Botswana

Botswana

Botswana, ein Binnenstaat, fast doppelt so groß wie Deutschland bei nur zwei Millionen Einwohnern. Ein Land, wie ein einziger großer Nationalpark. Wir Tierfreunde sehen dem ganz besonders entgegensehen. Andere Selbstfahrer gaben uns gemischte Berichte. Natürlich war früher alles besser. Doch wo gilt das nicht. Von Luxus Safari Tourismus und horrenden Preisen für die Camps wurde uns berichtet. Aber auch von spektakulären Landschaften und Tierreichtum. Allen voran Okavango, eine weltweite Besonderheit. Das einzige große Flussdelta, das nicht im Meer endet, sondern in der Trockensavanne versickert und dabei ein kleines Paradies schafft. Wir sind gespannt.

 

15.-16. Oktober 2017, Reisetage: 287-288
Kgalagadi Transfrontier National Park, Südafrika

Afrika kennt der Bildungseuropäer vornehmlich aus unzähligen Fernsehdokumentationen. Spektakuläre Landschafts- und Tieraufnahmen gaukeln einen Kontinent vor, der vermutlich seit dem Sesshaftwerden des Menschen so nicht mehr existiert. Schier unendliche, von der Zivilisation unberührte Gebiete gibt es, von den Wüsten einmal abgesehen, so gut wie keine mehr.

 

Eine Ausnahme, zumindest auf dem ersten Blick, ist die Kalahari, die größte Savanne der Welt.

Kalahari ist riesig, Deutschland und Frankreich würden beide zusammen darin aufgehen. Drei große afrikanische Staaten teilen sich das Gebiet: Südafrika, Namibia und Botswana. Mehrere Nationalparks befinden sich darin. An ihrem Südwestzipfel liegt ein bemerkenswerter Park, der Kgalagadi Transfrontier National Park. Er war der erste grenzüberschreitende Nationalpark Afrikas, von Südafrika und Botswana zusammen verwaltet. Ein Gemeinschaftsprojekt, das derzeit einige Nachahmungen auf dem Kontinent findet.

„Die Kalahari ist berühmt für Löwen. Vielleicht haben wir hier mehr Glück“, meint Svenja auf der Straße zum südlichen Parkeingang bei Twee Rivieren. Tatsächlich haben wir bisher keine der Großkatzen aus der Nähe gesehen. „Ich versteh das auch nicht“, antwortet ihr Hannes. „Die anderen Reiseblocks haben die besten Löwenbilder und wir haben mit keiner der Großkatzen Glück.“

 

Die Zufahrtsstraße führt endlos geradeaus. Die wenigen, leichten Kurven sind, vermutlich um den einnickenden Autofahrer zu wecken, schon hunderte Meter vorher ausgeschildert. Schon außerhalb des Parks sehen wir wilde Strauße und Springböcke.

Am perfekt organisierten Eingangsgebäude der Parkverwaltung bekommen wir es erstmals mit einer botswanischen Eigenart zu tun, die mit unserem Afrikagefühl denkbar schlecht vereinbar ist. Stellplätze müssen vorreserviert werden. Teilweise sind die guten Plätze auf Wochen von südafrikanischen Gruppen ausgebucht. Unser zunehmend planloser Reisestil bekommt hier seinen ersten Dämpfer. Nur mit Glück bekommen wir noch zwei Nächte in Mata Mata, weit entfernt, am westlichen Parkausgang.

 

Für die weite Fahrt über sandige Wellblechpiste werden wir nicht nur durch karge, schöne Landschaft entschädigt.

Wir sehen auch verschiedene Antilopenarten, Schakale, Eulen und Erdmännchen, wie immer in den drolligsten Positionen.

Hannes findet einen neuen Liebling, den Sekretär Vogel. „Also der sieht wirklich aus wie ein altpreußischer Beamter“, kommentiert er dessen staksigen Gang, der wenig von der Geschicklichkeit des Tieres erahnen lässt. Blitzschnell erlegt der Vogel am Boden seine Beute mit Tritten der langen Beine. Zu seinen Leibspeisen zählen nicht gerade reaktionsschwache Giftschlangen.

„Doch das sind Löwen“, murmelt Svenja hinter ihrem Fernglas hervor. Natürlich wieder zu weit weg für das perfekte Foto, liegen tatsächlich zwei junge Männchen faul und fast regungslos unter einem Busch.

Noch weiter weg sehen wir, dank des Hinweises eines anderen Reisenden, dann auch noch unseren ersten Leoparden. Oder zumindest einen Teil von ihm, den charakteristischen Schwanz vom Baum herabhängend und nur durch den Kenner von einem Ast zu unterscheiden. Mit tränenden Augen hinter den Ferngläsern glauben wir zumindest auch pelzige Flecken hinter den Blättern ausmachen zu können.

 

Übernachtung: MataMata Campsite (2)

 

17. Oktober 2017, Reisetag: 289
Kgalagadi Transfrontier National Park, Südafrika

Mata Mata Camp bietet einen Sternenhimmel hell genug, um nachts Zeitung zu lesen. Brehms Tierleben ist am eigenen Wasserloch im Scheinwerfer die ganze Nacht über zu sehen. Beides erleben wir allerdings wie üblich nur kurz. Spätestens um neun Uhr liegen wir tief schlafend im Auto, in Deutschland war das für uns undenkbar. Die lange Nacht nutzen wir, um schon bei Sonnenaufgang auf Tiersuche zu gehen. Lange vor den meisten Touristen haben wir das bei Fotografen geliebte Licht der frühen Stunde und die Tierwelt für uns allein.

Die Freude auf unser Frühstück nach der ersten Pirschfahrt wird etwas verdorben, als neben dem Auto ein Streifenschakal genüsslich eine riesige Maulwurfsnatter lebendig verspeist. Dem langen, genussvollen Kauen nach zu urteilen, ist es keine besonders zarte, dafür aber schmackhafte Nahrung.

Um die leidigen Reservierungen für die nächsten Camps auf der botswanischen Seite zu erhalten, müssen wir wieder zurück zum Haupteingang. Dort werden zusammen mit dem Parkeintritt auch gleich alle Grenzformalitäten problemlos und schnell erledigt. Es ist eine der einfachsten Grenzen der Reise. Nicht so leicht ist die Übernachtung. Erst nach längerem umständlichem Durchsuchen der Reservierungsbücher bekommen wir gerade noch einen Stellplatz für zwei Nächte.

 

„Also mir ist das wirklich zu blöd, das kann einem die Freude am Reisen verleiten. Angeblich soll das in jedem Nationalpark in Botswana so sein“, macht Hannes seinen Unmut über die Reservierungspflicht Luft. Aber es wäre nicht Afrika, gäbe es auch dafür nicht eine Lösung. Später am Lagerfeuer treffen wir zwei weitgereiste Südafrikaner, deren Vorgehen wir ab sofort mit viel Erfolg übernehmen. Wir reservieren nur noch die erste Nacht, um in den Park zu kommen. Für die weiteren Übernachtungen fragen wir bei den Camps abends. In der ganzen Zeit in Botswana haben wir immer etwas gefunden. Auf dem Papier ist immer alles ausgebucht, aber vor Ort dann das meiste frei. „Kein Wunder, dass die kein Geschäft machen“, kommentiert Hannes etwas abfällig diese für uns unverständliche Praxis.

 

Übernachtung: Nossop Campsite (2)

18. Oktober 2017, Reisetag: 290
Kgalagadi Transfrontier National Park, Botswana

Kgalagadi, das „K“ müsste richtigerweise als heller Klicklaut ausgesprochen werden, bietet zwei touristisch entwickelte Teile. Im Westen die Region um den Grenzfluss Nossob, im Osten die Mabuasehube Game Reserve. Die Teile stehen exemplarisch für den Ansatz zur touristischen Erschließung der beiden Länder und könnten kaum unterschiedlicher sein. Die südafrikanisch verwalteten Camps sind auf Hochsicherheitsniveau eingezäunt, bieten beste sanitäre Einrichtungen, gute Versorgungsmöglichkeiten und natürlich, für Südafrikaner nicht wegzudenken, riesige Grillvorrichtungen.

 

Ganz anders Botswana. Die dortigen Camps bieten nichts. Oder fast nichts. Kein Zaun, keine Toiletten, kein Wasser. Nur ein notdürftig zusammengezimmerter Unterstand soll etwas Sonnenschutz bieten. Den Bildern im Parkbüro nach zu urteilen, erfreut sich dieser seltene Schatten auch bei den zahlreichen Kalahari Löwen größter Beliebtheit.

 

„Aber was sollen wir denn machen, wenn auf dem reservierten Camp die Löwen schlafen?“, frägt Svenja etwas irritiert den Park Ranger. „Die Tiere tun eigentlich nichts. Problematisch sind nur die Jungen. Die kommen immer zu den Touristen, um mit ihnen zu spielen. Das ist gefährlich, wenn die Mutter dann kommt“, gibt uns der Ranger wenig hilfreich zur Antwort. Wir entscheiden uns, für den Fall der Fälle eher doch ohne Reservierung anderswo zu campen, als mit den Löwen um den Schattenplatz zu diskutieren.

Die beiden erschlossenen Enden des Nationalparks liegen an den jeweiligen Zufahrten. Sie sind nur durch eine selten befahrene Piste miteinander verbunden. Diese ist angeblich schwierig, tiefsandig, sehr langsam, einsam und mit einem Auto allein nicht zu empfehlen. Für uns kommt das nach den vollen Luxuscamps der südafrikanischen Seite gerade recht. Wir genießen die volle Tagesfahrt durch den Park.

Die Vegetation ist durchgehend spärlich, aber nicht eintönig. Stellenweise sehen wir meterhohes, undurchsichtiges Buschgras, das in der Mittagssonne silbern glänzt. Auf dieser Piste haben wir die Kalahari für uns allein.

Und die Kalahari bietet uns heute noch zwei ganz besondere Erfahrungen.

 

Durch ganz Westafrika hörten wir unzählige Male Warnungen vor den vielen Schlangen. Auf Farmen, auf Stellplätzen, sogar in Hotels. Unser Pech oder besser gesagt, zumindest aus Svenjas Sicht, unser Glück war nur, wir haben nicht eine einzige gesehen. Nicht mal eine kleine oder eine tote auf der Straße. „Es liegt wahrscheinlich daran, dass wir uns wie Trampeltiere bewegen und schon jede Schlange meilenweit verscheuchen“, meinte Svenja einmal dazu.

 

Auf dieser einsamen Strecke ist es jetzt aber soweit. Über die Piste schlängelt sich eine eher unscheinbar graugrüne, lange Schlange. „Schnell, gib mir die Kamera,“ ruft Hannes, als er auf das Tier zuhält. Die Schlange beschleunigt eher gemächlich und schickt sich an, im Gebüsch am Straßenrand zu verschwinden. Die Kamera ist noch nicht einmal fokussiert, als das Reptil kehrt macht und angreift. Sie bewegt sich nicht auf uns zu, sie fliegt förmlich im Bruchteil einer Sekunde die fünf Meter bis zum Auto. Der schwarze Rachen des Tieres ist das Letzte was Hannes sieht, bevor er in Panik auf Svenjas Schoss auf dem Beifahrersitz landet. Die Schlange beißt nicht nur einmal, sondern mehrfach in die, Gott sei Dank, geschlossene Scheibe und die Beifahrertür. Wir sind bedient, unser Puls ist auf 200.

Den weiteren Weg fahren wir zunächst schweigend mit gedrückter Stimmung. „Hast Du gesehen, wie die Schlange weg ist?“, frägt Svenja sorgenvoll. „Nein, wieso?“ Svenja lässt nicht locker: „Was ist, wenn sie sich unter dem Auto versteckt und dann rauskommt?“ „So ein Unsinn, was soll sie denn da“, antwortet ihr Hannes überzeugter, als er es selbst ist. Am Camp angekommen, muss er den Unterboden absuchen, bevor Svenja aussteigt.

 

Der Angriff war uns eine heilsame Erfahrung. Treffen wir jemals zu Fuß auf eine Schlange, gehen wir ihr bestimmt nicht mit der Kamera nach.

 

„Schau mal, das ist komisch, da ist der ganze Lack weg“, sagt Hannes abends im Camp, als er mit dem Fingernagel über den Flecken an der Beifahrertür kratzt. Was uns später von Rangern bestätigt wird: Wir wurden von einer Schwarzen Mamba angegriffen. Ihr Gift ist nicht nur absolut tödlich, es verätzt auch den Autolack. In Zukunft haben wir eine gute Geschichte mehr am Auto zu erzählen. Vermutlich sind wir das einzige europäische Buschtaxi mit einem Mamba Biss.

Die Kalahari versöhnt uns aber noch mit einem sehr schönen Erlebnis. Vom Krach des Toyota hochgeschreckt, steckt ein junger Leopard seinen Kopf aus dem hohen Gras. Regungslos beobachten wir uns gegenseitig lange.

 

Übernachtung: Bosobogolo Pan (1)

19. Oktober 2017, Reisetag: 291
Kgalagadi Transfrontier National Park, Botswana

Die Nächte in den wilden botswanischen Camps gefallen uns ganz besonders. Der Schlaf im Dachzelt unseres Autos ist erholsam und lange. Lautes Löwengebrüll, das gefühlt neben uns stattfindet und pünktlich nach Sonnenuntergang einsetzt, lässt uns bald zu Bett gehen.

Nachts kühlt es erheblich ab, unsere dicken Daunendecken aus Deutschland empfinden wir dabei als besonderen Luxus. Am nächsten Morgen zeugen große Pfotenspuren im Camp vom nächtlichen Katzenbesuch.

Abends am Lagerfeuer bekommen wir Gesellschaft. Ein junger Schakal legt sich in einiger Entfernung zu uns. Die ganze Nacht liegt er dort. „Man kann sich so gut vorstellen, wie der Hund zum Menschen kam“, meint Hannes. „Die ganze Zeit hält er Wache für uns. Irgendwann haben die Menschen ihnen dann die Essensreste zugeworfen und die Tiere kamen immer näher.“

Wir füttern den Schakal nicht. Zu groß ist die Gefahr, dass wilde Tiere zutraulich werden und es zu Problemen mit Touristen kommt. Hannes macht gleich eine entsprechende schmerzhafte Erfahrung. Als wir zu Mittag Pasta essen, belagert uns eine Schaar Hörnchen. Hannes verkneift es sich nur schwer, sie zu füttern. Offensichtlich sind sie es aber gewohnt, etwas zu bekommen. Eines davon wird immer aufdringlicher. Als auch das nichts hilft, beißt es ihm schmerzhaft in den kleinen Finger, nicht ohne Erfolg. Hannes springt auf, die Pasta verteilt sich auf dem Boden und alle kleinen Tiere freuen sich gleichermaßen über die Beute. Svenja lacht sich wie üblich halb tot, wenn jemanden ein Missgeschick widerfährt.

Anders halten wir es mit Wasser. Svenja stellt den Vögeln gerne eine Schüssel auf die Motorhaube. Dutzende Vögel kämpfen lautstark um die besten Plätze am Nass. Die Frechsten stürzen sich direkt in die Schüssel und freuen sich über die seltene Bademöglichkeit.

 

Übernachtung: Mpayathutlwa Pan (MP1) (1), ein interessanter Name

20.-21. Oktober 2017, Reisetag: 292-293
Kang, Botswana

Ein massiver Schlagbaum versperrt die nördliche Ausfahrt des Kgalagadi Nationalparks. Das Verwaltungsgebäude daneben ist nicht nur geschlossen, auch alle Fenster sind mit dicken Eisenstangen verbarrikadiert. „Keine Ahnung, es ist keiner da“, ruft Svenja zu Hannes ins Auto. Wir wollen schon die ganze Anlage umfahren, als sich ein Hinterausgang öffnet und eine Mitarbeiterin uns hineinwinkt. Im Gebäude zeigen uns ausgestellte Fotos den Grund für die Verteidigungsanlagen. Ein junger Leopard kam vor einigen Wochen neugierig in das Büro und machte es sich dort ein paar Stunden bequem. Die entsetzten Mitarbeiter brachten sich durch die Fenster in Sicherheit. Seither befindet sich der Arbeitsplatz hinter Gittern.

 

Die lange, wenig eindrucksvolle Strecke ins Zentrum der Kalahari, die Central Kalahari Game Reserve, unterbrechen wir zur Übernachtung im uncharmanten Ort Kang. Das Städtchen steht exemplarisch für die Schattenseiten des Naturschutzes in Afrika. „Stell Dir mal vor, was die Einheimischen hier denken. Aus den Nationalparks wurden sie vertrieben und leben jetzt hier in solchen Orten“, beschreibt Hannes seinen Eindruck. „Es ist ein trostloses Leben. Wie in den Indianerreservaten. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Verlust der eigenen Kultur“, ergänzt Svenja.

 

Die indigenen San, eines der letzten Nomadenvölker der Erde, haben die Kalahari seit zehntausenden Jahren im Einklang mit der nicht gerade lebensfreundlichen Natur bewohnt. Raubbau und Überwilderung waren Fremdwörter für sie. Bis der weiße Mann kam und alles, was zur Großwildjagd taugte, bis zum Rand der Ausrottung erlegte. Kurz vor zwölf war es dann auch der weiße Mann, der große Gebiete in Nationalparks verwandelte, die einheimischen San zwangsweise vertrieb, ihnen die Jagd und damit ihre traditionelle Lebensweise verbot. Ihres Gebietes, ihrer Tradition und Kultur für immer beraubt, sitzen sie jetzt in jämmerlichen Hütten am Rande der Nationalparks. Als Dank hat die UNESCO die San und ihr ehemaliges Gebiet ganz neu in das Weltkulturerbe aufgenommen. Interessant wäre zu wissen, wie viele der San verstehen, was das ist.

Die Nationalparks hingegen werden von der Regierung Botswanas hervorragend vermarktet. Das Land setzt auf hochpreisigen Luxustourismus. Reiche Touristen werden für ein paar Tage mit gecharterten Kleinflugzeugen zu den noblen Lodges geflogen. Im offenen Jeep geht es zweimal täglich zur Safari inklusive Picknicks. Abends gibt es Mehrgang Menü mit bestem südafrikanischem Wein und Afrika Romantik am Lagerfeuer wie aus dem Kitschfilm. Das alles für rund tausend Euro, pro Nacht versteht sich. Die Angestellten der Lodges bekommen davon nicht einmal einen Bruchteil, die meisten leben von weniger als einem Euro pro Tag.

 

Übernachtung: Kang Ultra Stop Hotel (4)

 

22. Oktober 2017, Reisetag: 294
Khutse Game Reserve, Botswana

Die private Khutse Game Reserve ist ein „kleines“ Anhängsel südlich des riesigen Central Kalahari Parks. Von dieser Zufahrt wollen wir diesen komplett in zwei oder drei Tagen bis zum Nordausgang durchqueren. Die beiden Parkteile verbindet, wieder einmal, nur eine einzige Piste. Sandig, einsam, schwierig, langsam, Empfehlung mindestens zwei Fahrzeuge. Alles wie gehabt.

Die aufziehende Regenzeit macht sich bereits mit den ersten Schauern bemerkbar, unsere Piste wird stellenweise matschig. Schon kurz nach dem Khutse Parkeingang zeigt sich das auch an der Vegetation. Dieser Teil der Kalahari ist grüner und buschbewachsen.

Vereinzelt gibt es farbige Blütenkleckse.

Unser ebenso minimalistisch gestalteter „Campingplatz“ ist umrundet von hohem Gras. Das Löwengebrüll ist hier gefühlt noch näher, was uns dazu bringt, unser Lagerfeuer vorzeitig zu verlassen und uns nach einer kurzen Brotzeit ins Bett zu verkriechen. Nachts kommt starker Wind auf. „Wach auf, ich mache mir Sorgen wegen des Feuers. Die Funken fliegen, hier ist überall Buschgras“, weckt Svenja Hannes unsanft auf. Alles protestierende Grummeln nutzt Hannes nichts, er wird in Unterhose zum Feuerlöschen hinausgeschickt. „Gut, dass du wieder da bist. Ich habe mich mit den Löwen schon allein hier in der Wildnis gesehen“, ist der trockene Kommentar, den Svenja als Dank dafür abgibt.

 

Übernachtung: Molose Campsite Nr 1 (1)

23. Oktober 2017, Reisetag: 295
Central Kalahari Game Reserve, Botswana

Die Verbindungspiste durch Central Kalahari ist wirklich einsam, wir sehen auf der ganzen Strecke kein Auto. Dem engen Bewuchs nach zu urteilen, kommt auch länger keines hier vorbei. Oft müssen wir Etliches aus dem Weg räumen.

Ein einzelner Elefantenbulle, ziemlich entspannt neben der Piste grasend, ist uns eine willkommene Abwechslung.

Menschliche Spuren sehen wir nur einmal. Ein erschreckend verwahrlostes Dorf liegt am Pistenrand. Menschen in zerschlissener Kleidung, dem Anschein nach ehemalige San Nomaden, kommen ans Auto. Wir werden nach Medikamenten, Schmerz- oder Betäubungsmittel, gefragt. Beide beschleicht uns ein sehr ungutes Gefühl bei diesem Ort, wir trauen uns nicht, auszusteigen oder zu fotografieren.

 

Zum Überfluss macht uns auch das Buschtaxi Probleme. „Es ist richtig tiefsandig hier“, meint Hannes, als er trotz immer mehr Gasgebens nicht vorankommt. „Willst Du nicht mit Untersetzung fahren?“, schlägt Svenja vor, ehe sie hinzufügt: „Irgendwie riecht es auch ganz komisch.“ Bevor wir uns klarwerden, wo das Problem liegt, zwingt uns ein lauter Schlag zum Halten. Der rechte Hinterreifen liegt in Teilen auf der Piste, die Verkleidung am Radkasten ist gebrochen. Zum Glück ist Letzteres nur ein optisches Problem. „So ein Mist, ich wollte noch die leeren Batterien am Reifendrucksender wechseln vor ein paar Tagen. Damit wäre das nicht passiert“, beschreibt Hannes zutreffend sein Malheur. So haben wir nicht gemerkt, dass der Reifen platt war. Derart zerfetzt, ist an eine Reifenreparatur nicht mehr zu denken. Zum ersten Mal seit München, seit 40.000 Kilometern müssen wir einen Reifen wechseln. Blöd ist nur, dass wir beide das noch nie gemacht haben. „Wir sind auch selten dämlich. Warum haben wir das nicht mal in Ruhe auf dem Parkplatz geübt“, kommentiert Svenja zutreffend.

So wechseln wir erstmals im Sand der Kalahari Reifen, mittags bei 40 Grad im nichtexistierenden Schatten. In der Theorie des Reifenwechsels sind wir aber beide bestens vorbereitet. „Also mir ist klar, dass wir hier bei Sand etwas unterlegen müssen“, meint Hannes schlaumeierisch.  Gesagt, getan und Svenjas Lieblingsbeutel wird ausgelehrt und unter den originalen Wagenheber des Toyo gelegt. Vollständig hochgedreht bewegt sich das Auto allerdings keinen Millimeter nach oben, der Heber dafür umso mehr mitsamt Stoffunterlage in den Sand. Kein Problem, nur ein untauglicher erster Versuch. Dumm ist allerdings, dass der Wagenheber jetzt voller Sand festgefressen und nicht mehr zu gebrauchen ist.

Wir sind aber bestens ausgestattet, mit dem vielgerühmten Hebesack von Terrain Tamer. Damit ist es angeblich alles kein Problem: Den Sack unters Auto, an den Auspuff angeschlossen aufgepumpt und schon ist das Auto oben. „Sag mal, wo hast Du denn die Bedienungsanleitung verschmissen“, wirft Hannes Svenja vor, als er den fabrikneuen Sack erstmals aus der Verpackung holt.

 

„Das Ding funktioniert nicht. Wir müssen uns das mal zeigen lassen, wie es richtig geht“, kommentiert Svenja wenig hilfreich unseren sicherlich zehnten erfolglosen Versuch, das Auto zu heben. Jetzt schon etwas mehr verzweifelt, wird der Sack unverrichteter Dinge wieder eingepackt. Wie wir mittlerweile wissen, liegt es auch hierbei nicht am Gerät, sondern am Benutzer. Wir haben den Sack immer an falschen Stellen angesetzt und den Wagen so nur aus den riesigen Federwegen gehoben.

 

Die nächsten zwei Stunden verbringen wir damit, den Toyota Wagenheber millimeterweise, mit Balistol eingesprüht, vor und zurück zu bewegen. Schließlich funktioniert er wieder leidlich, wenn auch so schwergängig, dass wir bis zum Krampf in den Armen kurbeln. „Wenn jetzt noch ein Löwe kommt, dann fang ich an zu heulen“, beschreibt Svenja ihren, mittlerweile am Tiefpunkt angelangten Gefühlszustand.

Letztlich tut der Wagenheber doch noch seine Arbeit, nachdem wir sauber unsere Sandbleche untergelegt haben. Als wir die letzte Schraube am neuen Rad festziehen, sind wir beide so schwach, dass wir es kaum mehr schaffen, den kaputten Reifen auf den Halter zu heben.

Wie glücklich man nach so einem Tag, abends frisch am Auto geduscht, einem Teller Pasta vor sich, mit einem Glas kalten Weißwein in der Wildnis anstößt, kann nur nachvollziehen, wer es erlebt hat.

 

„Half the fun of the travel is the aesthetic of lostness.”, Ray Bradburry.

 

Übernachtung: Bape Campsite (1)

24. Oktober 2017, Reisetag: 296
Ghanzi, Botswana

Autoprobleme werden wir auch am nächsten Tag nicht los. Schon seit etlichen Kilometern hören wir immer wieder ein lautes metallisches Krachen, die Ursache können wir nicht lokalisieren. Hannes beschreibt unsere Situation: „Wenn wir jetzt hier was Schwerwiegendes bekommen, wird es lustig.“ Auch Svenja gibt ihm recht: „Ich bin dafür, dass wir uns erstmal helfen lassen, bevor wir weiterfahren.“

 

Schweren Herzens geben wir unsere Kalahari Durchquerung auf, biegen nach Westen zum nächsten Parkausgang ab, Richtung Maun, der touristischen Hauptstadt Botswanas. Hier gibt es entsprechende PKW Service Versorgung.

 

Vorher lassen wir in Ghanzi, der ersten Stadt außerhalb des Parks, unsere Reifen prüfen. Ein Reifen hat ganze sieben Löcher, der gewechselte ist schon offensichtlich ein Totalverlust. „Das passiert auf dieser Strecke jedem“, beschreibt der Werkstattinhaber den Zustand der Piste. Sie ist berüchtigt für Reifenverschleiß.

 

Übernachtung: Campingplatz Tautona (3)

25.-28. Oktober 2017, Reisetag: 297-300
Maun, Botswana

Maun ist eine bemerkenswerte Stadt. Das nahe, weltberühmte Okavango Delta brachte einen touristischen Aufschwung ohne Vergleich. Binnen weniger Jahrzehnte wuchs die Bevölkerung von 500 auf einhunderttausend Einwohner, ohne jede Stadtplanung. Dementsprechend gibt es kein Zentrum, dafür jede Menge, meist von Weißen geführte Kleinunternehmen im Wildwuchs. Diese stellen alles zur Verfügung, was das westliche touristische Herz begehrt. Gastarbeiter haben ihre eigenen Viertel gegründet. Es gibt China Town und India Town.

 

Wir profitieren von den Zivilisationsgeschenken beim Frühstück im englischen Coffee Shop „Hilary´s“, unser Auto von der imposanten Toyota Niederlassung.

Hunderte lokale Safariunternehmen fahren alle Buschtaxi, einige davon mit unserem verstärkten Fahrwerk. Entsprechend schnell ist der Fehler gefunden und mit vorrätigen Ersatzteilen behoben. Eine der australischen Hochleistungsfedern „Old Man Emu“ vorne war gebrochen, angeblich ein Produktionsfehler in der Serie. „Vergiss die australischen Fahrwerke. Australien hat roten Sand, das hier ist Afrika, wir haben schwere Pisten“, war der abfällige Kommentar, den später ein eingefleischter Buschtaxler aus Südafrika dazu gab. Wir geben den Australiern auf jeden Fall eine zweite Chance.

