Kamerun

Kamerun

17.-18. Oktober 2016, Reisetag: 146-147
Mamfe, Kamerun

Die ersten gut hundert Kilometer nach der Grenze Nigerias galten bis vor zwei Jahren als der anspruchsvollste Streckenabschnitt der gesamten Westroute. In der Regenzeit haben es nur ein paar Off-road Verrückte versucht, die dann mit tagelangem Graben beschäftigt waren. Dank chinesischer Straßenbauarbeiten bleibt uns das erspart. Wir fühlen uns wie auf der besten schweizerischen Alpenstraße. Auf der ganzen Strecke bis zur ersten Stadt Mamfe herrscht kaum Verkehr, die Vegetation steht dank des vielen Regens im herrlichsten Grün. Die wenigen Dörfer am Straßenrand wirken aufgeräumt und sauber, sogar die Vorgärten sind bepflanzt.

An der einzigen Polizei Station auf der Strecke werden wie üblich alle Daten genauestens und mit unvorstellbarer Langsamkeit in ein riesiges Journal eingetragen. Svenja ist stolz auf ihre in den letzten Wochen aufgefrischten Französisch Kenntnisse: „Avez-vous une toilette ici?“ Die Antwort verblüfft sie gleich zweifach: „No toilet in Arica, use the bush!“ Kamerun ist zweisprachig. Hier im Westen wird Englisch gesprochen.

In Mamfe campen wir im Garten eines Hotels, wie öfters in Afrika ist uns das Buschtaxi deutlich lieber als das wenig einladende Hotelbett. Der Platz liegt herrlich am Hochufer des Cross River. Der Fluss bildet die Grenze zwischen Nigeria und Kamerun. Im gleichnamigen Nationalpark, über den wir aus unserem Dachbett morgens einen wunderschönen Blick haben, leben die wenige Exemplare einer besonderen Gorilla Art, die nur in diesem Gebiet vorkommt. Wir wollen die Tiere eigentlich sehen. Das Grenzgebiet des Parks gilt aber als nicht sicher und Gorillas bekommt man später in Gabun angeblich viel leichter zu sehen.

Unsere neue Hängematte kommt hier erstmals zum Einsatz, abends gibt es Pasta mit frischer Okra, wir bleiben hier gerne zwei Nächte und merken erst langsam, wieviel Anspannung nach der Nigeria Durchfahrt von uns abfällt.

Anstelle des Nationalpark Besuchs wandern wir zu einer deutschen Hängebrücke aus der Kolonialzeit. Die fast völlig vom Dschungel überwucherte Konstruktion hat dank deutscher Qualität die ganze Zeit über gehalten. Noch heute wird sie von Bauern benutzt. Wir trauen uns nur kurz für ein paar Fotos auf die wackeligen, morschen Bretter.

Die Regenzeit hat ihren Namen hier wirklich verdient. Jede Nacht regnet es wie aus Kübeln, unser Standort wird immer matschiger. Mitten in der Nacht weckt Hannes Svenja auf: „Es tut mir leid, aber wir müssen das Auto um parken.“ Svenja ist schlaftrunken und wenig begeistert von dem Vorschlag: „Wir stehen doch super, lass mich schlafen.“ Hannes besteht aber darauf, in seiner Vorstellung rutscht der gesamte aufgeweichte Hang durch unser direkt am Abgrund geparkten drei Tonnen Gewicht ab. Wahrscheinlich war es übervorsichtig von uns, der Gedanke an einen Absturz ließ uns aber keinen ruhigen Schlaf.

Übernachtung: Camping am Cross River Hotel (2)

19.-20. Oktober 2016, Reisetag: 148-149
Bamenda, Kamerun

Wie aufgeweicht der Boden ist, merken wir nächsten Tags bei der Abfahrt. Der steile Rasenhang zur Straße wäre eigentlich kein Problem für das Auto. Nach dem Dauerregen wirkt der Grasschlamm aber wie Schmierseife, selbst Untersetzung und Differentialsperren helfen nicht mehr. Wir brauchen zum ersten Mal alle vier Sandbleche des Buschtaxis und sind wieder sehr froh über unsere chinesischen Gummistiefel an deren penetranten Plastikgeruch man sich auch gewöhnt.

