. „Nein, ich werde das nicht tun und das Auto hier allein lassen – woher soll man als Tourist auch wissen, dass man damit nicht bezahlen kann“, antwortet Hannes, auch aus Angst vor dem Lynch Mob hinter ihm. Das Problem wird schließlich pragmatisch gelöst, aus der Schlange kommt ein Herr im Anzug laut schimpfend nach vorne und bezahlt für ihn. Vielen Dank.
Bis wir im August nach München zurück müssen, bleiben uns noch knappe vier Wochen. Bis dahin wollen wir eigentlich durch Ghana, Togo, Benin und danach so schnell wie möglich durch Nigeria bis Douala, Kamerun fahren. Die gut 2.000 km sind in der Zeit gut machbar, nicht aber wenn man sich unterwegs einiges ansehen will. Vor allem Ghana und Benin sollen sehr interessant sein. Andererseits ist, wenn wir Ende September zurückkommen werden, unser Nigeria Visum abgelaufen. Es ist eines der am schwierigsten zu bekommenden. Wir entscheiden uns gegen das schnelle Durchfahren und vertrauen auf unser bisheriges Glück bei den Visa Angelegenheiten. Zumindest hier in Abidjan haben wir erstmal keines. Auf der nigerianischen Botschaft werden wir ziemlich arrogant weggeschickt, wir sollen es in Deutschland versuchen.Übernachtung: Villa Anakao (1)

9. Juli 2016, Reisetag: 102
Grenze nach Ghana

Auf dem Weg zur ghanaischen Grenze halten wir in Grand Bassam. Die Kolonialbauten der Stadt stehen unter UNESCO Schutz. Trotz des weitgehenden Verfalls gefällt uns der morbide Charme, der von ihnen ausgeht. Man kann sich anhand der prunkvollen Gebäude das Leben der französischen Kolonialbesatzung mit ihren Gartenpartys und Galadinnern gut vorstellen.

Die vielen Ferienanlagen sind außerhalb der Saison nur teilweise geöffnet. Zudem leidet der Tourismus an den Folgen des Terroranschlags hier im März, bei dem auch die deutsche Leiterin des Goetheinstituts in Abidjan ums Leben kam. Es ist der erste und einzige Anschlag im ganzen Land, trotzdem leidet der Tourismus in ganz Westafrika massiv darunter.
An den Stränden gibt es abgezäunte Bereiche für Hotelgäste, um sie vor den Händlern zu schützen. Kein besonders einladender Anblick. Wir fahren gerne weiter.

Die Grenze nach Ghana wirkt auf uns sehr professionell. Zum ersten Mal werden wir mit elektronischem Foto registriert. Zudem müssen wir ein Gesundheitsfragebogen ausfüllen, mit einem Stirn Thermometer wird zur Ebola Vorsorge Fieber gemessen. Wir haben Glück, das Fieber unserer Infektion vor ein paar Tagen ist weg. Mit vielen Beileidsbekundungen der Beamten zur Niederlage der deutschen Nationalmannschaft werden wir sehr freundlich und ohne Probleme nach Ghana gelassen.

Was wir aus Cote d’Ivoire in guter Erinnerung behalten werden:

  • Fußball ist mehr als nur ein Spiel – Bürgerkriege können dadurch beendet werden
  • Intensiv rote Erde und Bilderbuch Regenwald
  • Attiéké
  • Schimpansen
  • Freundliche Menschen

Was uns weniger gefallen hat:

  • Plantagenwirtschaft, die den Regenwald vernichtet
  • Viel Müll in den Dörfern
  • Chinesische Gummistiefel
  • Abidjan

Unsere Reiselektüre:
Lutz Höttler: Cote d’Ivoire – Geteiltes Land, Horlemann Verlag 2007.
Eine gute Beschreibung der Zustände im Land während der Unruhen und des Bürgerkriegs. Informativ aber beklemmend.

Graham Greene: Reisen ohne Landkarte, Liebeskind Verlag 2015.
Eines der besten Reisebücher überhaupt. Handelt zwar in Liberia, die Beschreibung der Kolonialzeit ist aber für ganz Westafrika gültig und äußerst lesenswert.
Der vermutlich sehr gute Reiseführer Cote d’Ivoir von Bradt erscheint leider erst in einem Monat.