 

Den 300. Tag unserer Reise verbringen wir wenig romantisch mit Organisation der Stellplätze für die nächsten Tage. Das Okavango Delta mit dem eigenen Auto zu bereisen ist nicht gerade einfach. Einerseits sind große Teile dauerhaft überschwemmt, die wenigen Lodges innerhalb des Deltas werden nur mit dem Kleinflugzeug angeflogen. Andererseits sind Selbstfahrer offenbar nicht die präferierte Klientel des botswanischen Tourismusministers. Die wenigen Camping Möglichkeiten werden zunehmend verstaatlicht und offenbar wenig gepflegt. Für alle muss vorab reserviert und bezahlt werden und das in verschiedenen, innerhalb Mauns sehr gut versteckten Büros. Die Preise sind horrend, die Qualität dafür unterirdisch. Wir bezahlen USD 100 pro Nacht für Camping ohne funktionierende Toiletten, zuzüglich saftiger Parkgebühr versteht sich.

 

Übernachtung: Maun Lodge (3) und Sitatunga Campsite (2)

29.-30.Oktober 2017, Reisetag: 301-302
Moremi National Park, Botswana

Moremi ist, von Maun kommend, der erste Parkteil Okavangos. Das Delta formt durch seine unzähligen Flussarme ein kompliziert zerteiltes Gebiet. Schon auf den ersten Kilometern erkennen wir: Okavango ist einmalig und jede Mühe wert.

Binnen zwei Tagen esrkunden wir die meisten Pisten des Parks. Selbst jetzt vor der Regenzeit sind dabei unzählige kleine Wasserpassagen zu durchfahren, die der Gegend ihre ganz eigene Atmosphäre geben. Große Areale alter, abgestorbener Baumreste, die von längeren Trockenperioden zeugen, wechseln sich mit satten Grasebenen und sumpfigen Wiesen ab.

Vor einem kleinen See wollen wir schon aussteigen und die Tiefe vor der Durchfahrt prüfen, als uns zwei gerade noch aus dem Wasser herausragenden Krokodilsaugen eines Besseren belehren. Die Tierdichte ist gewaltig, es wimmelt überall.

Auf unseren Pirschfahrten haben wir großes Glück. Wir sehen die seltenen afrikanischen Wildhunde, ein ganzes Rudel davon und können es lange mit dem Auto bei der Jagd begleiten. Die Tiere sehen mit ihren drolligen, zu groß geratenen Ohren und dem aufgeweckten Wesen nicht nur intelligent aus. Sie sind auch die erfolgreichsten Jäger Afrikas. Ihr Erfolgsrezept ist Teamarbeit. Sie gehen bei der Jagd wie militärisch organisiert vor. Wir sehen ein erfahrenes Tier als Vorhut, zwei auf jeder Flanke und ein älteres als Schlussmann, das sich immer wieder nach hinten versichert und Duftmarken legt. Dazwischen rennen die jüngeren Tiere in verschiedenen Teams, alles permanent durch Laute untereinander koordiniert.

Einen besonderen Einblick in das Flussgebiet bekommen wir abends bei einer sehr lohnenden Bootsfahrt.

 

Übernachtung: Camping bei Xakanaxa (4) und Third Bridge (2)

31. Oktober 2017, Reisetag: 303
Mababe Village, Botswana

Botswanas Nationalparks sind alle nicht eingezäunt. Entsprechend frei bewegen sich die Tiere durch das ganze Land. Allen voran Elefanten, von denen das Land jede Menge hat. Stellenweise zu viele.

 

Auch als Autofahrer bekommt man das zu spüren. Immer wieder müssen wir warten, bis eine Herde gemütlich zu Ende gefressen hat und gemächlich die Straße freigibt. Auch für Einheimische, die sonst jede Kuh von der Straße hupen, gilt: Elefant hat immer Vorfahrt.

 

Übernachtung: Dizhana Community Campsite (3)

1. November 2017, Reisetag: 304
Linyanti Chobe National Park, Botswana

Auf dem weiteren Weg an die Nordgrenze des Deltas machen wir einen Mittagsstop im Savuti Camp. Der Platz liegt eigentlich am Fluss. Vor dem ersten Regen ist jedoch alles vertrocknet. Die über das sandige Flussbett ragenden Terrassen des Camps bieten ein befremdliches Bild.

 

Das Wasser der Anlage befindet sich in Plastiktanks, eingezäunt wie eine militärische Hochsicherheitsanlage. Meterdicke Betonwände und Elektrodraht sind die einzige Möglichkeit, Elefanten vom Wasser fernzuhalten. Sie riechen es angeblich kilometerweit und walzen alles nieder, was sie davon fernhält. Auch die Wasserhähne sind versteckt einbetoniert, zum Affenschutz.

Unser Übernachtungsort, Linyanti Camp, wird zu unserem Lieblingsplatz in Botswana. Am Hochufer des Chobe Flusses gelegen, blicken wir auf die Sumpfebene darunter, auf der hunderte Elefanten grasen. Hinter dem Fluss, am Horizont gerade noch zu sehen, liegt Namibia.

Bei dem Ausblick sind wir zu faul zum Kochen. In mittlerweile bewährter Manier behilft sich Svenja afrikanisch: „Ihr kocht euch doch sicher was zum Abendessen. Können wir bei Euch mitessen bitte?“, frägt sie einen der einheimischen Wachmänner des Camps. Das Ergebnis ist, wie so oft, hervorragend. Wir essen zusammen mit dem Personal leckeren Eintopf. Dazu gibt es Gemüse, es sieht aus wie Spinat, ist aber überall etwas anderes, und geschmacklosen Manjock Brei. Gerne drücken wir dem Personal dafür ein paar Dollar in die Hand, für uns eine gute Form der direkten Unterstützung.

 

Heute Nacht schläft Svenja äußerst unruhig. Immer wieder weckt sie Hannes auf: „Schau mal da ziehen Elefanten in ganzen Herden durch das Camp.“ Tatsächlich sind es vielleicht gerade mal zehn Meter Abstand, den die Tiere zu unserem Auto lassen. Aber man sagt, Elefanten respektieren den Raum anderer Lebewesen genauso, wie sie es für sich erwarten. „Du brauchst keine Angst zu haben, die tun nix“, versucht Hannes sie zu beruhigen. „Erinnere Dich, als uns ein Radler erzählt hat, wie die Elefanten sogar über die Schnüre seines Zeltes gestiegen sind.“

Einige Zeit später wird Hannes wieder von Svenja geweckt: „Es ist unglaublich, wie es hier stinkt. Die Elefanten haben alles verpinkelt.“ „Sei ruhig und lass mich schlafen. Ich kann auch nichts machen, wir können bei den Viechern hier nicht wegfahren“, antwortet ihr Hannes im Halbschlaf genervt. Der starke ammoniakähnliche Geruch, den die Ausscheidungen in ganzen Seen direkt hinter unserem Auto verbreiten, ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig.

 

Übernachtung: Linyanti Campsite (1)

2. November 2017, Reisetag: 305
Chobe National Park, Botswana

Die Fahrt am Chobe Flussufer entlang nach Norden gleicht am meisten einer Tierdokumentation. Hunderte Zebras, Gnus und Büffel weiden an den breiten Flussufern. Im Fluss baden Unmengen Elefanten.

Auf der gegenüberliegenden namibischen Seite sehen wir auch Rinderherden. Uns wird erzählt, dort gebe es keine Raubtiere mehr, die Farmer hätten alle abgeschossen. Ganz anders sieht es auf unserer Flusseite aus. Wir sehen eine Löwenmutter mit drei Jungen vor ihrer Beute liegen und sich das noch blutige Maul lecken und andere Gründe, hier nicht zu baden.

 

Übernachtung: Ihaha Campsite (1)

3.-5. November 2017, Reisetag: 306-308
Kasane, Botswana

Die Kleinstadt Kasane ist unser nördlichster Punkt in Botswana. Sie gefällt uns trotz der vielen Touristen, die wie wir eine Bootsfahrt auf dem Chobe planen. Diese gehört zum Pflichtprogramm Botswanas. Wir werden auch davon nicht enttäuscht.

Viel angetaner sind wir allerdings vom Camp Senyati, in dem wir uns einen kleinen Bungalow direkt am Wasserloch mieten. Im Liegestuhl auf der Terrasse vor unserem Häuschen ist 24 Stunden Programm geboten. Ein Kommen und Gehen von Elefantenherden. Jungbullen beim Raufen, Elefanten Babys beim Plantschen und ältere Tiere, die den Baum in „unserem“ Garten abfressen.

 

Ganze drei Tage bleiben wir gerne hier, ohne der Tiershow überdrüssig zu werden.

Botswana werden wir immer in Erinnerung behalten. Es gibt für Tierfreunde vermutlich kein vergleichbares Land weltweit. Außerhalb der Städte ist die ganze Nation ein einziger großer Tierpark. Nirgends kamen wir im Leben Wildtieren so nahe und in solchen Massen. Die hochpreisige kommerzielle Ausnutzung des Tourismus ist eine Besonderheit, die uns nicht gefällt, die uns aber auch die Freude an Botswana nicht nehmen konnte. Okavango sehen und sterben, würden wir so unterschreiben.

Von Senyati sind es nur zehn Kilometer zur Grenze bei Kazungulu in unser nächstes Land, Sambia. Dort soll es auch viele Tiere und herrliche Nationalparks geben, nur afrikanischer, nicht so touristisch wie hier. Wir freuen uns.

 

Übernachtung: Senyati Safari Camp (1), ein Elefantentraum.

Was wir aus Botswana in guter Erinnerung behalten werden:

  • Tiere, Tiere und nochmals Tiere
  • Okavango, ein Naturwunder ohne Gleichen
  • Ein Leopard zu Besuch im Nationalparkbüro

Was uns weniger gut gefallen hat:

  • Hochpreisiger Safari Tourismus, ohne dass im Land was ankommt
  • Angriff einer schwarzen Mamba
  • Nervige Vorausbuchungspflicht an den überteuerten Camps

Reiseliteratur:

Reiseführer: Ilona Hupe: Reisen in Botswana, 14. Auflage, München 2017. Unerlässlicher Führer. Die Karten sind teilweise unübersichtlich, die extra verkauften GPS Daten entbehrlich.

Südafrika Teil 2

Südafrika Teil 2

12. April 2017, Reisetag: 260
Bredasdorp, Südafrika

„Weißt Du, was gut ist, wenn man am südlichsten Punkt steht?“, frägt Svenja und antwortet gleich darauf selbst: „Wir brauchen nicht zu überlegen, wie es weitergeht. Man kann nur wieder zurück, nach Norden.“ Ein paar Mal hatten wir vorher auch diskutiert, das Auto von Kapstadt aus im Container zu verschiffen. Zurück nach Europa. Oder noch besser nach Südamerika, um einen ganz anderen Kulturkreis zu bereisen. Und offen gestanden, gibt es vereinzelte Tage, an denen wir beide diesbezüglich afrikamüde sind. In kultureller Hinsicht sind die Lebensweisen der Einheimischen in den Ländern Afrikas sehr ähnlich, zumindest auf unseren oberflächlichen Blick. Kein Vergleich mit den Kulturunterschieden, die tausend Kilometer Fahrt quer durch Europa mit sich bringen.

 

Auch hat uns Südafrika bisher nicht vollends überzeugt. Wie sehr vermissen wir die offene Herzlichkeit, die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft und ehrliche Lebensfreude Nord- und Westafrikas. Oder die ihresgleichen suchenden Landschaften Namibias. Vor allem ist in Südafrika die verdeckt gehaltene Feindseligkeit zwischen Schwarz und Weiss überall zu spüren. Die Euphorie des Traumes vom harmonischen Miteinander der ersten Jahre nach der Apartheid ist der Realität gewichen. Es ist ein Leben in einer zerrissenen Nation zwischen Fortschritt und Tradition, unter der Herrschaft einer, vor allem auf Eigenvorteil bedachten Regierung.

 

Aber alles Für und Wider der Autoverschiffung legen wir mit einem, nicht ganz rationalen Argument, zur Seite. Hannes spricht es am Kap Agulhas nochmal aus: „Einfach auf einen anderen Kontinent zu springen, das passt nicht zu uns. Wir sind von zuhause losgefahren, dann fahren wir auch jetzt weiter. Soweit es geht.“ Für uns ist dieser irrationale Grund wichtig. Wichtig für eine ohnehin nicht rationale Reise.

 

Übernachtung: 6 on Kloof Guest House (3)

13. April 2017, Reisetag: 261
Van Wyksdorp, Südafrika

Mit dem Kinderwitz der keine Pinguin fressenden Eisbären steht jetzt auch das Ziel der weiteren Reise fest. Das Nordkap, der nördlichste mit einer Straße verbundene Punkt Europas. Von Südafrika mit dem Auto zu erreichen. Von den Pinguinen zu den Eisbären. Google Maps gibt die Route über Nairobi, Kairo und Moskau mit 17.149 km an, sogar etwas mehr als München – Kapstadt auf der Westroute. Sollten wir jemals im Eis ankommen, werden es vermutlich dreimal so viel sein wie berechnet. Wir freuen uns darauf.

Von der Südspitze Afrikas fahren wir ein gutes Stück ins Landesinnere. Massen von Osterferientouristen, überwiegend aus Deutschland, sind jetzt auf der ebenso berühmten wie überlaufenen Garden Route von Kapstadt nach Port Elisabeth unterwegs. Das von uns gewählte Hinterland entschädigt uns für die entgangene Küstenstraße mit weitläufigen, meist einsamen Landschaften und einer in der Kapregion ganz eigentümlichen Vegetation.

Dazu passend ändert sich das Wetter. Der einsetzende Nieselregen macht den ohnehin kühlen Wind noch ungemütlicher. Es sind Vorboten des aufziehenden südafrikanischen Winters. Unsere Fahrt durch die Hochebene der Halbwüste Klein Karoo unterbrechen wir nur zu gerne im Café des einzigen Dorfladens weit und breit.

Abends kuscheln wir uns an das Kaminfeuer einer gemütlichen Lodge vor deren Fenster wilde Kudus grasen.

 

Übernachtung: Roiiberg Lodge (2)

 

14. April 2017, Reisetag: 262
Oudtshoorn, Südafrika

Zwei Stunden Fahrt weiter nordwärts durch wenig ansehnliches, vornehmlich zur Straußenzucht genutztes Farmland, liegt die Gebirgskette des Swartberg Massivs. Sie birgt vor allem unter Motorradfahrern gerühmte Bergpässe. Der starke Regen der letzten Tage hat einen davon, Meiringspoort Pass, unpassierbar gemacht. Unser eigentlich geplanter Rundkurs über die Pässe wird dadurch unmöglich. Wir genießen dennoch die Fahrt am Südrand der Berge und besuchen auf Svenjas Wunsch spontan die Tropfsteinhöhle Cango Caves, ein Muss auf der Agenda der Garden Route Touristen.

„Das macht aber nur Spaß, wenn du dich nicht andauernd über die Touristenmassen aufregst“, ermahnt Svenja Hannes, bevor sie die Eintrittskarten kaufen geht. Hannes stimmt dem etwas mürrisch zu. Seine Laune bessert sich auch kurz danach nicht besonders, als Svenja berichtet: „Es gibt eine normale Gruppentour, ein oder zwei Stunden. Und es gibt eine Abenteuertour, einen halben Tag. Die habe ich jetzt gekauft. Es geht in zehn Minuten los. Du musst Dich umziehen, in der Höhle ist es nass und dreckig.“

 

Hannes muss sich beherrschen, nicht loszumeckern, als wir an der Warteschlange für die Standardtour vorbeigehen. „So ein Unsinn. Als ob eine Stunde von sowas nicht reicht. Abenteuertour, das kennt man. Das einzig Abenteuerliche dabei ist, dass dem Führer seine Lampe kaputtgeht, angeblich rein zufällig. Oder das Gebot unerlässlichen festen Schuhwerks jeder Pauschalreisebeschreibung, dem alle deutschen Touristen mit schweren Bergschuhen nachkommen, während der Tourguide in Badelatschen geht“, geht es ihm durch den Kopf. Svenja reist ihn aus den Gedanken: „Hast Du das Brett gesehen?“, sagt sie, während sie auf eine am Start aufgestellte Tafel zeigt.  In das Sperrholz sind einige runde Öffnungen gesägt. Die kleinste davon gerade mal 80 cm lang und vielleicht 50 cm hoch. Hannes liest ungläubig die Anweisungen auf der Tafel, während er mit mulmigem Gefühl seinen Bauch bestmöglich einzieht: „Keine Kinder unter 16 Jahre. Keine Schwangeren. Keine Klaustrophobiker, mehrere Meter sind im Dunkeln kriechend zu durchqueren. Keine untersetzten Personen, jeder, der nicht durch dieses Loch passt, darf nicht mit. Und so weiter.“

Schon nach einer halben Stunde wissen wir: Wenn Südafrikaner Abenteuer sagen, meinen sie es. „In den USA wäre sowas unmöglich. Die hätten hunderte von Klagen am Hals“, kommentiert Hannes unseren Weg. Wir sind begeistert. Das über vier Kilometer tiefe System unterschiedlicher Tropfsteinhöhlen gilt zurecht als eines der schönsten weltweit.  Wir können immerhin gut ein Viertel davon sehen. Svenja lacht sich an einigen Stellen über Hannes kaputt, wie er sich mit äußerster Anstrengung durch die Öffnungen im Fels zwängt. Bis an einer Stelle, an der auch ihr das Lachen vergeht. Kopf voraus geht es dort 12 Meter auf dem Bauch kriechend durch einen dunklen Stollen, an dessen Ende nur ein kleines Loch in der Wand zu erahnen ist. Dieses liegt allerdings drei Meter über dem unsichtbaren Boden der anderen Seite. „Wie soll ich denn da runterkommen?“, ruft Svenja einigermaßen angespannt unserem Führer entgegen. „Du musst dich umdrehen, die Füße voraus durchzwängen und dann fallen lassen. Es ist nicht so tief“, antwortet dieser mit einigermaßen ermutigendem Ton.  Patschnass und schlammbesudelt, aber bestens gelaunt kommen wir nach rund vier Stunden aus der Höhle.

 

Übernachtung: Berluda Farmhouse (2)

15. April 2017, Reisetag: 263
Oudtshoorn, Südafrika

Svenja besucht frühmorgens Cango Ostrich Farm, eine der größten Straußenfarmen weltweit. Dreißigtausend Strauße legen auf der Farm viertausend Eier wöchentlich. Nach sechs Wochen Brutkasten kommen die Jungtiere in große Freigehege. Bis sie mit einem Jahr geschlachtet werden, 90 Kilogramm bringen sie dann schon auf die Waage.

„Du kannst den Kleinen deinen Finger hinhalten. Strauße haben keine Zähne“, meint der Farmmitarbeiter zu ihr. Trotzdem schnappen die für unseren Maßstab schon riesigen Vögel beherzt nach allem, was man ihnen entgegenstreckt. „Die Tiere sind ziemlich blöd. Das Gehirn ist nur so groß wie eine Erdnuss“, erklärt der Führer weiter. „Aber unterschätzen darf man sie nicht. Wenn sie angreifen, treten sie blitzschnell nach vorne und schlitzen dir mit ihren scharfen Krallen den Bauch auf.“

„Die Tour war ganz interessant. Für dich wäre es nichts gewesen, Massentierhaltung“, berichtet Svenja von ihrem Ausflug. „Aber die Angoraziegen hätten dir gefallen.“ Das zweite Standbein der Farm ist uns beiden tatsächlich viel sympathischer. Auf riesigen Freiflächen grasen 15.000 dieser hübschen Ziegen im satten Grün. Statt ihres Lebens müssen sie nur regelmäßig ihre weiche Wolle lassen, die jetzt vor dem Winter in der Sonne weiß strahlt. Angeblich erwirtschaftet die Farm damit ein deutlich stetigeres Einkommen als mit Straußenfleisch. Der Vogelnachwuchs ist scheinbar recht unbeständig.

Übernachtung: Duiwekloof Camping und Guesthouse (2)

 

16. April 2017, Reisetag: 264
Baviaanskloof, Südafrika

Im Landesinneren verläuft eine Gebirgskette nach der anderen parallel zur Küste. Mit jedem Fahrtag gefällt uns die Gegend besser. Mittlerweile sind auch die Pisten nach unserem Geschmack. Wild, einsam und teilweise recht anspruchsvoll zu fahren. „Das macht richtig Spaß. Endlich wieder Afrika. Ich hab schon fast vergessen, was Offroad ist“, kommentiert Svenja ihre Fahrt durch die Baviaanskloof Berge.

Beim Frühstück haben wir Glück, den Inhaber des Camps kennen zu lernen. Auf die Frage nach Wanderwegen bietet er spontan an, mit uns einen Tag durch die Berge zu gehen. Dem kommen wir nur zu gerne nach. Unterwegs erfahren wir von dem passionierten Hobby Geologen alles über die Entstehung des Kap-Faltengürtels.

Die Bildung dieser Gebirgsketten ist ein, zumindest für uns, schwer zu verstehender Prozess. Wir hören von Plattenkollisionen der Superkontinente, Auffaltungen und Absenkungen, Vulkanspalten und zuletzt Auseinanderdriften der heutigen Kontinente. „Das ist der Grund, warum die Gebirgsketten Südafrikas parallel zum Meer laufen. Südamerika ist von Afrika abgebrochen. Patagonien war bis dahin neben Kapstadt“, erklärt er uns in allen Details. „Das wäre praktisch. Dann könnten wir von hier nach Südamerika rüberfahren,“ meint Svenja dazu wenig wissenschaftlich.

 

Übernachtung: Campingplatz Kudu Kaya (2)

17.-18. April 2017, Reisetage: 265-266
Kirkwood, Südafrika

Addo Elephant National Park ist unser nächstes Ziel. Einst bevölkerten riesige Elefanten Herden die gesamte Kapregion. Bis sie mit den sich stetig ausdehnenden Farmen der europäischen Siedler in Konflikt kamen. Professionelle Jäger wurden mit der Abschlachtung der Tiere beauftragt. Als sich der „letzte große weiße Jäger“ Major P. J. Pretorius mit der Erlegung von 130 Elefanten in nur einem Jahr rühmte, kam es zu ersten Protesten. Es war kurz vor zwölf. Nur elf Tiere hatten überlebt, als 1931 zu ihrem Schutz ein kleines Reservat abgezäunt wurde. Mittlerweile mehrfach erweitert, misst der Park jetzt 1640 Quadratkilometer, immerhin gut zweimal die Fläche Berlins. Für die heute über 400 darin lebenden Elefanten ist das aber viel zu klein.

Wir profitieren von der Bevölkerungsdichte. Die Elefanten sind überall. Den vielen Jungen nach zu urteilen, erfreuen sich die Herden immer noch regen Nachwuchses. Die heute hier lebenden Tiere wurden nie bejagt. Entsprechend gelassen sehen sie den vielen Autos entgegen, aus denen die langen Kameraobjektive auf sie gerichtet werden.

„So nahe würde ich mich trotzdem nicht hin trauen“, meint Hannes, als uns ein Auto am Wasserloch überholt und bis auf wenige Meter an eine Herde fährt. In anderen Nationalparks, vor allem in Gegenden, in denen gewildert wird, sind die Tiere bei weitem nicht so entspannt. Einige Wochen später erfahren wir von einem Holländer, der in Sambia an einen Elefanten heranging, um ein Handy Selfie mit dem Tier zu machen. Der Elefant fühlte sich bedroht, griff an und trampelte ihn und die ihm zur Hilfe eilende Partnerin zu Tode.

 

In Addo Elephant Park fehlt die Weite und Wildnis Afrikas, wir fühlen uns ein wenig wie im Zoo. Aber einfacher als hier kann es vermutlich nicht sein, Elefanten zu beobachten. Bequem aus dem am Wasserloch parkenden Auto sehen wir eine Herde nach der anderen. Das Trinken ist dabei nur ein Teil des Spektakels. Elefanten lieben es, zu plantschen.

Ausgiebiges Schlammbaden macht offensichtlich allen riesigen Spaß, allen voran den Jüngsten. „Es ist wie bei Kleinkindern,“ meint Svenja. „Die Jungen versuchen, den Eltern alles nachzumachen.“

Manches Elefantenbaby landet dabei kopfüber im Schlamm, vergeblich strampelnd. Der Rüssel seiner Mutter ist auch hierfür ein Universalwerkzeug. Der Kleine wird mit einem sanften Stoß aus dem Matsch bugsiert. Wir werden nicht müde, die Tiere stundenlang zu beobachten.

 

Übernachtung: Magnolia Guest House (3)

19.-26. April 2017, Reisetag: 267-274
Colchester, Südafrika

Der südafrikanische Winter macht sich immer deutlicher bemerkbar. Wir freuen uns auf die Sommermonate in Europa. Das Buschtaxi wollen wir bis Oktober eigentlich in Port Elisabeth abstellen. Aber schon direkt am Südende des Addo National Parks finden wir ein herrliches Bed und Breakfast, deren herzliche englische Eigentümer eine Abstellmöglichkeit bei ihren Nachbarn besorgen. Die folgenden Monate parkt das Auto kostenfrei und nobler denn je, in der riesigen, blitzblanken Garage eines luxuriösen Ferienhauses. Unseren herzlichen Dank nochmals für das Entgegenkommen.

Von der Terrasse haben wir Blick auf den Sundays River und die sich dahinter erhebenden Sanddünen. Es ist das größte und am besten erhaltene Dünenfeld der westlichen Hemisphäre. „Also ich will hier nicht nur rumsitzen“, meint Svenja schon nach zwei Tagen Computerarbeit und Faulenzerei. „Ich habe mit Etta geredet, der Besitzerin. Wir können ein Kanu mieten und durch die Dünen wandern. Ich organisiere das für morgen.“ „In Ordnung, wenn Du dich um alles kümmerst, ich will heute noch schreiben“, antwortet ihr Hannes.

Sehr frühmorgens paddeln wir über den Fluss, die Sanddünen sind in der Morgensonne sicherlich noch beeindruckender. An der von Etta beschriebenen Stelle landen wir an und steigen auf die ersten Sandhügel. Vor unberührten Stränden dehnen sich die Dünen kilometerweit aus, einige von ihnen sind über hundert Meter hoch.

„Der Weg ist ganz einfach. Sie hat alles mit Bildern für uns ausgedruckt. Wir laufen links an den hohen Dünen vorbei an die Flussmündung. Das sind nur zwei, drei Stunden. Von dort können wir Etta anrufen, sie holt uns mit dem Boot ab“, erklärt Svenja ihren Plan. „In Ordnung, ich möchte aber vorher auf die höchste Düne klettern“, erwidert Hannes. Nach anstrengendem Aufstieg genießen wir den Rundblick von Port Elisabeth über Meer und Dünen bis zu den Hügeln des Addo Elefant Parks. Wir bilden uns ein, dort die Elefanten fast erblicken zu können. Gerade voraus ist die Brandung des Meeres sichtbar.

„Da können wir doch hinlaufen und dann am Strand entlang zur Flussmündung“, bestimmt Hannes die zweite Planänderung. Svenja gibt dem nach einigen unwesentlichen Einwendungen nach. Für die vermeintlich zum Greifen nahe Strecke zum Meer brauchen wir drei Stunden, hohe, mühsam zu erklimmende Tiefsanddünen und dazwischenliegendes Dorngestrüpp inklusive.

„Was hast Du denn eingepackt für uns?“, frägt Hannes als die Sonne langsam gen Mittag steigt. „Gar nichts, ich wusste doch nicht, dass es länger wird“, antwortet ihm Svenja schon leicht verzweifelt. „Aber wozu haben wir denn den Rucksack dabei?“, frägt Hannes weiter, der noch an einen Scherz glaubt. „Nur für eine kleine Flasche Wasser und die Kamera“, bestätigt Svenja unsere unkomfortable Lage. „In Ordnung, wir sind gleich am Meer. Von dort ist es nicht weit zum Fluss“, versucht Hannes sie etwas aufzubauen.