„Komm bitte mal hierher und schau dir das Auto an. Es sieht komisch aus, fehlt da was?“, frägt Hannes Svenja, als er vor dem feststeckenden Auto steht. „Nein, wieso. Was soll denn fehlen?“, antwortet Svenja. „Ich weiß auch nicht, es sieht aber irgendwie anders aus.“ Es dauert etwas, bis wir erkennen, was nicht stimmt. Wir erinnern uns an einen Vortrag auf dem Buschtaxi Treffen voriges Jahr. Ein Globetrotter Paar hatte von den Erfahrungen ihrer Reise berichtet. Wir haben sämtliche Tipps aufgeschrieben und allesamt genau beherzigt. Alle bis auf einen. „Nehmt ein paar Ersatz Nummernschilder mit, die werden gerne als Souvenir geklaut“, lautete der gut gemeinte Rat. Das erschien uns doch zu abwegig. Jetzt wissen wir es besser.

Der Schilder Diebstahl beschert uns einen unfreiwillig längeren Aufenthalt in der Regionshauptstadt Bamenda. Ohne das Nummernschild wollen wir nicht weiterfahren, um der Polizei keinen Grund zum Abkassieren zu geben. Ironischer Weise haben vermutlich einige Dutzend nigerianische Kontrollen das Fehlen nicht bemerkt und sich ziemlich Mühe gegeben, irgendeine angebliche Ordnungswidrigkeit zu konstruieren.

Die geschäftige, freundliche Stadt Bamenda ist uns sympathisch, es gibt so gut wie alles zu kaufen. Auch ein Betrieb, der uns auf die schnelle ein paar neue Nummernschilder macht, ist gleich gefunden. „Welche Farbe hättet ihr denn gerne?“, frägt uns der Inhaber. Blau, Grün, Orange oder Schwarz kann er uns anbieten. Alle sind aus dünnstem Blech, die Buchstaben werden mit ausgeschnittener Alufolie darauf geklebt. Die Farbauswahl gefällt uns. Orange wäre nicht schlecht, ist aber ein bisschen auffällig außerhalb Zentralafrikas. Grün haben Diplomaten, eher auch nichts für uns. Es wird schwarz, was dem Buschtaxi richtig gutsteht, finden wir und tauschen auch das verbliebene deutsche Schild gegen das authenthisch afrikanische aus.

In der Wartezeit besuchen wir das nahe Dorf Bali. Dessen hübsche Kirche gibt Zeugnis von dem früheren deutschen Kolonial Engagement. Der ehemals in der Gemeinde tätige presbyterianische Priester Hans Knöpfli hat sich sehr für die Entwicklung der Region verdient gemacht. Seine Stiftung betreibt noch heute Werkstätten für Holzarbeiten und Töpferei. Vor allem die Holzschnitzereien sprechen uns an. Seit der schwerkranke, über neunzigjährige Stifter nicht mehr selbst aus der Schweiz kommen kann, liegt der Betrieb im Argen. Von den ehemals zehn Kunstschnitzern ist nur noch Moses übrig, der seit vierzig Jahren hier arbeitet. Mangels Verkaufsbemühungen in der Schweiz wird auch er nicht mehr regelmäßig von der Organisation bezahlt und arbeitet nur noch selten für private Kunden. Stolz zeigt er uns die letzten Arbeitsschritte an seiner einzigen Figur, die er dieses Jahr gemacht hat. „Die ist wirklich sehr schön“, lobt Svenja seine Arbeit. Am liebsten würden wir sie mitnehmen. „Wieviel kostet denn die, kannst du sie uns verkaufen?“, frägt ihn Hannes ziemlich direkt. „Die ist eigens für einen Kunden gemacht. Er kommt morgen früh, um sie abzuholen. Ich kann sie euch nicht verkaufen“, enttäuscht uns Moses. „Ich brauche dafür eine Woche und bekomme 4.000 CFA dafür (umgerechnet 6 EURO).“ Wir besprechen uns kurz und ändern unsere Reiseplanung. Nach der Fahrt über die Ring Road im Norden der Stadt, einer Rundstrecke durch das angeblich sehr schöne Hochland Kameruns mit Tee- und Kaffeeplantagen, werden wir in einer Woche wiederkommen, um dann „unsere“ Figur abzuholen.