Weitere zwei Stunden später sind wir völlig erschöpft, aber endlich an der Flussmündung angelangt. Leider ist nicht nur unser Akku leer, sondern auch der von Hannes Handy. Svenja hat ihres erst gar nicht mitgenommen. „Es ist nicht so schlimm“, versucht Hannes gegen Svenjas zunehmende Unterzuckerung und Verzweiflung anzugehen. „Wir gehen immer flussaufwärts bis zur Biegung, dann weiter am Fluss entlang bis zum Bed and Breakfast. Das ist viel einfacher als über die Dünen.“ Unglücklicherweise geht auch dieser Plan nicht auf. Die Dünen fallen steil ans Flussufer ab, zwischen Sand und Wasser bleibt kein Weg. „Dann gehen wir drüber, direkt zum Kanu“, legt Hannes fest und nimmt einen großen Stock vom Boden, um damit den Weg gegen Schlangen abzuklopfen.

Bis zur Dämmerung kämpfen wir uns durch Dornenfelder und tiefen Sand. Als wir endlich kurz vor Sonnenuntergang gerade noch das Kanu ausmachen können, ist Svenja den Tränen nahe. „Wir sind aber auch zu blöd“, fasst Hannes unsere Meisterleistung zusammen, als wir Etta das Erlebte erzählen, die bereits ein paar Leute auf die Suche nach uns geschickt hatte. „Im Auto liegen Satellitentelefon, Ersatz Akkus, Proviant und Unmengen Wasserflaschen. Und wir gehen ohne alles los.“

 

Übernachtung: Dungbeetle River Lodge (1)

3.-5. Oktober 2017, Reisetag: 275-277
Colchester – Addo Elephant Park – Kidds Beach, Südafrika

Nach einem ereignisreichen Sommer in Europa tauschen wir unseren Herbst mit dem südafrikanischen Frühling. Auch wenn in Port Elisabeth bei Wind und Nieselregen davon noch nicht viel zu spüren ist. Das Buschtaxi hat die Pause in der noblen Garage gut überstanden, bei der ersten Schlüsseldrehung springt der Motor an.

Vor unserer Weiterfahrt an die Ostküste des Landes besuchen wir nochmals die Elefanten im Addo National Park. Wir werden auch dieses Mal nicht enttäuscht, obwohl die Wasserlöcher aufgrund der guten Regenfälle nicht so gut besucht sind wie Ende April.

Die Fahrt führt uns durch einige schwarze Townships östlich Port Elisabeths und durch deren Gegenstück: in Kenton-on-Sea stehen ausschließlich feudale Ferienhäuser der Weißen. Die von uns seit der Ankunft in Südafrika gespürte Dauerspannung ist überall präsent.

 

Übernachtungen: Dungbeetle River Lodge (1), Addo Wildlife Lodge (2), B&B Breeze Inn (2)

6. Oktober 2017, Reisetag: 278
Seagulls, Südafrika

Weites Farmland bestimmt das Hinterland der Ostküste, auf den Hügeln, soweit das Auge reicht, umrahmt von den Splittersiedlungen der Einheimischen. Die Szene wirkt auf uns beklemmend trostlos. Alle einheimischen Farmen sind winzig, reichen vermutlich gerademal zur Selbstversorgung. Wir sehen wenig Vieh. Schafe, Ziegen und ein paar Hühner. In den kleinen Städten, durch die wir fahren, herrscht hingegen reges Markttreiben. Die angebotenen Waren sind allerdings auf niedrigstem Niveau. Chinesische Plastikware beherrscht das Bild.

 

Das Meer erreichen wir wieder bei Kei Mouth, dahinter beginnt die Wild Coast. Eine Küste die ihrem Namen angeblich gerecht wird. Hier soll es noch sein, das ursprüngliche Südafrika. Eine kleine Fähre bringt uns über den Kei Fluss dorthin.

Die Freude über die einsame Sandpiste auf der anderen Seite wärt nur ein paar Kilometer. Gleich danach stehen wieder hunderte einfachste Betonhäuser, dahinter an den schönen Stränden aber die Touristenhotels, von Mauern und Sicherheitsleuten sauber abgetrennt.

 

„Also irgendwie glaube ich nicht, dass es uns weiter an der Küste besser gefällt“, mein Hannes mit Blick auf Google Maps. Alle paar Kilometer ist an der sogenannten wilden Küste ein Touristen Resort eingezeichnet. „Ich denke auch nicht, dass wir viel versäumen, wenn wir den Rest auslassen“, stimmt ihm Svenja zu. Unser Beschluss ist schnell gefasst. Wir beendet vorerst unser Reisekapitel Südafrika. Direkt in den Norden wollen wir auf schnellsten Weg nach Lesotho fahren, in das kleine, sehr bergige Königreich inmitten Südafrikas.

 

Beim Abendessen schenkt uns Südafrika noch einen besonderen Abschiedsgruß. Von der Terrasse des Hotels sehen wir Buckelwale auf ihrer Wanderung in das Eismeer aus dem Wasser springen.

 

Übernachtung: Seagulls Hotel (3)

7.-8. Oktober 2017, Reisetag: 279-280
Ugie – Rhodes, Südafrika

Über teils schwierig zu fahrende Pässe gelangen wir in das Hochland der Region Ostkap. Im Norden erscheinen bereits die über dreitausend Meter hohen Gipfel Lesothos. Mit wachsender Höhe fällt die Temperatur. Mittlerweile zeigt das Thermometer nur noch 3 Grad. „Das macht keinen Spaß. Frieren in Afrika“, kommentiert Svenja die für diese Jahreszeit ungewöhnliche Kälte.

 

Übernachtungen: B&B Mountain View (3), B&B Walkerbouts Inn (2)

9.-10. Oktober 2017, Reisetage: 281-282
Roma, Lesotho

Hinter der problemlosen Grenze nach Lesotho verändert sich das Bild neben der Straße schlagartig.

Ochsen ziehen hölzerne Pflüge, Kinder reiten auf Eseln, ausgemergelte Ziegen weichen nur langsam von der Straße.

Es ist immer noch kalt und regnet. Man sagt uns, einige Pässe seien derzeit nicht befahrbar.  Als es auf der ersten Passhöhe auch noch anfängt zu hageln, brechen wir unsere Bergfahrt ab, nehmen Kurs in Richtung Maseru, der Hauptstadt Lesothos. In der Nähe wollen wir unsere Reisefreunde Conny und Tommy mit ihrem MAN treffen.

 

Die beiden sind überrascht, uns schon ein paar Tage früher als erwartet zu sehen. Die Freude ist groß und wir verbringen miteinander zwei schöne Abende.

„Es regnet wirklich viel und ist saukalt“, meint Svenja, als wir unsere Routenplanung durchgehen. Conny und Tommy sind seit langem in der Gegend unterwegs und geben uns wertvolle Tipps. „Ja es ist nicht die beste Zeit für Lesotho. Vor ein paar Tagen hat es noch geschneit“, bestätigt Tommy unsere Bedenken. Nach einiger Diskussion ist unser Entschluss gefasst. Nicht ohne ein weinendes Auge verlassen wir nach nur zwei Tagen Lesotho. Wir wollen so schnell wie möglich weiter nach Norden, nach Botswana.

11. Oktober 2017, Reisetag: 283
Kimberley, Südafrika

Botswana gilt unter Reisenden, was Wildtiere angeht, als das Nonplusultra im südlichen Afrika. Das Land ist eine einzige Aneinanderreihung riesiger Nationalparks. Wir wollen die meisten davon besuchen, vom wüstenähnlichen Teil der Kalahari im Süden bis zum Schwemmland des Chobe Nationalparks an den Viktoriafällen im äußersten Norden. Für die nächsten beiden Tage bedeutet das eine Anreise von tausend Kilometer durch endlose Grassteppe in Südafrika. Der Beginn der Kalahari, der Kgalagadi Transfrontier Park liegt ganz im Südwesten Botswanas.

 

„Es ist blöd, eine riesen Fahrerei. Wir müssen fast alles in Südafrika Gefahrene zurück, bis an die Grenze Namibias“, meint Hannes, als wir wieder einmal über der Afrikakarte grübeln. Alle Reisenden kommen hier in gleiche Planungsprobleme. Die Länder Namibia, Südafrika, Botswana, Zimbabwe und Mosambik bilden zusammen mit den beiden Zwergen Lesotho und Swasiland das südliche Afrika, ein riesiges Dreieck mit Seiten bis zu dreitausend Kilometern. Dabei sind alle Länder uneingeschränkt sehenswert. „Du kannst entweder die ganze Zeit zickzack fahren oder vieles weglassen“, beschreibt er unseren Zwiespalt.

„Es ist wie immer. Wir wollen so vieles sehen, aber es geht nun mal nicht alles“, sagt Svenja abends im Auto. „Schade um Lesotho. Der erste Eindruck war sehr gut. Vor allem die Drakensberge hätte ich gerne gesehen“, meint Hannes dazu etwas traurig. „Aber es hat auch sein Gutes, für Botswana ist jetzt die beste Zeit, um Tiere zu sehen. Darauf freue ich mich sehr.“

 

Übernachtung: Camping Roma Trade Post (2)

Die lange Fahrt zur Kalahari unterbrechen wir nur einmal, in Kimberley.

Die Stadt war einstmals ein verschlafenes Nest mitten in der Trockensavanne. Bis 1866 ein 15-jähriger Junge beim Spielen einen 21 karätigen Diamanten fand. Binnen kurzem kamen dreißigtausend Glücksritter. Wenige Jahre und unzählige Kämpfe um die Schürfgebiete später, war der gesamte Hügel im heutigen Kimberley abgetragen. Alle lohnenden Diamanten waren vermeintlich gefunden, der harte Fels darunter die Mühe nicht mehr wert.

 

Einer sah das anders. Ein eher unscheinbarer, kränklicher, aber, wie die Geschichte zeigen sollte, auch erfolgsbesessener und dabei außerordentlich rücksichtsloser Mann. Cecil Rhodes, Pfarrerssohn aus England, kam nach Südafrika, eigentlich um seine Tuberkulose auszukurieren. Der Visionär erkannte das Potential in Kimberley und kaufte mit von den Rothschilds geliehenem Geld die meisten der vermeintlich erschöpften Gebiete auf.

 

Sein Aufstieg sucht in der neueren Geschichte seinesgleichen. Er eroberte für die britische Krone die Gebiete des heutigen Simbabwes und Sambias, die nach ihm Rhodesien benannt wurden. Als Dank ernannte Britannien ihn zum Premierminister der Kapkolonie. Das von ihm gegründete Diamanten- und Goldunternehmen benannte er nach der Farm seiner ersten Mine: „De Beers“. Die Firma, welche über hundert Jahre quasi ein Monopol auf Diamanten hatte, ist für viele noch heute ein Inbegriff für rücksichtslosen Kapitalismus und imperiale Ausbeutung.

 

„Es ist schon unglaublich, wie Cecil Rhodes in Afrika heute noch verehrt wird. Nach allem was er hier angestellt hat. Kriege, menschenverachtende Arbeit und unverhohlener Rassismus“, kommentiert Hannes die hervorragende Präsentation der Minengeschichte im Kimberley Museum. „Obwohl er selber TBC krank war, hat er die Arztberichte seiner Minenarbeiter gefälscht und so hunderte mit Tuberkulose angesteckt.“

 

Am Museum stehen wir mit offenem Mund vor dem „Big Hole“. Ein riesiges, von Menschen in die Erde gegrabenes Loch.  Fast 500 Meter weit und 25 Meter tief liegt die Erdnarbe vor uns.

Heute wird hier nicht mehr geschürft. Türkisfarben und friedlich liegt ein unbewegter See am Boden, Vögel schweben unaufgeregt darüber. Nichts außer einer schmutzigen Messingtafel erinnert mehr an all das Leid und die tausenden Toten der Mine.

 

Übernachtung: B&B Villa Palma (2)

12.-14. Oktober 2017, Reisetage: 284-286
Upington, Südafrika

Unsere letzten beiden Tage vor der Kalahari und der Grenze Botswanas verbringen wir bei Jackie. Die 82-jährige Bed und Breakfast Besitzerin ist eine Marke. Die ehemalige Opernsängerin, eine Grand Dame der alten Schule, hat mit dem Rentenalter ihrer Heimat Schweiz den Rücken gekehrt. „Was sollte ich machen. Nach dem Singen habe ich Piloten ausgebildet. Aber als Rentnerin dort leben. Niemals“, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. „Ich bin immer nur Motorrad gefahren. Auch im Schnee und hier in Afrika. Ein Auto? Viel zu langweilig. Bis meine Tochter es mir mit 75 verboten hat. Den Führerschein für das Auto habe ich dann erst hier gemacht. Naja ich habe ihn eigentlich nicht geschafft. Aber in Afrika kann man ja vieles regeln.“

 

Jackie und Hannes verstehen sich blendend. Schon beim Frühstück mit allerlei europäischen Delikatessen im barocken, nur knapp am Kitsch vorbei geschrammten Garten, hören die beiden historische Opern Aufnahmen.

Mit von Svenja in der Zwischenzeit gekauften Vorräten für mehrere Tage brechen wir auf nach Botswana, in die Kalahari, eine der faszinierendsten Gegenden der Welt.

 

Übernachtung: A la Fugue Guesthose(1)

Was wir aus Südafrika in guter Erinnerung behalten werden:

  • Mitre’s Edge, die Familie und deren Meute
  • Kap Agulhas, Ende und Beginn einer besonderen Reise
  • Tölpel und Pinguine, zwei lustige Vögel

Was uns weniger gefallen hat:

  • Das zugebaute Western Cape
  • Die Narben der Diamantenindustrie
  • Kapstadt, zumindest in der Ferienzeit

Reiseliteratur:

  • Reiseführer: Lonely Planet Südafrika, Lesotho & Swasiland, Lonely Planet Deutschland, 2016.
    Einer der wenigen Guten aus dem Verlag.
  • Lawrence Anthony: Der Elefantenflüsterer. Mein Leben mit den sanften Riesen und was sie mir beibrachten, mvg Verlag 2010.
    Eine bezaubernde, wahre Geschichte. Wer Elefanten mag, wird das Buch lieben.

 

Südafrika Teil 1

Südafrika Teil 1

20. März 2017, Reisetag: 237
Porth Nolloth, Südafrika

Eine kilometerlange, viel zu schmale Brücke über den Oranje Fluss liegt vor uns. Er bildet die Grenze zwischen Namibia und Südafrika. Es ist „unsere“ letzte Grenze. Wir sind weit und breit das einzige Auto, der Übergang bei Alexanderbay wird so gut wie nicht benutzt. Auf der namibischen Seite führt die Zufahrtsstraße durch das Diamanten Sperrgebiet. Um dorthin zu gelangen, mussten wir das Auto durchsuchen und registrieren lassen. Der namibische Staat hält seine eiserne Hand auf die Schürfrechte. Schwarzgrabungen und Schmuggel werden hart bestraft.

„Fahr zu, die wird nie grün“, meint Svenja mit Blick auf die rote Ampel vor uns. Das Schild daneben warnt uns eindringlich davor, bei Rot über die einspurige Brücke zu fahren. „Du hast Recht, das ist wahrscheinlich schon seit Jahren kaputt“, stimmt ihr Hannes zu und gibt Gas. Auf der anderen, südafrikanischen Seite können wir uns dann von der Qualität der Anlage überzeugen. Auch in der Gegenrichtung herrscht Dauer-Rot. Wir müssen unfreiwillig wieder zurückfahren. Namibia hat zu Unrecht bei der Ausreise unser Carnet de Passage gestempelt, eigentlich gibt es eine Zollunion mit Südafrika. Der Zoll kann das hier aber angeblich nicht mehr korrigieren. Wir müssten nach Kapstadt auf das Ministerium, sagt man uns, die Papiere wieder in Ordnung bringen. Wir sind mittlerweile wenig beeindruckt davon, lassen unsere Pässe hier und fahren bei Rot über die Brücke zurück nach Namibia. Von einer Zollunion hat die Beamtin dort noch nie etwas gehört. „Soll ich jetzt mit dem heutigen Tag wieder einstempeln oder welchen hättet ihr gerne?“, frägt sie uns sehr hilfsbereit. Einen neuerlichen Rotverstoß später sind wir endgültig mit korrekten Papieren in Südafrika. „Das macht gar keinen Spaß, so eine läppische Grenze“, schimpft Svenja nicht ganz ernst gemeint, wo sie doch auf der Reise schon viele zwischenstaatliche Hürden ganz anderen Kalibers souverän gemeistert hat.

 

Port Nolloth, unsere erste südafrikanische Stadt, birgt ein kleines, interessantes Museum zur Geschichte des Wirtschaftszweiges, der hier alles seit Jahrzehnten beherrscht. Vor der Küste wird nach Diamanten getaucht. Auch wenn die große Goldgräberstimmung mittlerweile vorbei ist, plagen sich immer noch viele Taucher von Schiffen mit riesigen Pumpschläuchen beim Absaugen des Meeresbodens. Täglich werden noch hunderte Karat aus dem Schlamm gesiebt. Das Geschäft ist heute in der Hand großer Konzerne, allen voran De Beers. Der ein oder andere Abenteurer aus der alten Garde ist aber noch mit seinem eigenen kleinen Boot dabei.

Darunter George, Urgestein der Szene und Museumsherr, der uns mit Begeisterung haarsträubende Geschichten von der Taucherei erzählt. Viele Besucher hat er augenscheinlich nicht, die ihm noch zuhören.

Alte Fotos zeigen ihn in seinen Zwanzigern als athletischen, gutaussehenden Mann. Die harte Arbeit im kalten Wasser hat davon nicht viel übriggelassen. Dazu tut der Alkohol sein Übriges. Er ist vermutlich eines der wenigen Dinge, die Abwechslung in das trostlose Ortsleben bringen. Geblieben ist aber sein Traum, den er mit allen Goldgräbern zu allen Zeiten teilt. Von dem einen Glücksfund, der ihn über Nacht unermesslich reich macht. 110 Karat, so erzählt er uns, habe der größte jemals hier entdeckte Diamant gewogen. Ein Kind habe ihn beim Spielen im Sand gefunden.

 

Übernachtung: B&B Bedrock (2)

21. März 2017, Reisetag: 238
Lamberts Bay, Südafrika

Perfekte Teerstraßen führen uns weiter südlich nach Lamberts Bay. Wir fühlen uns wie auf der Fahrt von Deutschland nach Spanien. Erst später erkennen wir, was uns in Südafrika generell fehlt. Es ist das Abenteuergefühl der vergangenen Monate, die Herausforderungen, die uns durch Westafrika so oft begleitet haben.

Obendrein ist die immer wieder von gigantischen Löchern der Diamantenminen vernarbte Landschaft wenig einladend. Eine monatelange Dürre hat die spärliche Vegetation bis zur Unkenntlichkeit vertrocknet. Im August, manchmal September soll der einsetzende Regen die gesamte Gegend in ein einziges Blütenmeer verwandeln. Wahrscheinlich hätten wir dann Südafrikas Willkommensgruß schöner empfunden.

 

Wie schon öfters, entschädigen uns dann aber die Tiere. Hier sind es Tölpel. In Lamberts Bay gibt es eine riesige Kolonie mit einigen hundert Paaren, die jedes Jahr hierher zum Brüten kommen. Wir treffen gerade noch zur richtigen Zeit ein. Die Jungvögel sind schon fast ausgewachsen und kurz davor, ihre Kinderstube zu verlassen.

Unser Schimpfwort „Tölpel“ kommt angeblich nicht von dieser Vogelart. Es würde jedenfalls wunderbar passen, die tollpatschigen Tiere unterhalten uns lange. So majestätisch sie im Flug sind, so unbeholfen wirkt ihr Start. Mitten durch die Kolonie und trotz des immensen Gedränges von allen respektiert, verläuft die überaus lange Startbahn. Die schweren Vögel nehmen gehörig Anlauf, hüpfen dabei immer wieder hoch, um kurz vor dem Bahnende mit scheinbar letzter Kraft gerade noch abzuheben. Immer wieder reicht aber selbst diese Gewaltanstrengung nicht, so manches Startmanöver endet unsanft in einem Brutpaar neben der Strecke, lautes Protestgeschrei der Getroffenen eingeschlossen.

Einen ganzen langen Vormittag amüsieren wir uns über die drolligen Vögel und ihre Nachbarn, eine große Pelzrobben Kolonie.

 

Übernachtung: Sir Lambert ‘s Guesthouse (2)

22.-23. März 2017, Reisetag: 239-240
Saint Helena Bay, Südafrika

„Die Südafrikaner haben keine Ahnung von kaltem Wasser, die waren noch nie in einem bayerischen Bergsee“, meinte Hannes, als uns mehrfach erzählt wurde, dass man hier an der Küste nicht baden könne. Wir wollen trotzdem ein paar Tage ans Meer. Die Halbinsel Western Cape ist unser Ziel. Auch hier werden wir von Südafrika enttäuscht, die Küste ist ohne Unterlass zugebaut mit billigen Ferienhäusern. Ursprüngliche Fischerdörfer und schöne Lokale sucht man ebenso vergeblich wie Stellen für ungestörte lange Strandspaziergänge. Ein kleines, persönliches Bed&Breakfast ist uns ein Lichtblick, zumindest dessen Hund Mr. Watson ist hier wirklich interessiert an uns. Endlich hat er Kameraden zum Spazierengehen. Ausführlich nehmen wir uns dafür Zeit. Das Meer ist rau, der kühle Wind und der salzige Geruch alten Seetangs erinnern Svenja an viele schöne Tage an der Nordsee.

Die voller Zuversicht angezogene Badehose wird anschließend gleich ganz unten in die Reisetasche gepackt. Das Meer ist nicht kalt. Es ist eisig. Wenige Sekunden, nur mit den Badelatschen ein paar Zentimeter unter Wasser, reichen uns. Die blau angelaufenen Füße brennen wie Feuer. Jetzt wissen wir, warum keiner ins Wasser geht. Der Benguela Strom sorgt dafür. Er bringt Eiswasser direkt aus der Antarktis.

Auch sonst wird es immer kälter, zum ersten Mal seit Deutschland schalten wir die Sitzheizung des Buschtaxis ein, eine der wenigen elektronischen Extras. Wir hatten schon fast vergessen, dass wir eine haben. Hier am Meer ist der herannahende südafrikanische Winter schon deutlich zu spüren. Ein weiterer Grund für uns, schnell weiter zu fahren.

 

Übernachtung: B&B Absolut Beach (2)

24.-25. März 2017, Reisetag: 241-242
Zederberge, Südafrika

Nur zu gerne verlassen wir die charmelose Küste Richtung Inland. Dort versprechen die Zederberge mit ihren Nationalparks interessantere Landschaften.

 

Vorher besuchen wir ein kleines Denkmal eines wirklichen Abenteurers. Vasco Da Gama setzte 1497 in der St. Helena Bucht als erster Europäer Fuß auf südafrikanischen Boden, natürlich nicht ohne dort ein christliches Kreuz aufzustellen. Es war das erste in der südlichen Hemisphäre.

Schon Citrusdal, die erste Kleinstadt am Rande der Zederberge, gefällt uns besser. Dahinter winden sich kleine Straßen in die hübschen Sandsteinberge. Die Gegend ist scheinbar auch klimatisch begünstigt. Es ist deutlich wärmer, die Bergluft ist klar und angenehm. Im Nationalpark gibt es einige Farmen, angebaut werden Oliven, Feigen und sogar Mangos. Und wir besuchen hier unser erstes Weingut. Cederberg ist berühmt für seine frischen, mineralischen Weißweine.

 

Übernachtung: Jamaka Farm (2)

26.-27. März 2017, Reisetag: 243-244
Zederberge, Südafrika

Die Weiterfahrt in den Süden wird ein weiteres Mal vom Zufall unterbrochen. Uns kommt ein riesiger MAN Camper mit deutschem Nummernschild entgegen. Wir lernen Tina und Klaus kennen. Vor einigen Jahren hat Klaus sein Fahrradgeschäft in München verkauft und das Eigenheim mit dem LKW getauscht. Die beiden sind damit schon fast fünf Jahre unterwegs, die meiste Zeit auf der Ost-Route durch Afrika. Zurück wollen sie die nächsten Jahre im Westen fahren (www.shumba.eu).

„Sehr gut, da können wir Euch ein paar Tipps geben“, meint Svenja mit ein bisschen Stolz. Mittlerweile sind wir keine blutigen Anfänger mehr. Dass wir es wirklich durch ganz Afrika geschafft haben, realisieren wir beide erst langsam. Wir verbringen mit den beiden zwei schöne Campingtage, in denen wir seitenweise hilfreiche Informationen bekommen, sollten wir je nach Ostafrika fahren.

Zum Abschied zeigt uns Klaus noch sein Wasserfiltersystem im LKW. „Wir haben in ganz Afrika noch keine einzige Flasche Wasser gekauft. Sogar das Wasser aus dem Malawi See können wir gefiltert trinken“, erklärt er uns. Technisch sehr versiert, interessiert er sich auch für unsere Technik im Auto. „Ihr habt doch genau die gleiche Anlage eingebaut“, zeigt er uns zu unserer Überraschung. Wir sehen uns ziemlich verdutzt an. Viele, sehr viele Flaschen Trinkwasser aus dem Supermarkt hätten wir uns und der Umwelt ersparen können. Abends sprechen wir beide darüber, wie wenig Ahnung wir von der Technik des Autos haben. „Wir müssen uns wirklich mehr damit auseinandersetzen“, meint Hannes. „Ich weiß nicht, ob du der Richtige dafür bist“, antwortet ihm Svenja. Vermutlich hat sie damit sehr recht.

 

Übernachtung: Camping Driehoeks (2)

28.-30. März 2017, Reisetag: 245-247
Klapmuts, Südafrika

„Es ist ja ganz schön hier. Aber wenn man aus den Alpen kommt, spektakulär ist was anderes“, kommentiert Hannes etwas abfällig unsere Weiterfahrt durch die Bergpässe der Zederberge. Diese machen bald hügeliger Landwirtschaft Platz, die in kleinen grünen Inseln mit offensichtlich gewaltigem Bewässerungsaufwand den jahrelangen Dürreperioden trotzt. Oliven, Zitrusfrüchte und immer mehr Weingüter erscheinen an unserem Weg.

„Ich bin gespannt, ob uns die Weingegend besser gefällt. Jeder war begeistert, der hier war“, meint Svenja. „Deine Eltern auch. Die wollten ja gar nicht mehr weg“, fügt Hannes hinzu.

 

Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen nicht oder ganz besonders gut streiten. Gott sei Dank sind wir beide uns in den allermeisten Fällen einig, was die Beurteilung der bereisten Gegenden angeht. Vieles spielt dabei herein, die Wahrnehmung ist natürlich in höchstem Maße subjektiv. So haben wir gelernt, Empfehlungen und Tipps anderer Reisender mit Vorsicht zu genießen. Zu oft empfanden wir angeblich uninteressante Dinge besonders reizvoll und umgekehrt. Bisherige persönliche Reiseerfahrungen spielen sicherlich eine große Rolle. Kommt man aus Deutschland mit dem Flugzeug nach Südafrika, vielleicht zum ersten Mal auf diesen Kontinent, empfindet man vermutlich vieles als ursprünglich und exotisch. Kommt man gerade aus dem Kongo, sieht man es mit Sicherheit anders.

Auch die südafrikanischen Weingegenden sind für uns kein Grund zum Wiederkommen. Das ein oder andere Weingut ist zugegebener Maßen ansprechend. Den in den wunderschönen Hügeln der Toskana eingebetteten herrschaftlichen Palazzos oder den altehrwürdigen Châteaus des Bordeaux kann aber keines das Wasser reichen. Wir haben dennoch Glück. Einer Empfehlung von Tina und Klaus folgend, besuchen wir das kleine, sehr familiäre Weingut Mitre’s Edge.

Wir kommen luxuriös in einem eigenen Pool Haus unter und bleiben, dank der wunderbaren Gastgeber, des guten Weines und nicht zuletzt wegen der acht, teils riesigen Hunde, sehr gerne viel länger, als geplant. (http://www.mitres-edge.co.za)

 

Übernachtung: Mitre’s Edge (1+)

31. März-1. April 2017, Reisetag: 248-249
Table View, Südafrika

Unser lieb gewonnenes Pool Haus ist am Wochenende leider ausgebucht. Wir nutzen die Zeit für einen Ausflug nach Kapstadt, der meistgepriesenen Sehenswürdigkeit Südafrikas. „Ich kann wirklich nicht verstehen, was man hier so besonders findet“, fasst Hannes unseren Eindruck der beiden Tage zusammen. „Ja, aber die Lage der Stadt ist schon ganz schön“, antwortet ihm Svenja zutreffend. Am meisten haben wir tatsächlich den Ausblick vom Signal Hill auf die Stadt im Sonnenuntergang genossen, natürlich zusammen mit einigen hundert anderen Touristen, stundelangen Stau bei der Rückfahrt eingeschlossen.

 

Übernachtung: Birkenhead Manor (4)

2.-9. April 2017, Reisetag: 250-257
Klapmuts, Südafrika

Unsere folgende faule Zeit bei Mitre’s Edge unterbrechen wir, von täglichen opulenten Mittagessen bei verschiedenen Weingütern abgesehen, nur einmal für einen schönen Ausflug ans Kap der Guten Hoffnung.

Touristisch unberührte Orte sucht man auch in der Kap-Gegend vergeblich, einige konnten sich aber ihren Charme etwas bewahren. Zudem hat die Küstenstraße eindrucksvolle Passagen, Chapmans Peak allen voran.

Unbestrittener Höhepunkt unseres Ausflugs zum Kap ist aber etwas anderes. „Ich glaube es einfach nicht, sie sind wirklich hier“, ruft Hannes, als er sie sieht. Pinguine. Erst 1983 wurde erstmals ein einsames Pärchen in den Felsen Südafrikas gesehen. Wie es dorthin kam, weiß keiner. Den Neubürgern gefällt es hier offensichtlich ausgesprochen gut. Mittlerweile haben über 2000 Paare die Gegend zu ihrer Heimat erkoren.

Südlichster Punkt der Halbinsel ist das Kap der Guten Hoffnung. Es ist ein emotionaler Moment für uns, das Buschtaxi wird fotogen vor die rauschende Brandung geparkt.

Noch ist hier aber nicht der Endpunkt unserer Reise. Dieses Kap ist, entgegen eines weitverbreiteten Irrtums, nicht der südlichste Punkt Afrikas. Dieser befindet sich gut zweihundert Kilometer weiter östlich, am Kap Agulhas.

 

Übernachtung: Mitre’s Edge (1+)

10.-11. April 2017, Reisetag: 258-259
Rietfontein, Südafrika

Bei Lola, der Inhaberin Mitre’s Edges fühlen wir uns sehr wohl, wie ein Teil ihrer Familie. Nur an ein ausgedehntes Frühstück ist nicht zu denken. Kaum hat uns morgens der erste Hund entdeckt, besteht die ganze Meute lautstark auf ihren ersten Spaziergang mit Svenja.

Bailey, der Name kommt von der gleichen Farbe des Likörs, meist aber als die Jüngste nur „das Baby“ genannt, ist sich ihrer Größe scheinbar nicht bewusst. Der Wucht einer stürmischen Irish Wolfhound Begrüßung, der größten Hunderasse der Welt, hat Svenja nicht viel entgegen zu setzen. Rücklings landet sie auf dem Boden und wird von allen herzlich abgeknutscht.

Sehr gerne nehmen wir die freundliche Einladung an, mit Lolas Familie über das Wochenende auf ihre Farm in die Karoo Berge zu fahren. Es folgen zwei tolle Tage, wie sie typisch südafrikanischer vermutlich nicht sein können. Wir wandern in den Bergen, suchen nachts Skorpione und, wieder einmal vergeblich, Schlangen. Vor allem erleben wir die große Schule des Braais, gemeinsames Grillen, der südafrikanische Nationalsport.

Vor dem Familienausflug treffen wir ein weiteres Mal unsere Freundin Mandie aus Namibia. Es ist das dritte Mal, dieses Mal geplant, nach zwei zufälligen Treffen in Angola und in ihrer Heimat Namibia. In Kapstadt arbeitet sie bei einer christlichen Hilfsorganisation bis zum Beginn ihres Studiums. „Kann ich sie zu uns nach Deutschland einladen, bevor sie an die Uni geht?“, frägt Hannes Svenja beim Mittagessen mit Mandie. „Ich fände es ganz toll, wenn wir das machen“, antwortet Svenja sofort. Ein paar Monate später werden wir sehr erlebnisreiche schöne Wochen in Bayern zusammen verbringen.

 

Übernachtung: Rietfontein Guest Farm (1)

12. April 2017, Reisetag: 260
Bredasdorp, Südafrika

Nach wenigen Stunden Fahrt von Lolas Farm sind wir am südlichsten Punkt Afrikas angelangt. Kap Agulhas.

Den Weg München, Westafrika nach Kap Agulhas hatte Google mit gut 16.000 km berechnet. Gefahren sind wir bis hierher über 34.000. Die See um die hier oft Sturm umtosten Felsen ist das Grab vieler Schiffe. Den frühen Seefahrern galt die Umsegelung des Kaps als Schicksalspunkt auf der Indienroute.

Für uns ist es etwas Ähnliches. Wir sind überglücklich, umarmen uns. „Ich danke dir für alles, ohne dich hätte ich das niemals geschafft“, sagt Hannes zu Svenja, eine kleine Träne verdrückend. „Wieso bedankst du dich bei mir? Das geht mir doch genauso. Wir schaffen es nur gemeinsam“, antwortete ihm Svenja und fügt hinzu: „Und wie geht es jetzt weiter?“ Tatsächlich haben wir beide ein lachendes und ein weinendes Auge. Es ist das Ziel einer ganz besonderen Reise, voller unglaublicher Erlebnisse und guter Erfahrungen. Aber es ist leider auch ihr Ende. Wie zu ihrem Beginn, haben wir keine großen Pläne, wie es weitergehen soll.

„Weißt du eigentlich warum Eisbären die Pinguine nicht fressen?“, frägt Hannes Svenja und zitiert damit einen alten Kinderscherz. Umso überraschter ist er, als Svenja die Antwort nicht gleich einfällt, zumal sie Profi in Sachen Kinder ist. „Ich zeige es Dir, wieso. Kommst Du mit?“ Svenja braucht bei so einer Frage nie zu überlegen. „Na klar komme ich mit“, antwortet sie ohne Zögern und zu wissen wohin. Damit steht fest, wie unsere Buschtaxi Reise weitergeht.

 

Übernachtung: 6 on Kloof Guest House (3)

Namibia

Namibia

Unsere Vorbereitung auf Namibia war ausführlich, das Gegenteil zu Angola. Jeder, der in Namibia war, hat uns vorgeschwärmt. Mit unzähligen Tipps wurden wir versorgt. Auch das Internet ist voller Reiseberichte, es gibt sogar eigene Foren für Namibia Fahrer. Dazu noch etliche Fernsehdokumentationen, wir brauchten eigentlich gar nicht mehr hinzufahren.

 

„Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Namibia uns gut gefällt“, meint Hannes an der Grenze. „Ein Land, das so touristisch ist, voller Pauschalreisender.“ Svenja gibt ihm nur teilweise recht: „Ja, aber die Tiere sollen wirklich toll sein.“ Unsere Erwartungen an das Land sind entsprechend hoch.

12. Dezember 2016, Reisetag: 202
Ruacana, Namibia

Schon die erste Erfahrung ist wenig positiv. „Das Auto muss umgeparkt werden. Es steht auf der falschen Seite“, weist uns ein Grenzbeamter leicht ruppig zurecht. Dass hier Linksverkehr herrscht wissen wir. An welcher Stelle das Auto abgestellt wird, hat in ganz Afrika allerdings nie jemanden interessiert, schon gar nicht an einer leeren Grenzstation. Scheinbar sind hier Regeln strikt zu befolgen, das von uns geliebte afrikanische Laisser-faire ist weniger gefragt. Wie wir die nächsten Tage feststellen, denkt in Namibia, was das angeht, mancher deutscher als ein Deutscher. Die in dieses Bild passende, streng geordnete und trotzdem unansehnliche Grenzstadt Ruacana, deren einziges Hotel, überteuert und mäßig, sowie unser erster Reifenschaden tuen für unseren Eindruck ihr übriges. „Weil du auch wie ein Irrer über die Steine in Angola gefahren bist“, wird Hannes von Svenja nicht zu Unrecht hingewiesen. Unsere Stimmung ist wieder besser, als wir in kurzer Zeit den Schaden mit unserem Flickkasten selbst reparieren.

 

Übernachtung: Ruacana Eha Lodge (3)

13. Dezember 2016, Reisetag: 203
Outjo, Namibia

Der schlechte Eindruck wird heute noch verstärkt, als wir in Richtung Windhoek, der Hauptstadt Namibias fahren. Hunderte von Kilometern zieht sich die für Afrika viel zu gute Teerstraße geradeaus durch die öde, völlig ebene Gegend. Gleich monoton ist die Vegetation, vertrocknetes Buschwerk, soweit das Auge reicht. Nicht einzuschlafen ist die größte Herausforderung beim Fahren, wir sehen stundenlang nur wenige Autos und ein einsames Warzenschwein.

Plötzlich wird Hannes aus der eintönigen Fahrt gerissen. „Halt an, halt an“, schreit Svenja und öffnet unsere große Mittelkonsole, um die Kamera zu holen. Direkt an der Straße galoppiert ein Herde Giraffen, majestätisch, ohne eine Spur Hektik auszustrahlen. Schweigend sehen wir den sechs, acht oder mehr Tieren nach, bis sie in der Ferne verschwinden. Gerade als Hannes den Zündschlüssel wieder umdrehen will, zeigt Svenja auf die andere Straßenseite. Eine Herde Elefanten mit einigen Jungtieren tut sich neben uns an den hier grüneren Büschen gütlich und demoliert dabei fast den Wildzaun. Wenige Kilometer weiter grasen wilde Zebras und später verschiedene Antilopen am Straßenrand. In einer halben Stunde Fahrt sehen wir mehr Tiere, als zuvor in ganz Westafrika.

Wir sind dadurch hellwach. Wahrscheinlich auch wegen der jetzt hervorragenden Stimmung gefällt uns sogar die erste größere Stadt, Outjo. Hier soll es die beste Bäckerei Namibias geben, sie steht unter deutscher Leitung. Svenja will dort gerade unsere Wegzehrung aus wirklich ausgezeichneten Schweinsohren, Apfeltaschen und riesigen Florentinern bezahlen, als sie von hinten umarmt wird. Es ist Mandie, das Mädchen aus der Gruppe Missionare, die wir Tage zuvor in Angola kennen gelernt hatten. Ein solch unglaublicher Zufall hat sicher seinen Sinn und so kommen wir ihrer Einladung, mit auf die nahe elterliche Farm zu kommen gerne nach.

Ihre ganze Familie nimmt uns wie langjährige Freunde auf. Nur zu gerne bleiben wir zum Abendessen und campen eine Nacht auf der für deutsche Verhältnisse riesigen, hübschen Farm. Deren Tiere sind, wie die aller Betriebe hier, in schlechtem Zustand. Seit Jahren regnet es viel zu wenig, die ausgetrockneten Büsche und das wenige dazugekaufte Heu können die Tiere nicht richtig ernähren. „Wir stellen die neugeborenen Schaflämmer zu den Ziegen. Die kommen mit dem Wenigen besser zurecht und nehmen sie wie eigene Junge an“, erzählt uns Mandie. Allerdings würden die Lämmer dann nie mehr von der Schafherde angenommen. Sie leben mit den Ziegen und glauben auch, sie seien welche, erklärt sie.

 

Übernachtung: Auf dem Farmgelände bei Outjo (2)

14. Dezember 2016, Reisetag: 204
Windhoek, Namibia

Nur ungern, unter dem Zeitdruck unseres nahenden Abfluges verlassen wir Mandies Familie mit dem Versprechen, sie noch einmal zu besuchen.
Die Vorbereitungen für unsere Abreise gehen dieses Mal sehr flott. Bei Windhoek ist ein idealer Abstellplatz für das Buschtaxi schnell gefunden. Auf einer deutschen Gästefarm in Elisenheim steht es dort in Gesellschaft mit sicher hundert anderen Off-road Campern. Viele parken dort jahrelang, von ihren Besitzern ab und zu, nur für ein paar Wochen Namibiaurlaub abgeholt.

 

Mit einer Übernachtung am Flughafen Kapstadt fliegen wir, dank Hannes gesammelter Meilen, mit Lufthansa im höchsten Luxus fast umsonst nach München. „Schau mal nach unten“, zeigt Hannes aus dem Fenster. „Das sind wir alles gefahren, sieben Monate. Und in ein paar Stunden ist alles vorbei.“ „Vorbei, ist es nicht“, antwortet ihm Svenja. „Im Februar fahren wir weiter.“

 

Übernachtung: Hotel Thule (2)

16.-19. Februar 2017, Reisetage: 205-208
Windhoek, Namibia

Nach, für uns sehr schnell vergangen, zwei Monaten sind wir wieder in Windhoek. Früh morgens nehmen wir das Buschtaxi unversehrt in Empfang. Zwischenzeitlich wurde es von der deutschen Gästefarm zum Service in die Stadt gebracht. Dort ist, laut unseres Autolieferanten Tom, die beste Buschtaxi Werkstatt Afrikas. Lediglich Verschleißteile wurden erneuert. Über dreißigtausend Kilometer, davon das meiste durch den afrikanischen Busch, hat das Auto ohne eine Reparatur und mit nur einer, allerdings selbstverschuldeten, Reifenpanne durchstanden. Glaubt man den Beteuerungen der Buschtaxi Fangemeinde, geht das noch viele hunderttausend Kilometer so. Wir sind sehr froh über unsere Auto Wahl.

Zwei Tage verbringen wir mit weiteren Startvorbereitungen, darunter die problemlose Erneuerung unseres eigentlich abgelaufenen Carnet de Passage und die Nachrüstung eines Reserveradhalters, bisher befand sich der Ersatzreifen auf dem Dach.  Für eine Besichtigung der ohnehin wenig bedeutenden Sehenswürdigkeiten Windhoeks nehmen wir uns keine Zeit. Die zwischen vielen Hügeln an und für sich schön gelegene Stadt macht auf uns einen wenig einladenden Eindruck. Das Stadtbild und die Infrastruktur entsprechen in etwa westlichem Standard. Wir fühlen uns an die für uns ebenso wenig interessanten Städte im Midwesten der USA erinnert. Unter dem oberflächlichen Glanz lässt sich die ständig wachsende Spannung zwischen Schwarz und Weiß spüren.

 

Die nächsten beiden Wochen werden für uns eine Reiseprämiere. Wir werden nicht alleine sein. Svenjas Eltern kommen mit.

„Wenn wir in Südafrika sind, müsst ihr uns besuchen“, sagte Svenja vor einigen Monaten beiläufig beim Essen, ohne wirklich eine konkrete Vorstellung zu haben. An dieser Einladung wurden wir festgenagelt und somit besprachen wir beim opulenten weihnachtlichen Abendessen den Reiseplan. „Also, wir haben uns gedacht, ihr fliegt nach Südafrika, besucht dort euren Bekannten in der Weingegend, macht eine Safari, zum Beispiel mit Studiosus, und wir kommen dann für ein paar Tage dort dazu“, erläuterte Svenja unsere Vorstellung. Scheinbar stieß dieser Vorschlag bei Peti, Hannes wusste lange Zeit nicht, dass Svenjas Mutter eigentlich Petra heißt, auf einige Zustimmung. „Da gibt es doch diese tollen Safari Lodges, da möchte ich hin. Und nach Kapstadt“, meinte sie. Eine Flasche Wein später brachte dann Svenjas Vater Berndt seine Einwände vor. „Also mit einer Gruppe, ich weiß nicht. Ich dachte schon, dass wir mit euch mitfahren, auch so richtig off-road.“

Ohne weiter darauf einzugehen, besprachen wir beide uns einige Tage danach. „Weißt Du, es gibt eigentlich nur eine Art zu reisen, die wir können. So wie immer. Wenn wir das mit deinen Eltern genauso machen, wird es gut. Alles andere ist nix. Wenn sie unbedingt wollen, dann müssen sie halt genau das mitmachen“, meinte Hannes zu Svenja. „Das habe ich dir immer schon gesagt. Die werden das schon hinkriegen“, antwortete sie ihm. Um genau nach unseren Vorstellungen und ohne Diskussionen reisen zu können, beschlossen wir, den beiden nichts von dem Reiseprogramm zu erzählen.

 

Entsprechend ahnungslos sind die beiden, als wir sie abends am Flughafen Windhoek abholen. Peti bekommt gleich einen ersten Eindruck des auf sie zukommenden Komfortniveaus, als sie zusammen mit Svenja hinten im Buschtaxi ohne Sitzmöglichkeit in die Stadt fährt.

 

20. Februar 2017, Reisetag: 209
Windhoek, Namibia

Ein weiterer Eindruck des Bevorstehenden wird ihr nächsten Tags bei der Mietwagenübernahme geboten. Es ist eine recht preisbewusste Alternative. Ein Toyota Hilux mit gutem Geländefahrwerk und Winsch, dafür aber mit sehr übersichtlicher Campingausrüstung und einfachem Dachzelt. „Wie soll ich denn zum Schlafen dort hinaufkommen?“, frägt sie etwas unentspannt beim Anblick des ausgeklappten Zeltes, während sich Berndt, offensichtlich begeisterter, die Technik des Autos erklären lässt. Beim gemeinsamen Abendessen ist allen die Anspannung der bevorstehenden Reise anzumerken.

 

Übernachtung: Hotel Thule (2)

21. Februar 2017, Reisetag: 210
Spreetshoogte Pass, Namibia

Die auf jedem Namibia Bildband abgebildeten roten Sanddünen der Namib sind unser erstes Ziel, als wir Windhoek Richtung Südwesten verlassen. Die Route führt über den reizvollen Spreetshoogte Pass, der eine weite Aussicht über trockene Tiefebene bietet, hinter der man die, in Wirklichkeit zu weit entfernten, Sanddünen zu sehen glaubt.

Der Abend und die Nacht im Camp gleich hinter dem Pass bieten uns schon einiges von der Faszination Namibias. Unter beispiellosem Sternenhimmel, mittlerweile können wir auch verlässlich das Kreuz des Südens finden, sitzen wir bei gutem südafrikanischen Rotwein und selbst gegrilltem, zähem aber herrlichen Oryx Steak zusammen. Bei allen lässt die Anspannung sichtlich nach. Auch Peti fühlt sich wohl. Selbst noch, als sie den Kampf gegen die Handteller großen Motten aufgibt, die ebenfalls eine Vorliebe für guten Rotwein haben. „Jetzt ist der Depp drin“, sagt sie lachend, als sie ein Tier aus dem Weinglas fischt und weiter trinkt.

 

Übernachtung: Stellplatz Tented Camp Gecko (1)

22. Februar 2017, Reisetag: 211
Sossusvlei, Namibia

In jedem Reiseführer Namibias sind die Sanddünen beschrieben, angeblich die höchsten der Welt.

Ausnahmslos wird empfohlen, frühmorgens schon bei Öffnung des Eingangstores am Nationalpark zu sein, um den Sonnenaufgang auf den Dünen zu erleben. Oder besser noch in einer der wenigen, hoffnungslos überteuerten Lodges im Park zu schlafen und so vor allen anderen zahllosen Besuchern dort zu sein. „Das machen wir auf keinen Fall“, meint Hannes ohne sich auf eine Diskussion einzulassen. „Wir fahren noch heute Abend dort hin.“ Der Plan geht wunderbar auf. Lange nach allen Reiseführer Lemmingen, die schon früh morgens busweise an die Dünen gefahren werden, sind wir völlig allein. Nur ein paar Oryxe sehen uns, wie wir den anspruchsvollen Aufstieg auf die Dünen meistern.

Bei tiefstehender Sonne haben wir den Ausblick über die vermutlich weltweit einzigartige, tiefrote Dünenlandschaft nur für uns.

 

Übernachtung: Campingplatz Sossus Oasis Campingplatz (2)

23. Februar 2017, Reisetag: 212
Rock Arch, Namib-Naukluft NP, Namibia

Bei einem kurzen Halt in Solitaire probieren wir den vielgerühmten, wirklich ausgezeichneten Apfelkuchen.

Anschließend testen wir zum ersten Mal die off-road Tauglichkeit Svenjas Eltern. Unsere, für das südliche Afrika sehr zu empfehlende, Navigationssoftware Tracks4Africa zeigt voraus einen wilden Picknick Platz. Er liegt gut hundert Meter abseits der Strecke, dazwischen ist eine Geländewagenpiste mit dem Vermerk „steile Passage“ eingezeichnet. Ohne über das, von Berndt mitgebrachte, Funkgerät Bescheid zu geben, biegen wir ab. Die Abfahrt ist etwas steil, aber nicht abschüssig, griffig und nach unserer Wahrnehmung nicht besonders anspruchsvoll. Vor allem Peti empfindet das anders. Als wir auf dem schönen Platz unter einem Felsvorsprung ankommen, sieht man ihr die Angst an.

Auch Hannes Versuche, sie zu beruhigen, helfen nicht viel. „Schau mal, die Autos sind für ganz andere Sachen gebaut. Es ist gerade und links und rechts kann man nirgends runterfallen.“  Auf die Frage von Peti: „Was mach ich denn, wenn ich als einzige übrig bleibe?“, erklärt er den beiden noch die Bedienung unseres Satelliten Telefons.

Nordwärts fahren wir weiter durch einen der schönsten Teile des Landes, dem Namib-Naukluft Nationalpark. Wir sind weit und breit alleine, sehen ganze Herden Zebras und Antilopen aller Art, die vor uns davon galoppieren.

Von uns unbemerkt, ist nach einigen Stunden Fahrt über holprige Geländepisten Petis Stimmung auf dem Nullpunkt angelangt. „Was machen wir nur hier. Hier ist doch kein Mensch. Hier gibt es nichts außer wilden Tieren“, jammert sie nicht ganz unzutreffend neben Berndt im Auto. Wir bekommen davon nichts mit, fühlen uns in unserem Element und genießen bei guter afrikanischer Musik bestens gelaunt die Fahrt. Svenja navigiert immer noch einen wilden Stellplatz weiter, bis wir den, nach unserem Empfinden idealen, einsamen Platz mit Blick über die ganze Ebene gefunden haben. „Fahr schon mal hoch, ich lotse die beiden“, sagt Svenja vor dem letzten Anstieg zum Stellplatz. Als sie zurückkommt, informiert sie Hannes: „Wir müssen aufpassen, die beiden sind ziemlich angespannt.“ „Wieso, gefällt es ihnen nicht?“, frägt dieser. „Nein, sie haben einfach nur Angst, glaube ich“, antwortet Svenja.

 

„Kannst Du uns ein Bier aufmachen“, frägt Hannes Peti, vor allem, um sie abzulenken. „Ja und eine Brotzeit mache ich auch“, antwortet sie ihm.

Eine Stunde später sitzt sie völlig entspannt bei Sonnenuntergang und Lagerfeuer. „Ich verstehe gar nicht, warum man nicht nur sowas macht. Das ist so wunderschön, das kann kein Luxushotel der Welt bieten.“

Wir freuen uns beide sehr. Darüber, dass es Svenjas Eltern gefällt und vor allem, dass sie uns ab jetzt vermutlich besser verstehen können. Kein Reisebericht kann die Empfindungen einer solchen Reise vermitteln.

 

Nachts sagt Svenja im Buschtaxi: „Wir haben vergessen, wie es anfangs war. Wir haben uns Stück für Stück ran getastet. Kein Wunder, dass für die zwei erstmal alles neu und ungewohnt ist.“

 

Übernachtung: Stellplatz Rock Arch (1)

24.-25. Februar 2017, Reisetage: 213 – 214
Etusis Lodge, Namibia

Nach diesem Tag schlagen sich Svenjas Eltern bewundernswert gut, obwohl sie nie in Afrika waren oder je eine vergleichbare Reise unternommen haben.

Die ursprüngliche, einsame Landschaft gefällt uns allen. So sehr uns Namibia in den ersten drei Tagen letzten Dezember enttäuscht hatte, so sehr überrascht es uns jetzt. Trotz Massentourismus ist das Land, von den Hauptrouten der Reiseunternehmen abgesehen, unberührt und grandios. Nur zweieinhalb Millionen Einwohner leben auf mehr als der doppelten Fläche Deutschlands, davon der Hauptteil in Windhoek. Riesige Flächen gehören noch den Wildtieren. Hier sind die letzten Stellen Afrikas, in denen sie wirklich frei leben, nicht in mehr oder weniger großen Reservaten, eingezäunt gleichsam eines Zoos, von Heerscharen Touristen pausenlos beobachtet.

Namibische Raubkatzen werden von Umweltschützern immer wieder in andere Länder gebracht, um dort den Genpool aufzufrischen, der für das Weiterleben der Population nicht mehr ausreicht. Ohne die Exemplare Namibias ist die letzte kleine Hoffnung für die afrikanischen Tiere, die jedes Kindermalbuch enthält, verloren. Derzeit werden auch in Namibia jährlich hunderte Geparden von Farmern, angeblich zum Schutz ihres Tierbestandes geschossen. Von den ehemals hunderttausenden leben heute vielleicht noch zehntausend, genaue Zahlen kennt niemand. Ein Schaf kostet in Namibia weit unter hundert Euro, entsprechend niedrig ist der Gesamtwert der wenigen, tatsächlich von Geparden gerissenen Tiere. Der industrialisierten Welt ist scheinbar selbst dieser kleine Betrag zu viel für den Erhalt des schnellsten Landtieres der Erde.

Östlich des Namib-Naukluft Nationalparks weichen flache Sandwüste und Trockensteppe einer grünen Hügellandschaft, sie ist meist im Besitz der riesigen Farmen. Wir fahren für zwei Tage auf eine davon, die eine weitere Überraschung für Svenjas Eltern bietet.

Volker Ledermann ist Eigentümer der Farm, ein unbekannter Name. Ganz anders der Name des Unternehmens, das er 1960 zusammen mit Carl-Wilhelm Edding gründete. Heute kennt jeder den Edding Stift. Mit dem Geld aus dem Unternehmen hat Volker sich die Etusis Farm gekauft, um sich dort seines Hobbys zu widmen. Er ist Pferdenarr. Hier in Namibia hält er eine besondere Rasse. Unter hohem Aufwand hat er das aus Lesotho stammende Basotho Pferd auf die Ursprungsform zurück gezüchtet. Diese Pferde sind, neben den bekannteren Isländern, eine der wenigen Rassen, die noch die für den Reiter angenehme Gangart Tölt beherrschen. Wir haben das Glück, einen Abend mit Volker zu verbringen, der zufällig auf einem seiner kurzen Besuche hier ist. Gerne hören wir ihn von seiner Lebensgeschichte und seiner Pferdeleidenschaft erzählen. Zum Abschied lädt er uns netter Weise zu sich nach Island ein. Dort hat er, wie könnte es auch anders sein, ein Isländer Gestüt. Island ist zufällig auch eines der Traumziele der Offroader, nur etwas weit weg von uns, zumindest derzeit.

 

Mit deutscher Pünktlichkeit stehen wir nächsten Morgen um 7 Uhr vor dem Reitstall. Alle außer Hannes sind erfahrene Reiter. Sein erster Ritt war erst vor ein paar Monaten in Ghana. Die Basothos sind aber wirklich ausgesprochen gutmütig und ausgeglichen, nicht mal er kann sie aus der Ruhe bringen.

Über leichtes Gelände geht unser Ausritt durch die Berge. In einigen ausgetrockneten Flussbetten kommen wir auch zum Galoppieren. Selbst dabei ist ein Basotho vergleichsweise geruhsam unterwegs, vielleicht liegt es auch am tiefen Sand.

 

Übernachtung: Etusis Lodge in den Zelten (1)

26. Februar 2017, Reisetag: 215
Ugab River, Namibia

Nach dem perfekten Ausritt und Volkers herzlicher Aufnahme verlassen wir Etusis nur ungern. Anders als sonst, ist der Reiseplan in den zwei Wochen gemeinsamer Reise ziemlich rigide. Gegen Ende haben wir eine verbindliche Reservierung in einer der immer ausgebuchten Lodges im Etosha-Nationalpark.

 

Vorbei an der Spitzkoppe, einem Inselberg, der mit seiner markanten Form schon den ersten deutschen Siedlern als Landmarke diente, und dem imposanten Brandberg Massiv, gelangen wir zum Tagesziel am Fluss Ugab.

Das Camp des Save The Rhino Trusts liegt in einem Gebiet, in dem schon einige Plätze wegen Löwen oder Elefanten geschlossen werden mussten. Auch hier wird davor gewarnt.

Der Hinweis scheint nicht unbegründet zu sein, überall auf dem Camp liegt Elefantenmist, sogar auf den Sitzbänken an den Feuerstellen. „Sind die Elefanten hier“, frägt Hannes den einheimischen Manager. „Jetzt nicht, die sind oben am Fluss. Vor ein paar Tagen waren sie hier und haben das Camp zerstört. Dieses Mal war es schlimm. Sie haben unsere Wohnhäuser zertrampelt, um in der Dürre an die Wassertanks zu kommen. Deswegen haben wir oben neu gebaut“, antwortet er und zeigt auf ein paar windige Hütten am Berghang. Den anderen erzählt Hannes die Geschichte erst ein paar Tage später, um sie nicht unnötig um den Schlaf zu bringen.

Am Abend gibt es zur Feier des schönen Tages besten südafrikanischen Sekt am Lagerfeuer, bei dessen Anzünden wir lernen, dass Elefantenmist kein besonders guter Brennstoff ist. Wir verbringen in dem Camp eine sehr ruhige Nacht.

 

Übernachtung: Ugab River Rhino Camp (1)

27. Februar 2017, Reisetag: 216
Twyfelfontein, Namibia

Der kürzeste Weg zum Palmwag Konzessionsgebiet, einem riesigen privaten Tierschutzreservat, führt direkt nach Norden durch den Ugab Fluss auf einer Piste, die im Namibia Forum als schwierig beschrieben ist. Wir hatten eigentlich eine Umfahrung geplant. Jetzt entscheiden wir uns aber um. Svenjas Eltern, besonders Peti, haben mittlerweile großen Gefallen am off-road Fahren gefunden.

 

Wie sich herausstellt, ist die Entscheidung richtig. Was das Namibia Forum unter schwierigen Pisten versteht, ist offensichtlich relativ, die Strecke dafür umso schöner. „Was schreiben die denn erst, wenn sie durch den Kongo in der Regenzeit fahren?“, meint Hannes etwas überheblich, nachdem wir die Piste hinter uns haben, ohne einmal den Allrad Antrieb zu nutzen.

Wir kommen an Twyfelfontein vorbei. Die dortigen Felsmalereien sind UNESCO Weltkulturerbe und ein weiterer Pflichtprogrammpunkt der Gruppenreisenden. Eigentlich wollen wir sie uns ansehen. Die Horden auf dem Weg dorthin sowie der mittlerweile obligatorische, natürlich kostenpflichtige einheimische Führer halten uns dann aber ab. Stattdessen sehen wir die gleichen Felsmalereien nahe unseres heutigen Stellplatzes. Es gibt die Felszeichnungen in der Gegend tausendfach, in gleicher Qualität wie in Twyfelfontein.

 

Übernachtung: Mowani Mountain Camping (1)

 

28. Februar 2017, Reisetag: 217
Kai-Ais, Palmwag Konzessionsgebiet, Namibia

Vor dem Konzessionsgebiet wollen wir unsere leeren Vorräte auffüllen, dort gibt es keinerlei Versorgung. Im Ort Palmwag ist ein Supermarkt auf der Karte eingezeichnet. Als wir vor diesem stehen, verändert sich Berndts bis dahin glückliche Gesichtsausdruck schlagartig. Statt der erhofften guten Weinauswahl gibt es in dem winzigen Laden ein sehr übersichtliches Verpflegungsangebot, Dosentomaten, Eiernudeln und H-Milch. Die Getränkeauswahl ist noch übersichtlicher, Wasser ohne Kohlensäure oder Cola. Svenja freut sich über den Dorfladen: „Endlich sind wir wieder in Afrika.“

Wieder gelingt es uns kurz darauf, die Laune unseres Reiseteams zu retten. Wir essen in der Palmwag Lodge am Konzessionseingang feudal zu Mittag. Die Stimmung bessert sich weiter, als wir dort auch noch einige frische Lebensmittel und vor allem guten Wein kaufen können, alles zu Preisen auf deutschem Supermarktniveau.

 

Peti hätte nichts dagegen gehabt, über Nacht in dieser schönen Lodge zu bleiben. Hannes und Berndt sind anderer Meinung: „Am Pool kann man sonst auch liegen, wir wollen in die Wildnis.“

Die geringe Genehmigungsgebühr für den Besuch der Palmwag Konzession ist sinnvoll ausgegeben. Das 450.000 Hektar große Gebiet ist wild, völlig unberührt und wenig bereist. Wir treffen unterwegs keinen einzigen Touristen.

Allerdings sehen wir auch wenig Tiere. Bei der tollen Stimmung eines Regenbogens in der Abendsonne beschließen wir deswegen, morgen vor Sonnenaufgang auf Pirsch zu gehen.

 

Übernachtung: im Auto Kai-Ais Campsite (1)

1. März 2017, Reisetag: 218
Sesfontain, Namibia

Beim Aufstehen herrscht absolute Dunkelheit, nicht einmal der Mond ist zu sehen. Als Hannes aus dem Auto steigt, sagt er zu Svenja: „Sei ruhig, schau Dir das da draußen mal an. Das sind Spuren großer Pfoten, die waren gestern noch nicht da. Ich glaube, das sind Löwen.“ Svenja erwidert etwas beunruhigt: „Und was sollen wir machen? Meine Eltern sind schon auf.“ „Am besten jetzt keine Panik“, antwortet Hannes, als er sieht, dass die beiden gerade gemütlich dabei sind, ihr Zelt abzubauen.

 

Als auch wir zusammenpacken, hören wir ein lautes, vermutlich aber weit entferntes Brüllen. Peti und Svenja hüpfen sofort ins Auto und verbreiten dadurch leichte Hektik, wodurch unser Aufbruch schneller als sonst und ohne Frühstück erfolgt.

 

Die ersten Kilometer legen wir deswegen noch bei völliger Dunkelheit zurück. Wir fahren äußerst langsam aus, vermutlich unbegründeter Furcht, hinter jeder Kurve könnte ein Elefant stehen. Erst nach der Dämmerung taucht die weite, völlig ebene Sandfläche nach und nach aus dem Morgennebel auf. Als wir schneller fahren, kommt auch der Hilux zu seinem ersten Reifenplatten.

Ein willkommener Anlass für Hannes, stolz unsere Reifenflickkünste zu beweisen. Tatsächlich ist der Schaden zu Berndts Erstaunen in fünf Minuten Geschichte, noch ehe der Frühstückskaffee fertig ist.

Danach wird unser frühes Aufstehen belohnt. Schon zu Beginn unserer gemeinsamen Reise sagte Peti: „Ich will unbedingt eine Giraffe sehen.“ Dieser Wunsch wird ihr von einem Muttertier mit seinem Jungen erfüllt.

Die nördliche Grenze des Konzessionsgebietes bildet der Hoanib, einer der zwölf großen Trockenflüsse Namibias. Wasser führen diese ganz selten, nicht einmal jedes Jahr und nur bei starkem Regen im Hinterland. Wenn Wasser kommt, dann allerdings immer sehr viel und völlig überraschend. Heute haben wir das Glück, den Hoanib mit reißendem Wasser zu erleben. Nach Jahren der Dürre regnet es im Norden seit Tagen. Und gleichzeitig haben wir Pech, durch diesen Fluss können wir nicht fahren.

Für uns bedeutet es zwei Tage Rückweg bis Palmwag, über Trockenflüsse gibt es natürlich keine Brücke. Gerade als wir überlegen, umzudrehen, kommt ein weiterer Camper an. Der Schweizer Willi ist ein alter Hase, was Namibia angeht. „So etwas habe ich in noch nicht gesehen“, meint er erstaunt. Hannes fragt ihn: „Was machen wir jetzt? Wir können nur umdrehen.“ „Ja schon, aber das ist auch nicht so einfach. Zurück müssen wir durch den Uniab. Der kommt aus dem gleichen Gebiet und ist wahrscheinlich auch voll“, antwortet Willi. Wir beschließen, erstmal abzuwarten.

Als Peti von unseren Alternativen erfährt, ist sie sichtlich besorgt. Vermutlich sieht sie uns schon tagelang vor dem Fluss warten, die spärlichen Vorräte sorgsam einteilend.

 

Eine Stunde später kommt ein weiteres Fahrzeug. Die Palmwag ist scheinbar doch nicht so selten befahren, wie es uns erschien. Wir sind erleichtert, als wir einen professionellen Tour Guide in dem Auto sehen. Sicher weiß er, was zu tun ist. Neue Erkenntnis bringt er uns allerdings auch nicht: „So kenne ich den Fluss nicht. Ich muss nach Windhoek, das Auto abliefern. Ich warte erstmal hier.“ Die Aussage ist nach Hannes Planungsverständnis wenig befriedigend. „Was meinst du denn, wann wir fahren können“, hakt er nach. „Ich weiß nicht. Spätestens übermorgen fahre ich durch, so oder so. Ich muss das Auto bis dann bringen“, lautet die wenig hilfreiche Antwort. Hannes erinnert sich an das Video Matts, des Tour Guides in Angola. Darin hat er uns gezeigt, wie er sein Buschtaxi im Kunene Delta waschen wollte. Viele Stunden und viele andere Autos waren nötig, um sein Fahrzeug vor dem Tod im Meer zu retten. Hannes beschließt, von den neuen Aussichten erstmal nichts zu erzählen. „Er hat gemeint, er wartet. Das Wasser wird weniger“, berichtet er den Anderen, ohne zu lügen.

 

Den ganzen Tag verbringen wir wartend.

Der Fluss geht nur minimal zurück, um danach noch stärker anzuschwellen. Hannes Versuch, den Fluss zu durchwaten scheitert schon nach den ersten Metern. Das Wasser ist tief, die Strömung zieht ihm die Beine weg.

Berndt ist gerade dabei, die Winsch des Hilux auszuprobieren, als Hannes ohne ein Wort deren loses Ende fallen lässt, zu unseren Campingsachen rennt und anfängt, diese eilig in das Auto zu räumen. „Schnell, hilf mir bitte, es kommen Elefanten“, ruft er zu Peti. Obwohl sie denkt, er mache wieder einen seiner üblichen Scherze, hilft sie bereitwillig. Erst als die ganze Herde vor ihr steht, sieht sie die Tiere. „Oh, da sind ja Elefanten“, ruft sie überrascht.

Wir wollen zunächst den Weg zum Fluss freimachen und noch vor der Herde wegfahren. Die Leitkuh macht aber mit einer einzigen ruhigen Kopfbewegung in unserer Richtung sehr deutlich, wer hier Vorfahrt hat. Bereitwillig lassen wir die 16 Wüstenelefanten passieren. Den Anblick der langsam an uns vorüberziehenden Herde, keine hundert Meter entfernt, wird niemand von uns jemals vergessen.

Es ist ein Glücksmoment, für den sich der ganze Tag Wartens, wenn nicht die ganze Namibia Reise gelohnt hat. Wüstenelefanten sind besonders. Die ehemals in allen Teilen Afrikas lebenden Tiere sind an die trockenen Bedingungen angepasst. Im Gegensatz zu ihren Verwandten im Busch sind sie äußerst selten. Viele Menschen haben lange vergeblich versucht, sie zu sehen.

 

Den ganzen Tag über versucht Hannes mehrmals erfolglos, den Fluss zu durchlaufen. Erst gegen Abend haben wir Glück. Das Wasser ist soweit zurückgegangen, dass er das andere Ufer erreicht. „Wenn ich durchkomme, dann das Auto erst recht“, meint er. Der Tour Guide ist sichtlich froh, dass wir den Fluss abgelaufen sind. Er kann nicht schwimmen. Andererseits sind wir ihm dafür dankbar, dass er als erstes durchfährt. Der Gedanke, der Autovermietung mitzuteilen zu müssen, ihr Hilux sei leider im Hoanib abgetrieben, hat uns doch recht beunruhig.

 

Alle Autos kommen heil durch den Fluss.

Wir fahren bis in die Nacht nach Sesfontein. Auch von leichtem Regen lassen wir uns nicht davon abhalten, dort auf dem Campingplatz auf das Erlebte noch ein Bier zu trinken, bevor wir todmüde ins Bett fallen.

 

Übernachtung: Zebra Community Camp (4)

2. März 2017, Reisetag: 219
Otjitotongwe, Namibia

Mit den gestrigen Erlebnissen ist der abenteuerliche Teil unserer gemeinsamen Reise zu Ende. Vor uns liegen noch drei Tage im Etosha Nationalpark mit einer langen Anfahrt. Wir nehmen uns trotzdem Zeit für einen zweiten Kaffee im Fort Sesfontein. Die ehemals deutsche Kolonialfestung wird heute, durchaus gut umgebaut, als Hotel genutzt. An die einstige Vergangenheit erinnert allerdings nicht mehr viel. Die Gräber der im Kampf gegen aufständische Buschmänner gefallenen Soldaten liegen ein paar Meter daneben. Sie wirken in der hübschen Gartenanlage des Hotels verloren und deplatziert, wie ein Gleichnis für die Sinnlosigkeit ihres Todes für einen, aus heutiger Sicht anachronistischen Kampf.

Auf dem Weg übernachten wir bei einer besonderen Farm. Der Inhaber ist einer der wenigen, die sich um den Schutz der Geparde kümmern. Er ermutigt andere Farmer, die auf ihrem Gelände lebenden Tiere nicht zu töten. Stattdessen werden sie lebendig gefangen und in große Gehege auf seiner Farm eingesetzt. Was mit ihnen und dem Nachwuchs später geschehen soll, ist allerdings vermutlich nicht nur uns unklar. Ausgewildert können sie jedenfalls nie mehr werden.

 

Heute müssen die Tiere auf ihre tägliche Fütterung etwas warten. Wir sind dazu angemeldet, kommen aber eine Stunde zu spät. Auf einem ungeschützten Pickup fahren wir in das hoch mit Elektrozaun geschützte Gehege. Sofort sehen wir mehrere Geparde auf uns zulaufen. Wild fauchend und sich untereinander in ihrer Hackordnung mit Scheinkämpfen zurechtweisend, umkreisen sie das Auto. Wir fühlen uns nur knapp einem Meter über ihnen auf dem offenen Auto nicht besonders sicher.

Der Sohn des Farmers steigt aus der Fahrertür, mitten unter die Tiere. „Hast Du nicht Angst? Tun sie dir nichts?“, fragen wir ihn. „Nicht wirklich. Wenn man aufpasst und sie richtig behandelt, akzeptieren sie einen. Es passieren keine größeren Sachen“, antwortet er und zeigt dabei auf einige böse Narben an seinen Armen. Wir weichen noch weiter zurück, als er beginnt, den Tieren fußballgroße Fleischbrocken zuzuwerfen. Aus dem Stand springen sie geschätzte zwei Meter hoch, fangen die Stücke jedes Mal zielsicher, bevor sie damit unter den nächsten Busch rennen. In gebührendem Abstand zueinander fressen sie eher gemächlich. Scheinbar sind sie wirklich gut gefüttert.

 

Übernachtung: Campingplatz Otjitotongwe Cheetah Farm (2)

 

3. März 2017, Reisetag: 220
Etosha Nationalpark, Namibia

Peti und Berndt hatten bei Regen und Gewitter eine unruhige, fast schlaflose Nacht. Sie hatten einen Verschluss des Dachzeltes nicht richtig verschlossen und deswegen mit einer nassen Matratze zu kämpfen. Berndts Laune ist aber schon bald wieder gut. „Euer Frühstück rettet mich. Müsli mit frischen Früchten und starker Kaffee, es gibt einfach nichts Besseres“, sagt er anerkennend zu Svenja.

Vor der Abfahrt werden wir noch in das Wohnhaus des Farmers eingeladen. Auch dieses liegt hinter meterhohem Elektrozaun. Wir trauen kaum unseren Augen. Am Zaun läuft ein Gepard auf und ab, daneben spielen Hunde. Ein kleiner Jack Russel, wie immer der Frechste von allen, versucht mit der Raubkatze zu spielen und zwickt dieser ab und zu in die Lefzen, ohne große Gegenwehr.

Der Inhaber lebt zusammen mit zwei Geparden. Nachdem er uns einige Verhaltensregeln aufgegeben hat, etwa nie von vorne nach den Tieren zu greifen, dürfen wir die Tiere streicheln. Es ist ein sehr befremdliches Gefühl, obwohl sich das Raubtier wie eine Hauskatze verhält. Genüsslich schmiegt sich der Gepard an die streichelnde Hand und schnurrt.

Wir fahren die lange Strecke bis zum Osteingang des Etosha Parks mit nur einem kurzen Halt in der Bäckerei in Outjo. Wir haben Berndt von den guten Schweinsohren nicht zu viel versprochen, er kauft eine ganze Tüte davon.

 

Gerade noch rechtzeitig zum Abendessen erreichen wir die Lodge im Etosha Nationalpark.

 

Übernachtung: Etosha Aoba Lodge (1)

4.- 5. März 2017, Reisetage: 221 – 222
Etosha Nationalpark, Namibia

Wir verbringen eine gemütliche Zeit in der wirklich schönen Safari Lodge und fahren täglich mit dem eigenen Auto durch den Park. Etosha ist gerade außergewöhnlich. Durch den seltenen Regen ist alles grün, sogar Blumen stehen auf den Wiesen. Selbst die Etosha Pfanne, eine 120 Kilometer lange abgesenkte Fläche, ist voller Wasser. Es ist ein sehr seltenes Ereignis, das tausende Wasservögel anzieht.

Tiere zu beobachten wird durch den Regen anders. Normalerweise reicht es, sich an ein Wasserloch zu stellen und abzuwarten, bis Brehms ganzes Tierleben auftaucht. Jetzt, wo es überall Wasser gibt, müssen wir nach ihnen suchen.

Für uns ist es gerade deswegen großartig. Wir haben das Gefühl, die Tiere in ihrer wilden Umgebung zu sehen, nicht mit vielen anderen Autos am Wasserloch wartend. Und ein Tier selbst zu finden erscheint uns sportlicher, als eines zu sehen, das nur wegen Wassermangels aus seinem Versteck kommt.

 

Wir sind begeistert. Etosha hat seinen Ruf als einer der schönsten Parks weltweit völlig zu recht.

 

Übernachtung: Etosha Aoba Lodge (1)

6.-8. März 2017, Reisetage: 223 – 225
Outjo – Windhoek, Namibia

Wir verlassen den Park über sein südliches Tor. Die Hauptstraße führt uns mit einer Übernachtung kurz vor Outjo nach Windhoek, wo die gemeinsame Reise mit Svenjas Eltern endet. Es waren sehr schöne und intensive Wochen, eine neue Erfahrung, die uns sehr gut gefallen hat. Für nächstes Jahr laden wir die beiden ein, uns nochmal in Afrika zu besuchen, wo immer es dann sein wird. Als Berndt am Flughafen auf das Flugzeug schaut, erinnert er sich an unsere Verabschiedung. „Wenn ihr nach München einsteigt, schaut auf den Flieger. Da gibt es einen Abschiedsgruß von unserer Reise“, sagten wir beim letzten gemeinsamen Abendessen in Windhoek. Auf dem Seitenleitwerk prangt das Logo Qatar Airways, der Kopf einer Oryxantilope.

 

Übernachtung: Outjo Etotongwe Lodge (3), Windhoek Hotel Thule (2)

 

9.-10. März 2017, Reisetage: 226-227
Gobabis, Namibia

Im Osten Windhoeks, bei Gobabis erholen wir uns von der Reise mit Svenjas Eltern in einer abgelegenen Lodge. Mit neuer Kraft und Reiselust wollen wir danach über die Grenze nach Botswana, in die Kalahari. Gerade als wir aufbrechen, erreicht uns eine E-Mail von Conny und Tommy, zwei Münchnern, die seit fünf Jahren mit ihrem MAN Expeditionsmobil Afrika bereisen. Wir wollen sie unbedingt treffen, sie sind gerade nicht allzu weit weg in Südafrika und so ändern wir spontan unseren Plan. „Es ist eh gut, wenn wir zuerst an das Kap fahren und dann nach Botswana“, meint Hannes. „Und außerdem hat es dort auch so viel geregnet. In das Okavango Delta kämen wir jetzt sowieso nicht“, fügt Svenja hinzu.

11.-12. März 2017, Reisetage: 228 – 229
Gegend Mariental, Namibia

Wir sind recht froh über die Strecken Änderung. Die Spitze Afrikas ist für uns das Ziel der Reise. Auf der Fahrt direkt nach Süden werden wir es schneller erreichen und die Veränderung der Klimazonen weiter nahtlos erleben. Aus der Wüste geht es über die Weinanbaugebiete Südafrikas bis zum Kap der guten Hoffnung, wo es eine Kolonie Pinguine geben soll. Eine amüsante Vorstellung, bei Temperaturen, denen unsere Klimaanlage nur auf voller Dauerleistung Herr wird.

 

Auf der Strecke gibt es im Süden Namibias spektakuläre Schluchten. Die berühmteste ist der Fish River Canyon. Er soll dem nur etwas größeren Grand Canyon leicht das Wasser reichen können.

 

Die Fahrt dorthin führt uns zunächst durch wenig interessantes Farmland, worauf vor allem Strauße gezüchtet werden.

Von der ersten Übernachtung in Bitterwasser, ein treffender Name für den Ort inmitten hunderter Kilometer ausgetrockneter Steppe, gibt es nichts Besonderes zu berichten, von Svenjas Bekanntschaft mit der lokalen Fauna einmal abgesehen. Hannes sieht sie von weitem, wie sie sich schreiend das T-Shirt vom Körper reißt, woraufhin zwei kleine Jungen aus Angst wegrennen, um ihren Vater zu holen. „Mach dir keine Sorgen, es sind nur die roten Bienen“, meint dieser beruhigend zu Svenja. Dem Aussehen der Tiere, ihrer Größe und dem Ergebnis ihres Stiches nach, wäre rote Riesen Hornissen wohl der treffendere Name.

Am Abend unseres nächsten Halts besuchen wir den angeblich größten Köcherbaumwald Afrikas. Der Stamm dieser Bäume ist hohl. Die Pflanze benutzt ihn als Wasserspeicher, die Buschmänner als Köcher für ihre Pfeile, wovon sich der Name ableitet. Die eng beieinanderstehenden Bäume bilden in der Abendsonne mit ihren ausgedörrten, fast künstlich wirkenden Stämmen ein lohnendes Fotomotiv. Viel schwieriger zu fotografieren sind die darunter zwischen den Felsspalten lebenden, scheuen Tiere. Die richtige Bezeichnung der putzigen, felligen Kerlchen können wir nicht herausfinden, auch wenn uns ein mit riesigem Fernglas und Tropenkleidung ausgerüsteter Österreicher aufklärt. „Des is a Felsendachs“, verrät er uns mit überzeugender Bestimmtheit. Zumindest Google kennt die hiesigen Tiere nicht unter diesem Namen, vermutlich meint er eine nur in österreichischen Bergtälern vorkommende, seltene Unterart.

 

Übernachtungen: Bei Bitterwasserlodge (3), Quivertree Forest Camp (2)

13. März 2017, Reisetag: 230
Gondwana Nature Park, Namibia

Vor der letzten Etappe zum Fish River übernachten wir auf einem Campingplatz an einer Wüstentankstelle, die eine ideale Filmkulisse für ein Road Movie Tarantinos abgäbe. Hinter den antiquiert aussehenden Zapfsäulen befindet sich ein originell eingerichtetes Restaurant in einer riesigen Wellblechhalle, die gerade schlecht besucht ist.

Die, mittlerweile auch für Einheimische kaum zu ertragende, außerordentliche Hitzeperiode heizt die Halle bis zur Saunatemperatur auf.

 

Abends bekommen wir Besuch von dem Haustier des Camps. Wären wir nicht vorher eines Besseren belehrt worden, würden wir es für eine normale Katze halten. Dieses Tier, das sich sofort die Motorhaube als Liegeplatz aussucht, ist aber eine Wildkatze. Keine verwilderte Hauskatze, sondern die Urform aller unserer Katzen. Ein afrikanisches Raubtier, normalerweise äußerst scheu und so gut wie nie zu sehen. Diese hier fühlt sich im Camp sichtlich wohl. „Die sieht doch genauso aus, wie unsere frühere Katze Kiwi“, meint Svenja ungläubig. Erst bei genauerem Hinsehen erkennen wir die Unterschiede. Die Wildkatze hat längere Beine, die, anders als bei Hauskatzen, auch durchgehend gestreift sind.

 

Übernachtung: Canyon Roadhouse Campingplatz (3)

 

16. März 2017, Reisetag: 231-233
Ai-Ais, Namibia

Der Fish River Canyon beeindruckt uns sehr. Über 160 km schlängelt sich der, jetzt nach den starken Regenfällen im Norden ausnahmsweise Wasser führende Fluss durch die Felsen. Gut 500 Meter tief hat er eine riesige Schlucht gegraben. Busse fahren die wenigen Touristen, die so tief in den Süden Namibias vordringen, an einen Aussichtspunkt mit dem unvermeidlichen Picknickplatz. Wir sind froh, abseits davon das ganze Panorama ungestört genießen zu können. Eine Sandpiste führt einige Kilometer am Fluss entlang, mit dem Buschtaxi können wir an vielen Stellen über das Gelände bis an den Abgrund fahren.

Das Naturschauspiel begeistert uns, wir wollen noch mehr davon sehen und den Canyon auch von unten erleben. Die Parkverwaltung bietet als einzige Möglichkeit eine geführte Wanderung durch die Schlucht an. Fünf Tage dauert die Durchquerung, ein Park Ranger führt, übernachtet wird in Felshöhlen, für Proviant und Ausrüstung werden Träger gestellt. „Das müssen wir unbedingt machen. Hört sich doch super an“, meint Svenja, die für dergleichen immer schnell zu begeistern ist. „Ich weiß nicht, ob das bei der Hitze eine gute Idee ist. Und es ist vielleicht auch langweilig, fünf Tage durch eine Schlucht zu laufen“, wendet Hannes ein, ohne ernsthaft gegen das Vorhaben zu sein. Die Entscheidung wird uns abgenommen. „Bei dieser Hitze könnt ihr nicht wandern“, erklärt uns die Verwaltung. „Erst ab Mai geht es wieder. Es sind schon einige Touristen umgekommen, die es trotzdem versucht haben.“ Das Argument überzeugt, wurde der Temperaturrekord Namibias mit über 50 Grad doch kürzlich dort unten gemessen.

Weiter südlich, auf dem Campingplatz von Ai-Ais wird unsere Freude über das beträchtliche Schwimmbecken von der wenig erfrischenden Wirkung des Wassers getrübt. In der lokalen Sprache Khoekhoegowab bedeutet Ai Ais „sehr heiß“. Ein zutreffender Name, aus den heißen Quellen sprudelt das salzhaltige Wasser mit über 60 Grad. Im Pool hat es immerhin noch knapp 40.

 

Khoekhoegowab ist übrigens nicht nur ein komplizierter Name für die vielen Dialekte der regionalen Sprache. Auch sie zu erlernen wäre für uns außerordentlich schwierig. Von den 31 Konsonanten bestehen 20 aus Klick- und Schnalzlauten, vermutlich ein Überbleibsel aus der Zeit der Jäger und Sammler. Diese Laute tragen weit, ohne die Tiere zu vertreiben. „Ich glaube, das Radio ist kaputt“, meinte Hannes, als er zum ersten Mal eine Sendung in dieser Sprache hörte. Für unsere Ohren sind die lautstarken Knackse und Schnalzer im Redefluss tatsächlich, vorsichtig formuliert, gewöhnungsbedürftig.

 

Trotz der Hitze bleiben wir zwei Tage auf dem Campingplatz. Nachts in dem warmen Wasser unter einem der beeindruckendsten Sternenhimmel zu liegen ist herrlich. Auch die Gesellschaft der wenigen anderen Gäste freut uns. Darunter ein weltbereister Berliner und ein lustiges Paar aus Zürich mit Mietwagen, beide noch nicht besonders Afrika erfahren. „Hasts Micropur schon reintan?“, frägt der Schweizer seine Begleiterin bei der Vorbereitung des Abendessens. „Ja isch schon drin“, antwortet diese. Auf unsere fragenden Blicke hin klärt sie uns auf. „Er isch halt ein bisschen vorsichtig mit dem Wasser, oder?“ Die Kartoffeln müssen, bevor sie geschält und in der Pfanne gebraten werden, mit in Flaschen gekauften Trinkwasser gewaschen sein. Aber nicht ohne dieses vorher sicherheitshalber mit Micropur zu entkeimen. Wir lachen viel, als wir mit den beiden einen sehr angenehmen Abend verbringen.

 

Übernachtung: Campingplatz Ai-Ais (2)

17.-19. März 2017, Reisetage: 234-236
Oranje Fluss, Namibia

Die weitere Lanschaft nach Süden, erinnert uns an die Westsahara. Leicht hügelig wechseln sich Sand und Steine ab, riesige Einöden, die uns immer wieder faszinieren. Am Horizont erscheint eine Kette roter Berge. Wir wissen, hinter ihnen liegt unser Reiseziel, Südafrika.

 

Wie nah wir dem Land und dessen starker westlichen Prägung sind, erfahren wir beim ersten Campingplatz am Grenzfluss Oranje. Wir stehen zwischen unzähligen südafrikanischen Urlaubern, die berüchtigt sind für ihre ausgeprägte Campingkultur. Braai (afrikaans für Braten), scheinbar die einzige Form der Ernährung, besteht aus Unmengen gegrillten Fleisches, Pommes und bestenfalls einer Tomatenscheibe als Garnierung. Dazu gibt es überreichlich Bier aus der Dose und laute, nächtelange Unterhaltungen bei freizügiger Bekleidung, welche die wohlgenährten Körper gut zur Geltung kommen lässt. Wir erinnern uns an unseren ersten Campingplatz Versuch in Spanien. Nicht nur Afrikaans, die Sprache der weißen Südafrikaner, ähnelt Niederländisch. Auch Massencamping ist offenbar ein mit Holland gemeinsamer Nationalsport.

 

Wir sind froh, als wir gemeinsam mit Conny und Tommy aus München Sauerlach und ihrem MAN den Massen entfliehen. Mit den beiden verbringen wir eine schöne Zeit und bekommen gute Tipps. Am Lagerfeuer gegrillter Fisch, guter Wein und nächtliches Baden unter Sternenhimmel im einsamen Oranje Fluss entsprechen unserer Vorstellung von Camping.

Eine Einschätzung, die scheinbar allen Transafrikafahrern gemein ist. Gleichzeitig sehen wir aber auch, welch große Unterschiede es im Reisestil gibt, auch unter Overlandern. Die gewählten Routen unterscheiden sich im Wesentlichen nicht, sehr hingegen die Reisegeschwindigkeit. Conny und Tommy sind durch Westafrika mehrere Jahre gefahren, bleiben, wie viele andere, meistens mehrere Tage an einem Stellplatz. Das Auto wird dabei zum Eigenheim, mit allem was dazu gehört, vom Kochen von Marmelade und Brotbacken bis zur eigenhändigen Wartung des Fahrzeugs. Andere fahren viel schneller als wir. Über E-Mail stehen wir in Kontakt mit einigen, die in wenigen Wochen durch Afrika fahren wollen. Hier wird der Weg scheinbar wichtiger als die Reise.

Für uns ist das Auto nur Mittel zum Zweck. Wir campen an schönen, sicheren Plätzen, wo es keine besseren Alternativen gibt. Uns macht Off-road Fahren Spaß, aber nur auf Strecken, die uns auch an lohnende Ziele bringen. Im Vordergrund steht der Zweck unserer Reise. Wir wollen die Welt kennen lernen. Vor allem die Menschen, deren Kulturen, daneben die Landschaften. Das Auto ist nur ein Transportmittel. In manchen Gegenden sind andere für uns sinnvoller. Die Alpen und andere europäischen Kulturlandschaften lassen sich nur erwandern. Für die Südsee wäre Segeln, für die Mongolei das Pferd sicher ideal. Ein Blick auf die Weltkarte erinnert uns jedes Mal an die Größe der Erde. Die Menge des noch vor uns Liegenden treibt uns oft an, manchmal vielleicht auch zu sehr. Natürlich wissen wir aber, dass man ohnehin nie alles bereisen kann.

 

Übernachtungen: Amanzi Camping (3) und wilder Stellplatz am Oranje Fluss (1)

 

20. März 2017, Reisetag: 237
Porth Nolloth, Südafrika

Schon morgens um zehn hat es über 35 Grad im Schatten, die Nacht war an viel Schlaf nicht zu denken. Im Süden soll es deutlich kühler sein, wir brechen auf, zur letzten Grenze auf unserer Reise. Namibia verlassen wir nur ungern. Vieles auf unserer Reiseliste konnten wir dort nicht machen. Darunter das wilde Kaokoveld, der Caprivi Streifen und vor allem eine Tour durch den Sandwüstenteil der Namib, alles für sich ein Grund, nochmal zu kommen. Dem schlechten Eindruck der ersten Tage und unseren Befürchtungen ob des Massentourismus zum Trotz, bekommt Namibia von uns eine uneingeschränkte Reiseempfehlung. Ein spannendes, wildes Land voller Tierreichtum, riesigen Flächen und spektakulären Landschaften. Mit ein bisschen Planung und gutem Auto lässt es sich auch fernab der Hauptrouten ohne jeden Kontakt mit den touristisch verdorbenen Stellen bereisen.

Was wir aus Namibia in guter Erinnerung behalten werden:

  • Wilde Wüstenelefanten
  • Löwengebrüll frühmorgens neben dem Auto
  • Etosha in voller Blüte
  • Fish River Canyon, der dem Grand Canyon in nichts nachsteht

Was uns weniger gefallen hat:

  • Hühnchen als vegetarische Alternative zum allgegenwärtigen Grillfleisch
  • Die Invasion südafrikanischer Campingtouristen

Unsere Reiselektüre:

  • Reiseführer: Chris McIntyre: Namibia (Bradt Travel Guide Namibia), 5. Auflage 2015. Uneingeschränkt empfehlenswert. Sicher gibt es aber gute deutschsprachige Alternativen.
  • Reiseführer: Frank Linke und Ute Nast-Linke: Mit dem Wohnmobil durch Namibia (Womo-Reihe), Womo Verlag 2014
    Gut beschriebene Routen durch Namibia, meist allerdings auf den ausgetretenen Pfaden. Für uns entbehrlich.
  • Gesa Neitzel: Frühstück mit Elefanten. Als Rangerin in Afrika, Ullstein extra Verlag 2016.
    Ein toller Erlebnisbericht einer Deutschen, die aufbricht, Rangerin in Afrika zu werden. Sehr lustig und authentisch beschrieben. Zu Recht ein Bestseller.
  • Henno Martin: Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste, diverse Ausgaben im Handel, Erstausgabe Union Verlag 1956.
    Ein Klassiker. Für uns zu einseitig und eher langweilig. Es geht vor allem um das Jagen von Tieren und Überlebenstaktik in der Wüste.

Angola

Angola

Über Angola hatten wir vor der Einreise nur sehr wenig gelesen. Von anderen hören wir nur Negatives und Vorurteile, wie so oft über andere Länder. Allerdings nur von Leuten, die noch nie dort waren. 30 Jahre Bürgerkrieg, Blutdiamanten, Landminen und ein besonders übler Diktator sind die Dinge, die uns genannt werden. Die wenigen Transafrika Fahrer, die Angola länger als nur mit fünf Tage Transitvisum bereisten, waren hingegen begeistert. Hannes kann ein bisschen Portugiesisch. Die Landesprache zu verstehen wird für uns dadurch einfacher, sprechen ist hingegen schon schwieriger. Wir lassen uns überraschen.

16. – 18. November 2016, Reisetage: 176 – 178
Noqui, Angola und M’Banza Kongo, Angola

Nach einer Übernachtung in der wenig interessanten Grenzstadt Noqui erreichen wir M’Banza Kongo. Die Straße dorthin ist neu gebaut und makellos geteert. Ohne ersichtlichen Grund sind jedoch viele Abschnitte gesperrt, die Umleitungen führen über schlechte Pisten. Wir brauchen für die kurze Wegstrecke einen halben Tag.

 

Die einzige Sehenswürdigkeit M’Banza Kongos ist die erste portugiesische Kirche in Angola. „Kein Wunder, dass sie damit seit 20 Jahren erfolglos versuchen, in die UNESCO Liste zu kommen. Dann müsste jede italienische Dorfkirche drauf sein“, meint Hannes etwas verächtlich, als wir die Mauerreste besichtigen. Angola ist eines der wenigen Länder weltweit, die keine UNESCO Weltkulturerbe Stätte haben.

Auch die noch spärlicheren Überreste des Königspalastes wären für uns kein Grund, länger in der Stadt zu bleiben. Beim Abendessen lernen wir aber den Dekan der Universität und seine Frau kennen, die als Touristenführerin in Deutschland gearbeitet hat und perfekt deutsch spricht. Wir verbringen zwei interessante Abende zusammen, an denen wir einen guten Eindruck von der aktuellen Situation Angolas bekommen.

 

Übernachtung: Hotel Mirage, M’Banza Kongo (3)

19. November 2016, Reisetag: 179
Ambriz, Angola

Auf bester Teerstraße gelangen wir schnell nach N’zeto. Eine Sandpiste führt weiter an der schönen Küste entlang nach Süden bis zur Stadt Ambriz. Pater Antonio, der einzige Geistliche der katholischen Mission, begrüßt uns sehr freundlich und kommt unserer Bitte, auf dem Gelände campen zu dürfen gerne nach. Wir werden eingeladen, mit ihm zu Abend zu essen. „Kochen müsst aber ihr. Ich bin erst heute von einer Reise zurückgekommen und die Kinder, die für mich kochen, haben nichts gemacht“, sagt er zu unserer Überraschung. Wie recht er damit hat, sehen wir, als wir seine Küche betreten. Seine Küchenhilfen haben vermutlich auch Wochen zuvor dort wenig getan. Das dreckige Geschirr stapelt sich bis an die Decke.

 

Übernachtung: Im Auto bei katholischer Mission, Ambriz (3)

20. November 2016, Reisetag: 180
Barro do Dande, Angola

Wie bei den meisten Übernachtungen in Missionen ist auch bei dieser die Nacht kurz. Heute ist es der Pater selbst, der uns um sechs Uhr morgens aufweckt. Er zeigt zwei Freunden unser Auto, in dem wir gerade schlafen. Wir versuchen, das Ende seiner Erklärungen abzuwarten, ohne einen Laut von uns zu geben. Leider erfolglos. Wenn Afrikaner sich untereinander etwas erklären, dann immer sehr ausführlich, abschweifend und für unseren Geschmack wenig zielstrebig. „Dann sind sie vom Kongo gekommen?“, frägt einer der Freunde den Priester. „Ja, über die Grenze hier“, antwortet dieser. „Aber mit dem Auto?“, frägt der andere Freund. „Ja, mit diesem Auto über die Grenze. Den ganzen Weg aus Europa, aus Deutschland“, erklärt unser Gastgeber. „Und nicht mit dem Flugzeug?“, wird weiter gefragt. „Nein, nein alles mit dem Auto gefahren“, sagt der Priester. „Und auch im Kongo?“, frägt der Freund. „Ja, aus dem Kongo, hier an der Grenze nach Angola.“ – „Und bleiben sie hier?“ – „Nein, die wollen weiter fahren nach M‘Banza Kongo.“ – „Und warum sind sie nicht aus Luanda gekommen?“ – „Nein, nein. Die fahren mit dem Auto. Von Deutschland nach Afrika“, wird weiter erläutert. „Den ganzen Weg mit dem Auto? Das ist weit. Und auch durch den Kongo“, stellt der erste Freund zutreffend fest. „Ja und aus Deutschland nach Afrika. Mit dem Auto. Die schlafen auch drin“, sagt der Priester weiter. „Wo schlafen sie?“, frägt der andere Freund. „Hier im Auto. Sie fahren alles mit dem Auto. Ohne Flugzeug. Und sie schlafen auch darin“, wird erklärt. „Im Auto?“, wird ungläubig gefragt. „Ja, im Auto. Da ist Platz zum Schlafen.“ Der Diskurs geht eine halbe Stunde so weiter, wir können uns das Lachen nur schwer verkneifen. Als schließlich zum vierten Male erklärt wird, dass wir mit dem Auto hierhergefahren sind, wird es Hannes zu dumm. Er öffnet die hintere Tür und steigt, nur in der Unterhose bekleidet, aus dem Buschtaxi. „Guten Morgen“, begrüßt er die drei sichtlich überraschten Männer. „Guten Morgen, wir haben jetzt Messe. Ihr müsst kommen“, begrüßt ihn unser Gastgeber, offensichtlich ohne den Zusammenhang von lauter Unterhaltung und unserem Aufstehen zu bemerken.

 

Mehr oder weniger freiwillig sitzen wir kurz vor acht Uhr in unserer, normalerweise den Botschaftsbesuchen vorbehalten, formellen Kleidung in der Kirche. Wie in oberbayerischen Dorfkirchen vor noch nicht allzu langer Zeit, sitzt Svenja mit den Frauen auf der rechten Seite, streng getrennt von den Männern links. Hannes hat in der hintersten Reihe Platz genommen.

Der Gottesdienst ist dann, wie meist in Afrika, sehr fröhlich und dank des guten Mädchenchors und der heiteren Predigt unseres Priesters auch kurzweilig, obwohl die Messe fast zwei Stunden dauert. Gegen Ende werden wir völlig überraschend nach vorne gebeten und der ganzen Gemeinde vorgestellt. Hannes gibt nach kurzem Widerstand dem Bitten unseres Freundes nach, ein paar Worte zu sagen: „Herzlichen Dank für die Gastfreundschaft. Auf unserem Weg aus Deutschland sind wir durch ganz Afrika gefahren, 20 Länder. Kein einziges Mal haben wir etwas Schlechtes erlebt, jeder war gastfreundlich und hat uns herzlichst aufgenommen. In Angola sind wir erst einen Tag. Ein fröhliches Land, mit schöner Musik. Wir wünschen allen Gesundheit, glücklich zu sein und dem Land Angola einen langen Frieden, mit Gottes Hilfe“, sagt Hannes etwas nervös, während der Priester übersetzt. Die ganze Gemeinde steht auf und bedankt sich mit Jubel, was uns sehr verlegen macht. Als wir uns abends über das Erlebte unterhalten, wird uns erst klar, was unsere kleine Ansprache bedeutet. Das Wichtigste unserer ganzen Reise waren die Begegnungen mit Menschen. Wir durften unzählige interessante Bekanntschaften machen und ein paar neue Freunde gewinnen. Uns wurde nichts als Herzlichkeit und beste Gastfreundschaft entgegengebracht. Von einigen wenigen unfreundlichen Begegnungen mit Behörden abgesehen, die uns aber nichts vom Spaß der Reise genommen haben. Im Gegenteil. Wäre es einfacher, gäbe es viel mehr Transafrika Fahrer. So bleibt es etwas Außergewöhnliches, was uns doch ein klein wenig stolz macht.

Nach der Messe zeigt Svenja der ganzen Gemeinde geduldig unser Auto, bevor wir viel später als beabsichtigt loskommen. Währenddessen lachen sich einige Mädchen über Hannes fast tot, als er penibel Mangos für unser verspätetes Frühstück schält und in kleine Stücke schneidet. In Afrika beißt jeder von der Frucht ab, mit Schale.

Auf leichter Sandpiste fahren wir weiter an der hübschen Küste Richtung unseres Tagesziels Luanda, der Hauptstadt Angolas. Die späte Abfahrt zwingt uns aber zur Übernachtung in dem wenig ansprechenden kleinen Badeort Barro do Dande.

 

Übernachtung: Aldeamento Turistico Pasargada,  Barro do Dande (3)

21. – 22. November 2016, Reisetage: 181 – 182
Luanda, Angola

Luanda ist, was den sichtbaren Unterschied von Arm und Reich angeht, vermutlich die extremste Stadt der Welt. Fast alle der sieben, zehn oder zwölf Millionen Einwohner, so genau weiß das niemand, wohnen in Elendsvierteln. Anders als in den meisten Großstädten der dritten Welt sind diese nicht isoliert, sondern liegen teilweise direkt zwischen den Gebieten der Reichen. Dabei ist die Stadt eine der teuersten der Welt. Unmengen von Rohstoffen, darunter vor allem Diamanten und Erdöl, haben der Elite des Landes und ausländischen Konzernen unermesslichen Reichtum gebracht und die Preise in den wenigen exklusiven Teilen der Stadt in unbezahlbare Höhen getrieben. Eine vergleichsweise kleine Wohnung in den privilegierten Vierteln ist nicht unter 10.000 Euro pro Monat zu mieten, für eine Caiphirina in einem der schicken Strandclubs auf der Halbinsel Ilha do Cabo bezahlen wir 18 Euro. Oder besser gesagt, müssten wir bezahlen. Wir haben das Glück, in einer für Angola sehr unglücklichen Zeit zu reisen. Die katastrophale Politik des seit 33 Jahren diktatorisch und offensichtlich im Eigeninteresse herrschenden Präsidenten dos Santos zeigt immer mehr ihre verheerende Wirkung. Die Währung ist im freien Fall, vor den Geldautomaten stehen Warteschlangen tagelang vergeblich für Bargeld an und der Schwarzmarkt bezahlt ein Vielfaches des offiziellen Kurses für Dollar und Euro. Hierdurch wird Angola für uns zum günstigsten Land der ganzen Reise.

 

Wir profitieren zusätzlich vom exklusiven Yacht Club Luandas. Die Inhaber sind Fans der Überlandfahrer, lassen uns auf dem Parkplatz umsonst campieren und alle Einrichtungen des Clubs nutzen. Wir schlafen an einem der teuersten Orte der Welt mit bestem Blick auf diese unvorstellbare Stadt, die wie kein anderer Platz die Geschichte von der Ungerechtigkeit Afrikas und der ganzen Welt erzählt.

Wir besuchen die, für sich genommen schönen Restaurants und Strandclubs auf unserer reichen Halbinsel und wandern zum Sonnenuntergang auf die über der Stadt thronende portugiesische Festung. Heute ist sie ein Militärstützpunkt mit einem kleinem Armeemuseum. Mehr als dieses beeindruckt uns der Ausblick auf die nächtliche Stadt.

Luanda gefiele uns gut, könnten wir die Hintergrundgeschichte der Stadt ausblenden. So verlassen wir die Hauptstadt mit einem beklommenen Gefühl. „Kannst Du dich noch erinnern, was Du zu mir gleich am Anfang gesagt hast, als wir uns kennen gelernt haben. Über die Welt, meine ich“, frägt Hannes vor dem Schlafen Svenja. Ohne eine Antwort abzuwarten, zitiert er sie: „Ich kann nicht verstehen, warum die Welt so grausam und ungerecht ist.“ Vermutlich kann das niemand verstehen.

 

Übernachtung: Im Auto auf dem Parkplatz des Clube Náutico da Ilha de Luanda (2)

23. – 25. November 2016, Reisetage: 183 – 185
Caboledo, Angola

Kurz nach Luanda werden wir in einem kleinen, sehr sehenswerten Sklaverei Museum an eine andere Episode der Ausbeutung des Kontinents erinnert. Von Angola wurden Sklaven vor allem in die andere portugiesische Kolonie nach Brasilien gebracht. Nicht ohne sie kurz vor der Verschiffung in der kleinen Kapelle des Forts zu taufen.

 

Die heutige kurze Etappe bis Cabo Ledo unterbrechen wir noch einmal an einem Aussichtspunkt an der Küste. Wind und Regen haben die Felsen zu einer faszinierenden Landschaft geformt. Die Nachmittagssonne belohnt uns mit tollen Fotomotiven in leuchtenden Farben von Beige bis tief Orange. Svenja nutzt den Platz gleich als Kulisse für ein paar Yoga Übungen.

An einer kleinen Clubanlage dürfen wir umsonst campen und genießen dort ein paar Tage das gute Restaurant und den herrlichen Strand alleine, bis es uns mit Wochenendtouristen aus Luanda zu laut wird.

 

Übernachtung: Im Auto Carpe Diem Lodge, Caboledo (1)

26. November 2016, Reisetag: 186
Sumbe, Angola

Auf der Weiterfahrt kommt uns ein ziemlich martialisch aussehendes Fahrzeug entgegen, das sich nach kurzem Gespräch als ein für deutsche Gruppentouren umgebauter Militärlaster herausstellt. Michael aus Bayern führt damit Touristen, auch abseits der normalerweise begangenen Routen. Wir übernachten zusammen mit seinen zwei Fahrgästen und freuen uns über Michaels Geschichten aus 40 Jahren Afrika. Nicht nur seine Erfahrung, auch seine Geduld mit den, aus unserer Individualreise Sicht gelinde gesagt recht eigenwilligen Gästen, bewundern wir.

 

Übernachtung: Im Auto am Strand südlich von Sumbe (2)

27. – 30. November 2016, Reisetage: 187 – 190
Lobito, Angola

Auf der, nur von einem kurzen Halt an einer tiefen Schlucht unterbrochenen, Weiterfahrt bemerken wir wieder die schnelle Veränderung der Landschaft. Die Umgebung wird immer sandiger und trockener, wir bilden uns ein, den Sand der Wüste Namib schon riechen zu können. Die eigentlich nicht auf unserer Reiseliste stehende Hafenstadt Lubito gefällt uns unerwartet gut. Etwas abseits der modernen Hafenanlagen besuchen wir auf einer vorgelagerten Halbinsel ein Wohnviertel mit vielen gut erhaltenen, beeindruckenden Kolonialbauten. In den Straßen blühen feuerrote Akazien, die Lagunen sind voller Flamingos. Gerne bleiben wir für ein paar Tage in einem, dank des Wechselkurses günstigen, luxuriösen Hotel.

 

Übernachtung: Hotel Terminus, Lobito (1)

1. Dezember 2016, Reisetag: 191
Lucia, Angola

Unmittelbar nach der angrenzenden Stadt Benguela beginnt die Wüste Namib. Die nächsten zweitausend Kilometer werden wir sie von Nord nach Süd durchfahren. Bis zu ihrem Ende am Fluss Oranje, der die Grenze zwischen Namibia und Südafrika bildet. Landschaft wie Temperaturen über 30 Grad erinnern uns an die Sahara, die wir ebenfalls rund zweitausend Kilometer durchquert haben von Marokko, über die Westsahara und Mauretanien bis zum Senegal.

 

Die Besiedlung wird immer geringer, ebenso die Qualität der Verkehrswege. Viele unvollendete Brückenruinen zeugen von den erfolglosen Bemühungen, die Teerstraße bis in den Süden Angolas zu verlängern. Die betonierten Ungetüme bieten einen surrealen Anblick in der ansonsten unberührten Wüste. Der Dilettantismus beim Straßenbau wirkt auf uns unfreiwillig komisch. An manchen Brückenbaustellen wurde ein kurzes Stück Teerstraße bis an das Betonskelett herangeführt. Der Straßenanschluss misslang dabei gründlich, die Brückenfahrbahn liegt mindestens zehn Meter über der Straße. Die wenigen Einheimischen und ihre Tiere nehmen es offensichtlich gelassen. Auf der ein oder anderen Brückenruine sehen wir Hirten, die ihre Ziegen auf der Fahrbahn nach Hause treiben.

Gerade als wir uns Gedanken über unseren Übernachtungsplatz machen, sehen wir an einem der immer selteneren Wasserläufe ein Camp mit mehreren Zelten und Autos. „Fahr dort hin, das sind sicher Europäer. Ich möchte mit ihnen sprechen“, bittet Svenja Hannes. Während er im Auto wartet, unterhält sie sich länger mit zwei Männern aus dem Camp. „Wir bleiben heute hier. Es sind Priester aus Namibia. Sie helfen hier den einheimischen Hirten, das interessiert mich“, sagt Svenja, ohne eine Antwort zu erwarten.

 

Nachdem wir den Chef der hiesigen Halbnomaden in ein paar winzigen Lehmhütten zwischen Ziegen und nackten Kinder gefunden und ihn um Erlaubnis zum Übernachten gefragt haben, verbringen wir die Nacht zusammen mit der Gruppe Missionaren. Es wird ein sehr interessanter Abend, bei dem wir neben den Lebensumständen der Hirten auch das ein oder andere über das Campen lernen. Namibier sind die ungekrönten Weltmeister darin. Svenja ist beeindruckt von dem am Lagerfeuer frisch gebackenen Brot und unterhält sich lange mit dem jüngsten Teammitglied, der 18-jährigen Mandy. Sie ist ein auf einer namibischen Farm aufgewachsenes, naturverbundenes, hübsches Mädchen, voller Lebensfreude, Idealismus und Tatendrang. Fasziniert von unserer Reise und Svenjas beruflichen Erlebnissen, möchte sie alles über uns erfahren. Stolz erzählt sie uns von ihren Plänen. Nach dem Camp in Angola wird sie im Libanon für ein Jahr  in einem Flüchtlingslager helfen. „Wir müssen sie dort unbedingt einmal besuchen“, sagt Svenja spontan am nächsten Morgen. „Wer weiß, vielleicht kommen wir mit dem Buschtaxi bis dorthin. Bis hierher zu kommen hatten wir schließlich auch nicht geplant“, bekräftigt sie Hannes.

 

Übernachtung: Im Auto am See bei Lucia (2)

2. Dezember 2016, Reisetag: 192
Bentiaba, Angola

Je weiter wir in die Namib nach Süden vordringen, desto eindrucksvoller wird die Umgebung. Hunderte Kilometer lang sehen wir nichts außer Steinwüste in unterschiedlichen Färbungen, Steilküsten und unzählige Buchten mit leeren Stränden.

 

Auf einer Klippe fragen wir den einsamen Wärter eines von weitem sichtbaren Leuchtturms nach einer guten Bademöglichkeit. Er beschreibt uns eine kleine Piste, die ein paar Kilometer weiter zu einer versteckten Bucht führt. „Was machst Du denn hier den ganzen Tag“, fragt Hannes den Wärter, bevor wir aufbrechen. „Ich passe auf den Leuchtturm auf. Und vor allem, dass keine schwarz Fischer unterwegs sind“, antwortet dieser. „Und hast du welche gesehen?“, will Hannes wissen. „Ja, immer. Da draußen sind chinesische Fischer“, weist er uns auf zwei größere Schiffe am Horizont hin. „Ich melde das per Funk an die Verwaltung. Aber es kümmert sich niemand darum.“ Anscheinend verfolgt die Regierung auch bei diesem Geschäft eher eigene Interessen.

 

„Sollen wir Luft ablassen vor dem Sand?“, frägt Svenja, bevor wir auf den einsamen Strand fahren. „Unsinn, das sind nur ein paar Meter. Kein Problem“, gibt ihr Hannes zurück. Das Ergebnis ist das am schlimmsten eingegrabene Auto auf der ganzen Fahrt, schlechte Stimmung und ein Sonnenbrand auf Hannes Rücken. Natürlich hat er ein weiteres Mal nicht auf Svenja gehört und keinen Sonnenschutz aufgetragen. Zwei Stunden graben wir in der Mittagssonne den Toyo aus dem Tiefsand. So aufwendig war es noch nie, nicht einmal, als wir als blutige Anfänger in die Sahara gefahren sind. Das Buschtaxi sitzt bis zum Unterboden im Sand.

Unsere Laune ist schnell wieder bestens, als das Auto frei ist und wir uns nach der Plackerei in die herrliche Brandung stürzen. „Lass uns hier bleiben“, sagt Hannes und kommt damit Svenja zuvor, die sich gerade Gedanken macht, welche Notfallvorräte wir noch für das Abendessen haben. Während sie Nudeln mit Tomatensauce aus der Dose kocht, freut sich Hannes wie ein kleiner Junge, als er Treibholz sammelt und unser erstes wildes Lagerfeuer anzündet. Es wird eine herrliche Nacht.

Unter unbeschreiblichem Sternenhimmel sitzen wir am Feuer, als einzige Gesellschaft ein paar Strandkrabben, die sich mit uns an der Glut wärmen. Selbst die Konserven Pasta schmeckt uns gut.

„Es ist wie immer. Die besten Sachen erleben wir spontan, wenn wir unseren Plan ändern“, bemerkt Svenja vor dem Aufstehen. „Eben. Hätte ich uns nicht in den Sand gesetzt, hätten wir es nicht erlebt“, antwortet ihr Hannes, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Die Natur sorgt dann noch zusätzlich dafür, dass wir diesen Tag nicht so schnell vergessen werden. Neben dem Auto liegt eine Meerschildkröte beim Eierlegen. Um sie nicht zu stören, frühstücken wir in gebührendem Abstand und beobachten sie lange, wie sie sich bis zur vollständigen Erschöpfung den Weg zurück ins Meer erkämpft. Es sind glückliche Momente wie diese, die Reisende für jegliche Mühe mehr als entschädigen.

 

Übernachtung: Im Auto am Strand nördlich von Bentiaba (1)

3. – 4. Dezember 2016, Reisetage: 193 – 194
Lubango, Angola

„Heute Nachmittag gehen wir zum Raclette-Essen auf eine Berghütte“, sagt Hannes, als wir Richtung Lubango ins Landesinnere fahren. „Sehr witzig, ich wäre schon froh, wenn wir vernünftiges Brot kaufen könnten“, erwidert Svenja etwas genervt. Vermutlich hat jede Nation bestimmte Eigenheiten, die man nicht so ohne weiters abstreifen kann, egal wie lange man im Ausland ist. Bei uns und bei vielen anderen deutschen Langzeitreisenden gehört die Vorliebe für gutes Vollkornbrot dazu. So lecker das in ganz Westafrika verbreitete Baguette auch sein mag, nach ein paar Wochen haben wir davon genug. Svenjas Vorrat an vakuumverpacktem deutschem Schwarzbrot ist schon seit Kamerun aufgebraucht. Umso ungeduldiger ist sie, das vorgestern gesehene Brotbacken am Lagerfeuer selbst auszuprobieren.

 

Vom Meer Richtung Osten durchqueren wir auf der Hauptstraße die Namib, die zweitausend Kilometer lang aber nur etwa 150 Kilometer breit ist. Das Klima wird schnell spürbar feuchter. Kleinere Farmen liegen entlang der Straße. Dort hängen reife Mandarinen, eine Erinnerung an das nur drei Wochen entfernte Weihachten. In der Wüste bei meist 30 Grad ist es gefühlt eine Ewigkeit weg. „Kannst du Dir vorstellen, dass unser Flug schon in zwei Wochen geht? Nach Deutschland in den Schnee?“, frägt Svenja. „Ja, unglaublich. Die Zeit ist so schnell vergangen. Als ob es gestern gewesen wäre, als wir in Ghana losgefahren sind“, fügt Hannes dazu.

 

Lubango liegt im Hochland Angolas, auf 1.770 Metern Höhe. Die Straße führt über den Serra da Leba Pass, den wir mit dem Buschtaxi in sehr gemächlichem Tempo bewältigen. Das Auto hat einen, nach heutigen Maßstäben antiquierten Dieselmotor, ohne Turboaufladung, mit sehr überschaubarer Leistung von 130 PS, bei drei Tonnen Gewicht. So mancher LKW ist bergauf flotter unterwegs. Auf der gemächlichen Fahrt werden wir mit eindrucksvollen Ausblicken belohnt. Serra da Leba gilt zurecht als einer der schönsten Pässe der Welt.

Hannes fährt hinter Lubango noch ein Stück in die Berge. „Hier ist das versprochene Mittagessen“, bemerkt er mit süffisanter Stimme. Svenja traut ihren Augen nicht. Ein Schweizer betreibt eine Käserei mit Verkostung in einer Berghütte, wie sie in den Alpen nicht schöner stehen könnte. Das Raclette schmeckt, als ob wir seit Tagen nichts gegessen hätten. Vermutlich sind wir die einzigen Gäste, die es jemals ganz aufgegessen haben.

Sehr zu Hannes Missfallen wird anschließend von Svenja sämtliches Bier aus unserem kleinen Kühlschrank entfernt und dieser bis zum Bersten mit bestem Käse und Joghurt gefüllt. Ein Vorrat, über den wir uns in der Wüste Namib oft freuen werden.

 

Die Stadt Lubango gefällt uns weniger als ihre malerische Lage, auf dem Hochplateau thronend, umrahmt von Tafelbergen. Wechselkurs bedingt günstig, mieten wir uns für zwei Nächte in eine exquisite Lodge ein. Welch schöne, riesige Parkanlage dazu gehört, sehen wir erst am nächsten Morgen. „Komm schnell. Steh auf, das musst Du sehen“, scheucht Hannes Svenja etwas unsanft aus dem Bett.  Beim Blick aus dem Fenster wissen wir, dass wir dem südlichen Afrika mit seinen riesigen Tierbeständen nahe sind. Auch wenn die Zebras auf der Hotelanlage nicht wild sind, freuen wir uns über die Tiere. Sie sind uns ein Zeichen, dem Ziel der Reise nahe zu sein.

 

Übernachtung: Pululukwa Lodge, Lubango (1)

5. – 6. Dezember 2016, Reisetage: 195 – 196
Südlich von Namibe, Angola

Vom Aussichtspunkt der Tundavala, einer Schlucht im Hochland, gibt es angeblich einen einmaligen Blick auf die Tiefebene. Wir planen heute eine größere Etappe bis zur Flamingo Lodge, ein Küstencamp für Sportangler und letzte touristische Einrichtung vor dem unbewohnten Teil der Wüste. Tundavala wollen wir natürlich trotzdem unbedingt besuchen, entsprechend früh brechen wir auf. Unser früher Start sorgt für dichten Morgennebel und dafür, dass wir vom schönen Ausblick gar nichts sehen.

Den einzigen weiteren Halt in der im Sand gelegenen, wenig ansprechenden Ortschaft Namibe nutzen wir, um weiteren Proviant für einige Tage Wüstenaufenthalt zu beschaffen. Lange Strandpisten führen weiter zur Flamingo Lodge, ein einfaches kleines Camp, das uns gut gefällt. Der Name ist gut gewählt, jeden Morgen laufen stolze Flamingos am Strand auf und ab, Robben schwimmen in den Wellen.

Neben uns gibt es nur zwei Gäste, mit denen wir einen Tag länger als geplant eine lustige Zeit verbringen. Der Südafrikaner Andries ist passionierter Sportfischer. Richtig sympathisch wird er uns, als seine Frau erzählt, seit zwei Jahren fische er mit unglaublicher Begeisterung, Zeitaufwand und Ausrüstung. Er habe aber noch keinen einzigen Fisch gefangen. Tatsächlich sehen wir ihn lange vor dem Frühstück geduldig immer wieder seine vielen Angeln unter den mitleidigen Blicken der Angestellten erfolglos auswerfen. Sie fischen an gleicher Stelle mit einfachen Schnüren. Scheinbar gibt es doch so etwas wie Petri Heil. Hannes kann sich beim Sundowner etwas Spott nicht verkneifen: „Hast Du die Fische von heute Morgen schon in deine riesigen Kühlschränke im Anhänger getan? Ich habe sie gar nicht gesehen.“ Andries nimmt es mit Humor, wir lachen viel und versprechen, die beiden in Südafrika zu besuchen.

Den zusätzlichen Tag am Strand nutzt Svenja für eine Übungsstunde mit Tina, der deutschen Freundin des Camp-Leiters Matt aus Südafrika. Sie hat ein Yoga Studio in Kapstadt.

Hannes ist begeistert von den Haustieren der Lodge. Ein eigenwillig aussehender Hund und ein junger Schakal, der als Welpe verletzt vor dem Camp lag. Die hier empfangene Hilfe hat er nie vergessen. Das sonst so scheue Tier kommt jeden Abend pünktlich um acht Uhr, um sich seinen Leckerbissen abzuholen.

 

Übernachtung: Flamingo Lodge (2)

7. Dezember 2016, Reisetag: 197
Parque Nacional do Iona, Angola

Matt leitet die Flamingo Lodge nur aushilfsweise. Im richtigen Beruf ist er Tour-Leiter für Off-road Reisen. Wir besprechen die von uns geplante Route. Hinter den Sanddünen an der Küste entlang bis zur Mündung des Kunene Flusses, von dort gut 300 Kilometer quer durch die Wüste bis zur namibischen Grenze. Diese Strecke kennt er angeblich gut. Sie sei sehr anspruchsvoll und ohne Ersatz Kanister und mit nur einem Fahrzeug eigentlich nicht zu machen, meint er. Wir sind etwas verunsichert, im Internet ist die Route als nicht so unmöglich beschrieben. Vor seinem professionellen Rat haben wir natürlich gehörig Respekt. So füllen wir bei der letzten Tankmöglichkeit in Tômbua einige große Plastikflaschen mit Diesel. Nach unseren Berechnungen sind sie unnötig, das Buschtaxi hat 180 Liter Diesel in den beiden Tanks. Selbst bei schlechten Pisten reicht das für mindestens 1.000 Kilometer.

In Erwartung der schwierigen Piste starten wir früh. Leichte Flachsandpassagen, ab und zu Waschbrettpiste und einige einfache steinige Abschnitte sind alles, was uns am ersten Tag begegnet. Das Schlimmste kommt scheinbar noch.

 

Bis abends erreichen wir den Eingang des Nationalparks Iona, der von einem einsamen Wächter und seinem Hund bewacht wird. Er zeigt uns in der Nähe einen guten Stellplatz am trockenen Flussbett. Der Hund verbringt die Nacht lieber bei uns, sei es wegen des warmen Platzes am Feuer oder wegen der herausragenden Versorgung mit Dosen Bohnen und eingelegtem Tintenfisch.

 

Übernachtung: Im Auto am Parkeingang des Parque Nacional do Iona (2)

8. Dezember 2016, Reisetag: 198
Kunene, Angola

Auf der weiterhin guten Piste brauchen wir zwei Stunden bis Espenhierra, dem einzigen Ort im Nationalpark. Ort ist nicht das richtige Wort dafür, Einsiedelei wäre zutreffender. Einziger Einwohner ist Bruce, der Park Ranger. Ursprünglich aus Zimbabwe, hat er sein ganzes Leben in verschiedenen Nationalparks überall in Afrika gearbeitet. Seit vier Jahren lebt er hier alleine in dem aus drei Barracken bestehenden Camp. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur wenig, alle paar Wochen fährt er nach Namibe zum Einkaufen, auch Alkohol, dem er augenscheinlich nicht ganz abgeneigt ist. Die Einrichtung wird von der Europäischen Union bezahlt, sinnvolle Arbeit gibt es laut Bruce hier sehr wenig. Der Ranger und Hannes verstehen sich sofort, ohne großen Widerstand leistet er ihm schon mittags die willkommene Gesellschaft beim Gin Tonic. Svenja geht lieber spazieren.

 

„Wenn ihr an den Fluss wollt, verrate ich Euch meinen Lieblingsplatz“, bietet er uns nach einigen Drinks an. Eine Stunde später sind wir auf dem Weg dorthin. Mit Alkoholkontrollen ist hier Gott sei Dank nicht zu rechnen, der einzige Mensch im Umkreis von 200 km ist Bruce. Die halbtägige Fahrt wird eine der schönsten unserer Reise. Vor sanften Bergketten am Horizont zieht sich unsere Fahrspur wie eine unendliche helle Linie im sandigen, von unzähligem kleinsten Buschwerk zusammengehaltenen Boden. Schier endlos geht der Blick. Kleine Windhosen tragen hier und da Sand durch die Landschaft, die einzige Bewegung in der ungestörten Ruhe.

Ein oder zweimal sehen wir im Hitzeflimmern kleine schwarze Punkte. Aus ihnen werden beim Näherkommen Oryxantilopen, die sich in ihrer majestätischen Haltung von uns nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Am Kunene ankommen, verstehen wir Bruces Liebe für diesen Ort. Etwa ein Drittel der Wüste liegt in Angola, der Rest in Namibia. Die beiden Länder werden von diesem Fluss getrennt. Vom steinernen Hochplateau sehen wir über den Kunene, hinter dem sich die orange leuchtenden Dünen der Sandwüsten Namibias auftürmen.

Der Abhang zum Fluss ist stellenweise steil und tief sandig. „Ich möchte mal sehen, welcher von den protzigen SUV in München hier wieder raufkommt“, meint Hannes als Svenja das Buschtaxi im Kriechgang bis zum Ufer manövriert. Die Mühe lohnt sich, der Stellplatz am Fluss wird vermutlich noch lange seinen Rang in den Top 10 unserer Übernachtungsplätze behalten. Lediglich das bei der Hitze willkommene Bad verkneifen wir uns. „Ihr könnt in den Fluss gehen. Schaut vorher links und rechts, ob ihr Augen seht“, lautete Bruces gutgemeinter Rat. Ohne seine Afrikaerfahrung und Todesverachtung halten wir lieber gehörigen Abstand. Der Kunene ist Krokodil verseucht. Der ein oder andere Besucher wurde angeblich schon verspeist.

 

Übernachtung: Im Auto am Kunene Fluss (1)

9. Dezember 2016, Reisetag: 199
Espenhierra, Angola

Wir wären gerne ein paar Tage länger an dem, mittlerweile auch von uns geliebten Platz geblieben. Unser Flug geht aber bald. Bis Windhoek, dem geplanten Abstellplatz ist es noch weit, die weitere Piste laut Matt sehr schwierig. Schweren Herzens lassen wir die Vernunft siegen und machen uns nachmittags auf den Rückweg. Wir übernachten neben dem Camp in Espenhierra, den Abend erleben wir beide unterschiedlich. Svenja geht früh ins Bett, während Hannes einen feuchtfröhlichen Abend mit Bruce verbringt. Nächsten Morgen muss erstmal Svenja fahren.

 

Übernachtung: Im Auto in Espenhierra (2)

10. – 11. Dezember 2016, Reisetage: 200 – 201
Wüste Namib, Angola

Die Durchquerung der Namib von West nach Ost empfinden wir als nicht besonders schwierig. Die Pisten sind meist steinig, selten nur leicht sandig. Wir müssen nicht ein einziges Mal den Allradantrieb zuschalten. Es gibt aber gefühlt hunderte von Durchfahrten durch kleine trockene Flussbette mit sehr steilen Ufern. Dadurch ist nur eine geringe Durchschnittsgeschwindigkeit möglich. Hannes hat trotzdem den Ehrgeiz, die Strecke in zwei Tagen zu schaffen, nicht in den uns prophezeiten vier. Mit sieben Stunden Fahrt am Tag und zugegebenermaßen unbequem sportlicher Fahrweise kommen wir am späten Nachmittag des zweiten Tages an die Grenze. Unser zweiter Tank ist noch dreiviertel voll.

 

Bei der einzigen Übernachtung auf der Strecke stehen wir an einem Flussbett unter riesigen Bäumen, deren Schatten bei mittlerweile fast 40 Grad unverzichtbar ist. In der Namib regnet es so gut wie nie. Manche Jahre fällt gar kein Regen, sonst ein bisschen an ein oder zwei Tagen im Jahr. Wir haben das zweifelhafte Glück, dass es anfängt zu regnen, als wir unser Abendessen kochen. Eng aneinander gekauert essen wir im Auto und beobachten das seltene Ereignis. Auch eine Rarität ist es vermutlich, hier Besuch zu bekommen. Gerade wollen wir uns einen Nachschlag nehmen, als ein junger Ziegenhirte vom Stamm der Himba im Lendenschurz vor dem Auto steht. „Komm hierher, möchtest du was essen“, lädt Svenja ohne zu zögern den Jungen auf Englisch ein. Er versteht kein Wort, die Geste mit der entgegengehaltenen Schüssel dafür umso besser und so sitzen wir zu dritt noch enger im Auto. Mit offensichtlich großem Appetit werden unsere beiden, gerne abgegebenen Portionen verspeist. Beim anschließenden Gesprächsversuch Svenjas bewährt sich unser Reisewörterbuch ohne Worte. Mit bewundernswerter Geduld findet sie einiges über seine Familie und deren Tiere heraus.

Nächsten Morgen hat Svenja endlich ihren großen Auftritt. Zum Frühstück soll es am Feuer selbst gebackene Semmeln geben. Das Ergebnis ist desaströs. Die außen verkohlten, innen rohen Teigklumpen werden nicht einmal von den ausgehungerten Himba Ziegen gefressen. Natürlich ist Svenja um eine Schuldzuweisung nicht verlegen: „Es liegt nur daran, dass wir keinen verstellbaren Grill haben. Die Hitze ist zu groß.“

Das Frühstück besteht stattdessen aus unserem Standard, Müsli Flocken mit Joghurt, heute mangels Obststand in der Namib ausnahmsweise ohne Früchte.

„Schnell, wir brauchen die Kamera. Da hinten sind Affen“, ruft Hannes, als er einige in der Entfernung sieht. Die Eile ist gänzlich unangebracht. Minuten später sind wir von einer ganzen Bande umgeben. Aus allen Büschen und von den Bäumen über uns wird jeder unserer Handgriffe genauestens beobachtet. Als wir unser Essen nicht freiwillig teilen, werden wir mit den Schalen der Baumfrüchte beworfen.

Für uns ist die Attacke Anlass zum Aufbruch und gleichzeitig ein lustiges Verabschiedungs-Komitee aus Angola, ein Land, das uns unglaublich gut gefallen hat. Von allen Ländern auf der Route haben wir hier die lebensfrohsten Menschen getroffen und die fröhlichste Musik gehört. Trotz des längsten Bürgerkrieges und des vermutlich übelsten amtierenden Diktators Afrikas. Ein bisschen erinnert uns das Land an das von uns beiden geliebte Brasilien, nur ohne einen einzigen Pauschaltouristen.

 

Kurz vor der Grenzstation bei Ruacana zeigt uns ein Schild, was wir beide im Herzen fühlen: „Gute Reise. Komme jederzeit wieder.“ Wir würden es nur zu gerne.

Was wir aus Angola in guter Erinnerung behalten werden:

  • Ein Schakal, der zum Abendessen ins Hotel kommt
  • Die Wüste Namib
  • Campen am Kunene
  • Frühstück unter Affen Belagerung

Was uns weniger gefallen hat:

  • Die Schwierigkeiten, ein Visum zu bekommen. Nebst dessen Preis
  • Die himmelschreiende Ungerechtigkeit am Beispiel Luandas

Unsere Reiselektüre:

Reiseführer: Mike Stead u.a.: Angola (Bradt Travel Guide), 2013
Wie die meisten der Reihe, sehr ausführlich, aktuell und gut beschrieben

Kongo

Kongo (Rep. Kongo, DRC)

Der Kongo, richtiger die beiden Kongos sind eine weitere Hürde für Westafrika Fahrer. Nach Nigeria ist es die letzte auf dem Weg Richtung Süden nach Kapstadt. Neben der mehr als üblichen Polizeikorruption sind vor allem die angeblich miserablen Straßenzustände zu meistern. Besonders in der Regenzeit sind sie berüchtigt. Der Monat unserer Durchfahrt, November, ist der regenreichste des Jahres. Wir sind gespannt.

Die nur aus drei, vielleicht vierhundert Kilometer Luftlinie bestehende Distanz durch die Republik Kongo und die Demokratische Republik Kongo wollen wir so schnell wie möglich hinter uns bringen. Nicht weil die Länder nicht sehenswert wären. Es sind vielmehr der Fristablauf unseres Angola Visums und unsere Ungeduld, in den Süden zu wollen, die uns vorantreiben. Auf dem Weg dahin ist der Kongo Fluss zu überqueren, über den es hier nur eine Brücke gibt. Diese bestimmt die einfachste der drei möglichen Routen. Sie führt im Wesentlichen immer an der Küste entlang, auf sehr guten Straßen. Diese Strecke ist damit beinahe alternativlos, könnte man sagen. Für Touristen ist sie aber so gut wie nicht machbar. Der Weg führt durch Cabinda, eine kleine angolanische Enklave, inmitten der beiden Kongos. Die Küste vor diesem winzigen, nicht mal hundert Kilometer breiten Landstrich ist eine der ölreichsten Afrikas. Entsprechend einträglich, politisch umstritten und vor neugierigen ausländischen Blicken geschützt sind dort die dubiosen Aktivitäten der ausländischen Ölkonzerne.

 

Angola stellt Europäern Touristenvisa nur zur einmaligen Einreise aus, mehr zu verlangen für mindestens 150 EURO pro Visum wäre vermutlich auch zu viel. Mit dem Besuch Cabindas wäre dieses verbraucht, ein zweites Visum für das eigentliche Angola haben wir nicht und ein solches wird auch nicht parallel zur Gültigkeit des ersten erteilt. Die einfachste Route ist damit für uns keine Alternative.

 

Die zweitbeste Möglichkeit führt über unbefestigte, fast unbefahrene Pisten zu einer kleinen, angeblich problemlosen Fähre über den Kongo bei Luozi. Die Strecke soll schwierig zu fahren, aber für gute Geländewagen machbar sein. Allerdings nur in der Trockenzeit. Seit Tagen regnet es im Kongo, keine Besserung ist angekündigt, womit für uns nur die dritte Möglichkeit bleibt.

 

Diese geht auf vielbefahrenen Straßen in die Hauptstadt des ersten Kongos, Brazzaville. Dort gibt es für den gesamten Transafrika Verkehr eine einzige alte Autofähre, deren Erlebnis als eines des interessantesten ganz Afrikas beschrieben wird. Unzählige Horrorgeschichten füllen die Internet Reiseforen. Aus ihrem Rollstuhl geworfene Fahrgäste, tausende Euro Schmiergeldforderungen, Haftandrohung gegen Touristen wegen angeblicher Quarantäneverstöße und ähnliches schrecken uns nicht besonders. Wir ordnen solche Berichte, wie alle anderen, bisher von uns auch nicht gesehenen, in die Kategorie erfunden oder zumindest maßlos übertrieben ein. Was vor allem Hannes allerdings mehr beunruhigt, sind die Bilder der in der Regenzeit zur Autoverladung eingesetzten Kräne. Sie erinnern ihn an Zeichnungen des ägyptischen Pyramidenbaus. Entsprechend häufig fällt angeblich das ein oder andere Auto vom Kran, wenige kommen unbeschadet in Kinshasa an, der Hauptstadt des anderen Kongos.

8. November Reisetag:  168
Dolisie, Rep. Kongo

Der Wechsel der Landschaft und der Vegetation durch die verschiedenen Klimazonen ist einer der beeindruckendsten Aspekte unserer Reise. Das uns bekannte gemäßigte Klima weicht nach den Gebirgen Marokkos der trockenen Savanne und diese der Wüste Sahara. Der Übergang geht dabei sehr schnell, nach nur wenigen Stunden Autofahrt Richtung Süden verändert sich das Landschaftsbild drastisch. Die immer karger werdende Vegetation beeinflusst auch maßgeblich das Leben der Menschen und deren Kultur. In Mauretanien sahen wir Frauen, die zwei Stück Tomaten und eine Handvoll Zwiebeln an ihren Marktständen verkauften. Zwei Stunden weiter südlich, am Senegal Fluss, trafen wir auf den ersten Mangobaum, die Märkte quollen über vor Gemüse und allerlei exotischen Früchten. Je weiter wir uns dem Äquator näherten, desto üppiger wurde die Vegetation. Ab Guinea-Bissau erlebten wir den Regenwald, der uns in Äquatornähe in Gabun am meisten beeindruckte.

 

Als wir die Grenze in den Kongo überqueren, fällt uns wieder die rasche Veränderung der Landschaft auf. Das satte, unendlich vielfältige Grün des Regenwaldes weicht mit jedem Kilometer nach Süden mehr und mehr den kargen Büschen und knorrigen Baobab Bäumen der Savanne. Gut tausend Kilometer weiter südlich liegen die ersten Sanddünen der Wüste Namib.

Mit der Grenze des Kongos verschwinden auch die meisten Fortschritte westlicher Vorstellung. Die wenigen Dörfer an der viel besser als befürchteten Sandpiste bestehen aus einigen einfachen Hütten. Anstelle eingerichteter Geschäfte gibt es hölzerne Verkaufstische, statt an Tankstellen wird das Gemisch für die wenigen uns entgegenkommenden, billigen chinesischen Motorräder in Flaschen am Straßenrand verkauft. Die Einheimischen sind überaus freundlich, alle Kinder winken uns zu, Touristen gibt es keine.

 

Landschaft wie Bevölkerung gefallen uns sehr gut. Hier dürfen wir es nochmal erleben, das ursprüngliche, einfache Leben Afrikas. Sicher ist es für die Einheimischen alles andere als einfach. Materieller Wohlstand, gute medizinische Versorgung, staatliche Sozialvorsorge und dergleichen sind die Dinge, die wir in unseren Gesellschaften mit einem glücklichen Leben gleichsetzen. Wir können das andere Leben hier nicht beurteilen, wir sind nur Besucher für jeweils ein paar Tage oder Stunden. Auffallend ist allerdings, dass die Menschen uns umso fröhlicher und gastfreundlicher entgegentraten, je weniger die von uns bereisten Regionen mit westlichen Gesellschaften in Kontakt waren. Wirklich bittere Armut und offensichtliches Leid haben wir nur dort gesehen, wo sich die Verheißungen unserer Gesellschaft für die Einheimischen nicht erfüllten, vor allem in den Armenvierteln der Städte.

 

Wir finden es schade, nur ein paar Tage für den Kongo zu haben. Die Berichte anderer Reisender vor uns waren durchwegs positiv. Unser Freund Wolfgang, der als Vorstand eines deutschen Industrieunternehmens den afrikanischen Markt betreute, hat uns die Gegend des Kongo Flusses bis zu dessen Staudämmen als eine der spektakulärsten des Kontinents empfohlen. Ein Grund mehr für uns, das Land noch einmal zu besuchen.

 

Dieses Mal müssen wir aber Gas geben. Trotz heftiger Regenfälle in den letzten Tagen kommen wir schon am ersten Tag deutlich weiter als geplant, fast 300 km über die schlammigen Pisten bis in die erste größere Stadt Dolisie. Todmüde fallen wir abends in das Hotelbett, erleichtert über unser gutes Durchkommen. Wir hatten auch Glück, von allen unseren Tagen im Kongo war dieser der einzige ohne starkem Regen.

 

Übernachtung: Grand Hotel (2)

9. November 2016, Reisetag: 169
Point-Noire, Rep. Kongo

Hannes schläft, wie in den Nächten zuvor spät und überlegt lange zwischen den drei Routen hin und her. Morgens beim Frühstück sagt er zu Svenja: „Ich habe bei dieser Fähre über den Kongo einfach kein gutes Gefühl. Auch wenn die Horror Geschichten sicher übertrieben sind, sollten wir uns lieber zu der kleineren Fähre durchschlagen. Gestern waren die Pisten auch besser als gedacht.“ „Das stimmt, aber die Strecke soll jetzt wirklich unmöglich zu fahren sein. Dann lass es uns lieber an der Küste versuchen“, entgegnet ihm Svenja. „Und nötigenfalls werden wir schon irgendeine Lösung an der Grenze finden, bis jetzt hat es auch jedes Mal funktioniert“, stimmt ihr Hannes zu. Somit entscheiden wir uns in letzter Minute, nach Cabinda zu fahren, in der Hoffnung unterwegs doch ein weiteres Angola Visum zu bekommen. Nötigenfalls wollen wir an der Grenze versuchen, ein Transitvisum zu „kaufen“, kostspieliger als die Hauptstadtfähre wird es schon nicht werden.

 

Hier In Dolisie hatte vor einem halben Jahr ein schweizerisches Paar als einzige von vielen Overlandern ein Transitvisum für Cabinda bekommen. Das wollen wir natürlich auch versuchen und erscheinen, der Wichtigkeit unseres Anliegens entsprechend herausgeputzt, Hannes im Anzug, in der Niederlassung Angolas. Unsere Hoffnung setzen wir auf die vermutlich schlechte elektronische Vernetzung des angolanischen Grenzschutzes und unsere deutschen Zweitpässe. Die Existenz des Touristenvisums im ersten Pass vergessen wir geflissentlich anzugeben, es wird im Antragsformular auch nur sehr klein gedruckt danach gefragt.

 

Hannes freut sich im Gespräch über seine verbliebenen Portugiesisch Kenntnisse. Der Landesvertreter behandelt uns daraufhin herausragend höflich und zeigt uns stolz das gerade vor einem Monat eingeführte vernetzte Visasystem, was uns etwas ins Schwitzen bringt. „Damit können sie sicher sehen, dass wir schon ein Visum haben“, meint Hannes. „Das wäre das erste Mal, dass sowas hier funktioniert“, erwidert Svenja, sichtlich gelassener. Wie meistens hat sie damit Recht. „Das Netzwerk ist noch nicht online“, erklärt uns der Botschafter. Und leider habe er auch keine Visa Etiketten für den Drucker und könne uns deswegen keine Transiterlaubnis geben. Das sei aber kein Problem, in Point-Noire, der letzten Stadt vor der Grenze, bekämen wir es sicher. Auf unsere Bitte hin ruft er sogar dort an. „Kein Problem, ihr könnt es am gleichen Tag noch mitnehmen“, verspricht er uns nach dem Telefonat.

 

Auf makelloser, kurvenreicher Teerstraße erreichen wir trotz vieler unüberholbarer Holztransporter nach drei Stunden Point-Noire. Nach dreckigen, sehr einfachen Vororten eröffnet sich an der Küste eine andere Welt. Die Ölindustrie ließ dort die Geschäfts- und Wohnviertel der vermögenden Ausländer entstehen. Diese beinahe surreal anmutende Inselgesellschaft gefällt uns wenig, wir machen aus dem ungewollten Aufenthalt aber das Beste und genießen etwas vom hier Gebotenen, vor allem in der ersten leckeren französischen Bäckerei seit langem.

 

Übernachtung: Palm Beach Hotel (1)

10. – 13. November 2016, Reisetag: 170-173
Point-Noire, Rep. Kongo

Wir wollen vom Luxus der westlichen Zivilisation auch dem Buschtaxi etwas zukommen lassen. Noch vor Öffnung der Botschaft Angolas sind wir beim Schnellservice des riesigen Toyota Autohauses. Wie sich später herausstellt, nicht umsonst. Weder was den Servicebedarf noch den Preis angeht. Das Auto bekommt eine völlig verschlissene hintere Bremsbacke samt neuer Bremsscheibe ersetzt. Bei erst 25.000 km eigentlich zu früh und für Afrika zu teuer, auf dem Preisniveau einer Münchener BMW Werksvertretung. Wir sind trotzdem froh, es erledigt zu haben.

 

Das Botschaftsergebnis fällt dann, wie von uns schon befürchtet, schlechter als versprochen aus. Trotz Kommunikation im passablen Portugiesisch wird uns ruppig erklärt, wegen des morgigen Angolanischen Nationalfeiertags dauere ein Transitvisum mindestens vier Tage. Wir sind froh, es überhaupt zu bekommen und erledigen gerne alles Verlangte. Darunter ein portugiesisches Antragsformular und ein Computer geschriebenes Begründungsschreiben, bei dessen Erstellung uns geholfen wird. Ganz knapp vor Geschäftsschluss erreichen wir mit dem Taxi die einzige empfangsbefugte Bank, zahlen 77.000 Kwanza (eigentlich 400 EURO, zum Schwarzmarktkurs „nur“ 70 EURO) pro Person auf das Botschaftskonto ein, bringen den Beleg nebst zwei Kopien zur Botschaft und werden mit der Zusage, das Visum montags abholen zu können, in das Wochenende entlassen.

 

Point-Noire hat neben dem wenig ansprechenden Stadtbild auch keinerlei Sehenswürdigkeiten. Ein Grund mehr für uns, das verlängerte Wochenende weitgehend faul und bestens versorgt im Hotel zu verbringen. Unterbrochen wird die Faulenzerei nur von Svenjas Besuch in einer, selbst im Münchener Vergleich bemerkenswert noblen Zahnpraxis. Als uns der Taxifahrer auf der Rückfahrt nicht wechseln kann, nehmen wir statt Geld die von ihm angebotene selbst gebrannte CD aus seinem Radio. Über die gute kongolesische Musik freuen wir uns und unsere unerwartete Reisebegleitung in den nächsten Tagen sehr.

 

Übernachtung: Palm Beach Hotel (1)

14. November 2016, Reisetag: 174
Cabinda, Angola

Im zweiten Anlauf des Tages sind wir nachmittags doch noch stolze Besitzer gleich zweier angolanischer Visa, vermutlich eine Seltenheit. Ein 5 Tage Transit- und ein 30 Tage Touristenvisum. Unsere große Erleichterung vor allem darüber, dass uns die Kongofähre erspart bleibt, wird nur leicht getrübt, als wir die Botschaft verlassen. Das direkt vor dem Wachmann geparkte Buschtaxi wurde aufgebrochen. Glücklicherweise ohne Beschädigung an der Tür und ohne großen Diebstahl. Lediglich unser Tablet zur Navigation wurde gestohlen. Hannes ist nicht besonders traurig darüber, wir hatten es als Ersatz für das in München vergessene gekauft, ein billiges, schlechtes Gerät. Auf der weiteren Fahrt navigieren wir mit dem Handy und unsere bisher aufgezeichneten Routen haben wir laufend im Netz gesichert.

Nach Cabinda kommen wir dank guter Straße und schneller, unproblematischer Grenzen noch am gleichen Tag und wollen eigentlich noch bis zur gleichnamigen Stadt in der Enklave fahren. An der einzigen Polizeisperre werden wir lange aufgehalten, als alle unsere Daten mehrfach aufgeschrieben werden. „Könnten wir vielleicht weiter, wir haben Angst davor, im Dunkeln zu fahren“, frägt Hannes den Polizisten, ein wenig übertrieben. Dieser lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, hält aber nach getaner Zettelwirtschaft ein Taxi auf und weist den Fahrer an, vor uns her zu fahren und den Weg zu zeigen. „Der fährt wie ein Gestörter“, sagt Svenja zutreffend, als wir mit Buschtaxi Vollgas dem Taxi durch die Orte zu folgen versuchen.

 

Rechter Hand sehen wir auf der Strecke die kilometerlangen, von Flutlicht beschienenen, mit meterhohen Mauern und NATO Stacheldraht gesicherten Wohncamps der Ölkonzerne an uns vorbeiziehen. Angeblich befinden sich hinter den Mauern Minenfelder, die zusätzlich vor ungebetenem Besuch schützen. Den Mitarbeitern ist es verboten, die Camps auf dem Land zu verlassen. Nur per Hubschrauber darf in die Stadt Cabinda und von dort weitergeflogen werden. Aus der winzigen Enklave Cabinda kommt ein Großteil des Erdöls Angolas. Allein von dort sind es 900.000 Barrel zum Marktwert von 45 Millionen US Dollar am Tag. Cabinda ist dabei die ärmste Provinz Angolas, von den Pertrodollars kommt hier so gut wie nichts an.

 

Dank dem voraus rasenden Taxi Fahrer kommen wir für uns ungewohnt schnell nach Cabinda Stadt, vorbei an von niemandem befolgten Temposchildern und einigen tiefen, im Dunkeln kaum zu sehenden Schlaglöchern.

 

Übernachtung: Hotel Por do Sol (3)

15. November 2016, Reisetag: 175
Boma, Dem. Rep. Kongo

An beiden Teilen der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo, Overlander sprechen von Dr. (Doktor) Kongo, erleben wir nichts Problematisches. Das Grenzprozedere gibt einen guten Eindruck von den jeweiligen, vermutlich typischen Eigenheiten der Länder.  Auf der einen Seite ist die Arbeitsweise angolanisch bürokratisch, bestens ausgerüstet, aber völlig ineffizient. Einen Grenzbaum weiter ist sie kongolesisch unorganisiert, schlecht ausgerüstet, aber bestens improvisierend. Beide Seiten strafen zumindest heute so manchen Reisebericht Lügen. Jeder Beamte ist ausgesprochen freundlich, die meisten sehr neugierig und interessiert an unserer Reise und keiner will ein Geschenk. Wir fühlen uns wohl und sind für Afrika schnell, nach nur drei Stunden im Dr. Kongo.

 

Die gewonnene Zeit nutzen wir für einen ungeplanten Abstecher nach Banana, einem kleinen Ort direkt an der Mündung des Kongo Flusses. Diesen, mit vielen Geschichten verbundenen und wie nichts Anderes für Zentralafrika stehenden Strom wollen wir gerne zumindest einmal aus der Nähe sehen. Zu gerne hätten wir mehr Zeit für das Land und seinen Fluss mitgebracht. „Mein Gott, das müssen wir unbedingt machen“, meinte Svenja, als Hannes ihr vor ein paar Tagen vom Bericht einer 22 tägigen Bootsfahrt auf dem Kongo von Kisangani nach Kinshasa erzählte. Darin stimmt ihr Hannes gerne zu. Seitdem haben wir einen weiteren Punkt auf unserer, leider wahrscheinlich nie ganz zu bewältigten Reisewunschliste. Als Reisetraumliste haben wir sie trotzdem gerne im Herzen und im Computer.

 

An den äußersten Punkt der Landzunge zu kommen, ist schwieriger, als erwartet. Banana ist kein normales Dorf, sondern militärisches Sperrgebiet. Hier ist der einzige Marinestützpunkt des riesigen Landes mit dem winzigen Küstenanteil. Die Wachen und die Stützpunktverwaltung lassen sich überreden, für ein kleines Eintrittsgeld dürfen wir bis zum letzten Sandflecken des Kongoufers fahren. Es wäre ein traumhafter Campingplatz, wofür uns aber keine Genehmigung erteilt wird.

Die Flussmündung selbst ist nicht spektakulär, beeindruckend hingegen ist die Größe des Flusses. Der Blick auf das gut zehn Kilometer gegenüberliegende Ufer des Hauptarms lässt eher an einen See denken. Jetzt in der Regenzeit transportiert der wasserreichste Fluss Afrikas 75.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Eine Zahl, die alleine wenig beeindruckt ohne einen Vergleich. Wenn wir richtig gerechnet haben, füllt er damit den Tegernsee in eineinhalb Stunden. Der Amazonas schafft das übrigens in einer halben.

Schon nach ein paar Kilometern auf dem weiteren Weg Richtung Matadi werden wir an einer Straßenkontrolle angehalten. Der angeblich unangenehmen kongolesischen Polizei sehen wir nach unseren Erfahrungen in Nigeria mittlerweile recht gelassen entgegen. Nachdem wir die beiden ersten Polizisten abgefertigt haben, kommt ein offensichtlich ranghoher Militär in Tarnuniform an das Auto. Zu unserer Überraschung will er uns nicht kontrollieren, sondern frägt uns: „Könnt ihr mich nach Kinshasa mitnehmen?“. Hannes will ihm schon absagen, dann fällt ihm ein, wie hilfreich er bei all den bevorstehenden Kontrollen sein könnte. „Wir fahren nicht bis Kinshasa, aber bis Matadi. Das liegt auf der Strecke. Wenn Du magst, kannst Du gerne mitfahren“, antwortet er dem Militär. Svenja ist wenig begeistert von dem Angebot, bedeutet es doch, dass sie ihren Beifahrersitz unserem neuen Begleiter räumen muss. Im Buschtaxi gibt es hinten keinen Sitzplatz. Am Boden kauernd oder auf den Einbauten gebückt sitzend, ist es gleichermaßen unbequem, auf den schlechten Pisten im Kongo ganz besonders.

 

Ihr Opfer zahlt sich aus. Ein ranghoher schwarzer Offizier mit einem weißen Chauffeur macht auf alle weiteren Kontrollen offensichtlich großen Eindruck. Wir können uns das Lachen nur schwer verkneifen, als alle Beamten vor uns strammstehen, salutieren und uns durchwinken.

Trotz der schlechten Straßen kommen wir damit zügig bis nach Boma, wo wir auf dem Gelände der katholischen Mission campen.

 

Übernachtung: Camping katholische Mission, Boma (3)

16. November 2016, Reisetag: 176
Noqui, Angola

Unser Schlaf ist ungeplant kurz. Sechs Uhr morgens erklärt der Parkplatzwächter einigen Freunden direkt neben dem Buschtaxi lautstark unsere Reise. Weiterschlafen ist danach nicht mehr möglich, in der Kirche wird schon eifrig für die Morgenmesse geprobt. Zum Frühstück laden wir den Armee Offizier ein. Wir gehen, wie bei uns üblich, in eine einheimische Bude am Straßenrand.

 

Er ist sichtlich überrascht von dieser Wahl, setzt sich anfangs nur zögerlich zu uns auf die einzige Sitzbank neben der Köchin, die heißen Nescafé mit Milch und besonders viel Zucker für uns kocht. Sein leichtes Unbehagen wegen der nicht seinem Rang entsprechenden Örtlichkeit verschwindet ebenso schnell, wie die Scheu der umherstehenden Kinder wegen der respekteinflößenden Uniform. Bald sitzen zwei jüngere auf seinem Schoß und hängen ihm an den Lippen, als er lange und, dem Klang seiner Sätze nach zu urteilen, sehr ausführlich von unserer Reise erzählt. Das allgegenwärtige afrikanische Frühstücks Omelett, mit Zwiebeln und viel Fett in einer riesigen gusseisernen Pfanne gebraten und kochend heiß auf die Hand im Baguette serviert schmeckt herrlich. Von der Erzählung des Offiziers in der einheimischen Sprache verstehen wir nichts, aber wir verstehen, dass unser Frühstück einen winzigen Beitrag geleistet hat zum Abbau von Vorurteilen.

 

Die Straße bis Matadi wird zunehmend besser, die Schlaglöcher weniger, dafür der Regen immer mehr. Die Güsse nehmen uns zeitweilig die ganze Sicht, wir warten eine viertel Stunde am Straßenrand, von den Hügeln spülen Sturzbäche Teile der Straße weg.

Kurz vor der Stadt nimmt uns der Regen noch ein erhofftes schönes Fotomotiv. Die Aussicht von der mit japanischer Entwicklungshilfe gebauten einzigen Straßenbrücke über den Kongo beschränkt sich heute auf die paar Meter bis zum Brückengeländer. Den darunter fließenden legendären Fluss aus dem Herzen Afrikas können wir nur erahnen.

 

In Matadi trennen wir uns nur ungern von unserem Reisebegleiter der letzten beiden Tage. Zu gern hätten wir ihn mit an die Grenze genommen und von ihm auch die Beamten dort beeindrucken lassen. Neben seiner großen Hilfe mit der Polizei, haben wir seine Gesellschaft und die langen Gespräche über die Situation im Kongo sehr genossen. Hannes etwas mehr als Svenja, die von der stundenlangen Geländefahrt hinten im Buschtaxi voll blauer Flecken ist.

 

Die Grenze zu Angola ist für uns besonders. Sie ist die letzte Hürde auf unserem Weg zum Kap der Guten Hoffnung. Die danach noch kommenden zwei Grenzen sind im Vergleich zum Bisherigen beinahe wie der Schengen Raum. Namibia und Südafrika sind für uns nicht Visa pflichtig, zwischen diesen beiden Ländern und Angola gibt es sogar ein wenig Überlandverkehr.

 

Einige Reisende berichten im Internet von hartnäckiger Korruption bei der Ausreise, hier an der kleinen Grenzstation in Matadi zwar weniger als am Hauptübergang, aber immer noch lästig genug. Wir haben entgegen der Beschreibungen weder bei Aus- noch Einreise irgendein Problem. Vielleicht liegt es an unserer immer ausgeprägteren Gelassenheit. Nach mittlerweile 18 afrikanischen Landesgrenzen, mit zwei auf jeder Seite, also 36 Grenzkontrollen auf unserer Reise stellt sich ein wenig Routine ein. Hannes ist sehr froh, dass Svenja seit Mali alle Formalitäten alleine übernimmt. Ihre gespielte Dummheit und sprachliches Unverständnis gegenüber Geldforderungen aller Art, gepaart mit weiblichem Charme sind unschlagbar.

 

Auch die, hier besonders ausgeprägte, langwierige Umständlichkeit im kongolesischen Ausreiseprozedere nehmen wir jetzt afrikanisch stressfrei. „Wo bekommen wir hier etwas Warmes zu essen?“, frägt Svenja den Grenzbeamten, nachdem er ihr erklärt, dass man erstmal den einzigen Generator reparieren müsse, um den Kopierer für die unerlässliche Kopie des Visums in Betrieb zu nehmen. „Wir gehen jetzt dort drüben in die Straßenbude zum Mittagessen. Bitte bringt uns dann die Pässe, wenn alles erledigt ist“, meint sie zu dem etwas überraschten Beamten. Nicht lange nach der Mahlzeit aus Reis mit Bohnen, die im Kongo besonders gut sind, bekommen wir die gestempelten Pässe tatsächlich geliefert.

 

Auch auf der angolanischen Seite geht es nicht schneller, aber stets freundlich. Hier steht die Bearbeitungseffizienz im Missverhältnis zur aufgebotenen Infrastruktur. Der kleine Grenzübergang hat modernste Technik, mehrere eiskalt klimatisierte Gebäude und viele akkurat uniformierte Beamte. Einer davon bearbeitet unser Anliegen über zwei Stunden. In dem Gebäude gibt es einen Wartebereich für sicher fünfzig Personen. Eine bemerkenswerte Einrichtung, wir sind ausweislich des, trotz der vielen Computer, handschriftlich geführten Registers, die ersten Einreisenden seit einer Woche.

 

Bei der Weiterfahrt sind wir hundemüde, aber glücklich mit einem noch ungläubigen, freudigen Gefühl der Erleichterung. Wir sind in Angola, im Land mit den touristenfeindlichsten Visaverfahren auf unserer Reise. Unser Visum gilt sogar für 30 Tage, eine Seltenheit. Wir wollen die Zeit für das angeblich besonders schöne, vom fast dreißigjährigen Bürgerkrieg sich erholende Land, nutzen. Hier soll es lebensfrohe, freundliche Menschen, gutes Essen, traumhafte Strände, grandiose Berglandschaften und die angeblich teuerste Hauptstadt der Welt geben. Wir freuen uns.

 

Was wir aus den beiden Kongos in guter Erinnerung behalten werden:

  • Freundliche, lachende Menschen
  • Die besten Bohnen Westafrikas
  • Tropischer Platzregen, der seinen Namen verdient

Was uns weniger gefallen hat:

  • Von Minenfeldern geschützte Siedlungen der Ölindustrie
  • Ein Wachdienst, der einem Diebstahl zusieht
  • Die Ausländerviertel in Point-Noire

Unsere Reiselektüre:

Tim Butcher: Blood River, Frederking & Thaler, 2008.

Spannender, gut geschriebener Bericht der Kongo Reise eines Journalisten auf den Spuren Stanleys.

    Gabun

    [:de]

    Gabun

    1. November 2016, Reisetag: 161
    Mitzic, Gabun

    Gabun macht schon auf den ersten Kilometern einen guten Eindruck. Nach dem Stempeln unserer Pässe in Bitam, führt uns die makellose Asphaltstraße durch einen immer dichter erscheinenden Regenwald. Offensichtlich hat man hier weit weniger Abholzung betrieben, als in den Ländern zuvor. Angeblich sind noch über 80% der Landesfläche mit ursprünglichem Wald bedeckt.

    „Kannst Du bitte mal halten zum Fotografieren an der nächsten Ratte“, frägt Svenja. Damit ist einer der vielen Stöcke gemeint, die am Straßenrand aufgestellt sind. An ihnen hängt so mancher, unserem Geschmack wenig entsprechende Tierkörper zum Verkauf. Darunter Affen, Gürteltiere und Ratten, die allerdings keine richtigen sind. Die sehr ähnlichen Tiere werden hier „Grass Cutter“ genannt, ihr Fleisch soll ausgezeichnet und entsprechend teuer sein. Wir finden es lieber nicht heraus. Hannes weigert sich,  an einem der Verkaufsstände  auch nur zu halten, einen Fotobeleg für die lokalen Delikatessen können wir deswegen leider nicht liefern. Viel mehr Freude macht ihm die Mangozeit, die frisch vom Baum gepflückten Früchte werden überall am Straßenrand angeboten.

    Die wenigen Menschen, denen wir in dem gering besiedelten Land begegnen, sind ausgesprochen freundlich. Touristen kommen scheinbar fast keine, sind aber gerne gesehen. Gabuns Präsident Ali-Ben Bongo, der als Gegenleistung für die Finanzierung des Bahnnetzes durch Abu Dhabi zum Islam konvertierte, will Gabun bis 2025 zu einer entwickelten Nation ausbauen mit besonderem Augenmerk auf den Ökotourismus. Dafür ist noch viel zu tun, wir finden so gut wie keine touristische Infrastruktur vor. Die angeblich sehenswerte Küste ist auf dem Landweg nicht zu erreichen. Wir müssten dorthin fliegen und anschließend ein Boot chartern. An dem Straßenanschluss ist die Regierung wegen der dort betriebenen obskuren Ölgeschäfte scheinbar nicht besonders interessiert.

     

    Unser Besuch beschränkt sich deswegen auf Lopé, einem der schönsten Nationalparks des Landes und Lambaréné, der zentralen Wirkstätte Albert Schweitzers.

     

    Übernachtung: Mitzic Hotel am Ortsende rechts (4)

    2. November 2016, Reisetag: 162
    Lopé, Gabun

    Die schöne Fahrt durch die abwechslungsreiche, dichte Vegetation lenkt uns ab, wir versäumen einen wichtigen Meilenstein unserer Reise. Es gibt hier aber auch kein stolzes Hinweisschild, wie anderswo. Kurz vor Lopé überqueren wir den Äquator. Wir sind, was wir erst ein paar Tage später nicht ohne ein bisschen Stolz feststellen, auf der Südhalbkugel der Erde.

    Nach drei weiteren Stunden auf gut fahrbarer Sandpiste erreichen wir den Parkeingang. Dort ist das seiner Größe nach offensichtlich zu ehrgeizig geplante Hotel, wie vermutlich meistens, geschlossen. Der hilfsbereite Park Ranger läßt uns auf seinem Grundstück campen. Der Platz bietet einen tollen Ausblick auf die riesigen Grasflächen Lopés, in denen wir morgen auf Tiersuche gehen wollen.

     

    Übernachtung: Campen auf dem Grundstück des Parkrangers (2)

    3. November 2016, Reisetag: 163
    Lopé, Gabun

    Früh morgens nimmt uns der Ranger mit seinem Auto, natürlich ein Buschtaxi, auf eine Tour durch den Nationalpark. Lopé ist besonders. Der üppige Regenwald macht hier stellenweise der Savanne Platz, eine Folge der letzten Eiszeit. Jetzt in der Regenzeit steht das Gras hoch im satten Grün, ein ideales Elefantenfutter. Entsprechend groß sollen die Chancen sein, die scheuen Waldelefanten beim Grasen in der Savanne zu sehen.

     

    Nach zwei oder drei Stunden Fahrt ist unsere Tierausbeute denkbar mager, der Ranger schlägt schon den Rückweg ein. Zumindest eine Gottesanbeterin lässt sich bereitwillig fotografieren.

    Die Mittagssonne ist direkt am Äquator unglaublich stark. Sehr zu unserer Freude nutzen einige Büffel ein Wasserloch für ihr Schlammbad. Trotz ihrer Größe sind sie scheu und laufen weg, sobald wir sie aus der Nähe fotografieren wollen.

    Und dann bleibt uns das Jagdglück auch dieses Mal hold. Am Waldrand, in ein paar Hundert Metern Entfernung steht er, unser erster Elefant. Oder vielmehr sie, eine Elefantenkuh mit ihrem Jungen. „Wenn ihr erstmal in Südafrika seid, werdet ihr jede Menge Elefanten sehen, es ist direkt langweilig“, hatten uns viele auf der Reise gesagt. Für uns ist es trotzdem etwas ganz Besonderes. So viele Tiere haben wir schon auf unserer Fahrt gesehen, Wildschweine, Schimpansen, Paviane, Waldantilopen und vieles mehr. Aber nichts macht es uns so klar, wir sind mit dem Auto in Afrika angekommen. Kein Tier steht wie der Elefant für diesen Kontinent.

    Der Ranger ist sichtlich angetan von unserer Freude und unserer Beharrlichkeit, die Tiere so lange wie möglich zu beobachten. Ausnahmsweise fährt er nach mehrfachem Bitten zu der Forschungsstation im Nationalpark, sie ist für Besucher normalerweise nicht zugänglich. David, der wissenschaftliche Leiter der Einrichtung, freut sich trotzdem über unseren Besuch und zeigt uns gerne das sehr gemütlich aussehende, schöne Camp. In Lopé wird schon seit langem das Verhalten verschiedener Affen untersucht. Von hier stammt ein Großteil des Wissens über die Lebensweise der Gorillas. Das aktuelle Forschungsprojekt untersucht den bisher nicht zu erklärenden Gewichtsunterschied zwischen männlichen und weiblichen Affen. Viele Tiere werden dazu mit GPS Sendern ausgestattet, um ihre Futtersuche zu überwachen. „Wie fängt man denn so einen Affen, wir finden sie ja nicht mal zum Fotografieren“, frägt Hannes den Wissenschaftler.  „Das ist sehr schwierig. Mit dem Blasrohr, wie in den Filmen, funktioniert es so gut wie nie. Meist verwenden wir Netze. Und die Schimpansen lassen sich gar keinen GPS Sender umhängen, sie sind viel zu schlau und machen ihn mit Werkzeugen wieder auf. Die Arbeit hier ist auch nicht ungefährlich“, erzählt uns David. Vor ein paar Tagen wurden einige seiner Studenten von einer Gruppe Gorillas angegriffen, es verlief glücklicherweise glimpflich.

    „Gibt es hier auch Schlangen“, will Svenja wissen, eine Frage die sie scheinbar immer beschäftigt. „Ja, wir haben eine Python“, antwortet David. Wann er sie denn gesehen hat, frägt ihn Svenja weiter. „Das letzte Mal vor zwei oder drei Tagen, aber sie ist hier irgendwo“, antwortet er und sieht dabei unter dem Sofa nach, auf dem wir sitzen. Erst jetzt wird Svenja klar, dass die Riesenschlange ein Haustier der Station ist. Svenja ist von David nur schwer von deren Ungefährlichkeit zu überzeugen. „Sie ist noch jung, erst 1,50 Meter lang. Beißen können sie erst richtig, wenn sie über zwei Meter sind. Dann muss ich sie im Wald aussetzen. Seit sie bei uns ist, haben wir keine Ratten mehr“, erklärt er uns. Es wird langsam klar, was es bedeutet, dauernd im Busch zu leben. „Elefanten haben wir oft hier. Immer wieder zerstören sie Teile des Camps. Einer hat vor ein paar Wochen die Windschutzscheibe unseres Toyotas eingedrückt. Manchmal sind sie Stunden hier im Camp und ich muss warten, bis sie weg sind, um in meinen Bungalow zu kommen. Gestern lag eine grüne Mamba auf der Terrasse, das ist nicht gut. Wenn sie nochmal kommt, werden wir sie töten müssen“, erzählt er uns weiter. Wir verabschieden uns sehr herzlich von David, nicht ohne ihm unseren Respekt für seine Arbeit zu zollen.

     

    Übernachtung: Campen auf dem Grundstück des Parkrangers (2)

    4. November 2016, Reisetag: 164
    Lopé Nationalpark, Gabun

    „Da draußen ist irgendwas. Mich haben zwei Augen angeleuchtet“, sagt Svenja zu Hannes, als sie in der zweiten Campingnacht wieder in das Auto kommt. „Unsinn, da ist nichts. Die Tiere kommen nicht so nah an die Häuser heran“, antwortet ihr Hannes wenig begeistert von der nächtlichen Störung. Wie recht sie hatte, sieht er am nächsten Morgen, als ihn ein lautes Schnauben schon vor Sonnenaufgang aufweckt. Den Anblick aus unserem Dachbett können wir nicht glauben. Um das Auto steht eine ganze Herde Büffel. Die angeblich so scheuen Tiere grasen sichtlich gelassen auf dem Grundstück des Rangers.