Übernachtung: Zwinkels Guest House (2)

21. Oktober 2016, Reisetag: 150
Belo, Kamerun

Aufgrund des Starkregens ist eine Brücke auf der Ring Road eingestürzt. Deren westlicher Teil ist damit für uns nicht zu befahren. Zumindest bis Bafut kommen wir noch. Der dortige Königspalast wird bis heute vom König mit seinen acht Frauen bewohnt. Eine jede hat ihr eigenes Haus, die meisten üben Funktionen in der Stammesverwaltung aus. Zusammen mit den noch lebenden Frauen früherer Könige lebt die adlige Familie auf dem von hohen Ziegelmauern abgegrenzten Gelände, das mehr einem großen Dorf als einem Palast gleicht. Insgesamt wohnen 300 Mitglieder der Königsfamilie auf dem Areal.

Eine der Königinnen führt uns über das Gelände und durch das sehr sehenswerte Museum. Zum Ende der Führung zeigt man uns traditionelle Kriegstänze. Auch wenn die Tänze heute offensichtlich nur noch für Touristen aufgeführt werden, geht eine schauerliche Faszination von ihnen aus.

Neben der Hauptstraße führt eine steile Bergpiste in den Norden der Ring Road. Über diese können wir doch noch den restlichen Teil der Rundstrecke fahren. Einheimische raten uns ab, diese Piste in der Regenzeit zu fahren, machbar soll es aber sein. Wir wollen es versuchen.

Anfangs ist die Straße geteert und problemlos befahrbar, bis zum Ort Belo. Ausnahmsweise haben wir dort unsere heutige Unterkunft einen Tag zuvor reserviert. Es ist ein laut den Bewertungen sehr schönes Berghotel, das Zwinkels Camp. Auf Google Maps ist der Ort falsch eingezeichnet, wodurch wir nach langem Suchen erst bei Dunkelheit ankommen. Dort sind wir seit Monaten die ersten und einzigen Gäste, obwohl hier die touristischste Gegend Kameruns sein soll. Entsprechend wenig ist man trotz Voranmeldung auf uns eingestellt. „Kannst Du bitte Deine Batterie aus dem Auto ausbauen? Ich brauche sie nur ganz kurz zum Starten des Generators“, begrüßt uns der einzige Angestellte des Hotels. Wir lehnen ab und verbringen so einen schönen Abend im Dunkeln, die vom Mond beschienenen Berge als Kulisse vor uns. Die Dusche erinnert uns an unsere Alpenüberquerung letztes Jahr. Auch hier gibt es nur eiskaltes Wasser, afrikatypisch allerdings aus dem Plastikeimer mit Schöpfkelle.

Übernachtung: Zwinckels Trekkers Camp (3)

22. Oktober 2016, Reisetag: 151
Bamenda, Kamerun

Die ab Njinikom schlammige Piste windet sich durch eine großartige Landschaft. Entlang des Weges grasen große Rinderherden, die von Hirten auf stolzen Pferden gehütet werden. So in etwa stellen wir uns Patagonien vor, eines unserer Traumziele mit dem Buschtaxi. Die Piste ist stellenweise sehr steil und wird immer schlechter. Svenja fragt den Fahrer des einzigen entgegenkommenden Autos: „Wie ist denn die weitere Straße?“ Seine Antwort gefällt uns: „Dein Auto ist besser als die Straße“, das merken wir uns. Die Aussicht auf einen vermutlich tagelangen Kampf mit der Schlammpiste trübt dennoch unsere Freude über die schöne Gegend. Als ihre Konzentration nachlässt, fährt Svenja an einem steilen Stück Piste das Auto auf einen großen Stein. Zum ersten Mal auf unserer Reise kommen wir trotz Sandblechen nicht wieder davon los, die Hinterräder drehen frei in der Luft. Gerade als wir unseren abgasgetriebenen Wagenheber Sack aus der unberührten Verpackung holen und die Bedienungsanleitung lesen wollen, natürlich haben wir ihn vorher dummerweise nicht ausprobiert, kommt uns der einzige LKW seit Stunden entgegen. Innerhalb weniger Minuten sind wir dank seiner Hilfe frei, haben aber von der Strecke genug. Schweren Herzens geben wir die Ring Road auf und drehen Richtung Bamenda um.

Übernachtung: Azam Hotel (3)

23. Oktober 2016, Reisetag: 152
Bali, Kamerun

Morgens besuchen wir Moses in seiner Werkstatt, viel früher als gedacht. Er entschuldigt sich ohne Grund, natürlich ist unsere Statue noch nicht fertig. Das Gelände des Stiftungsbetriebes ist sehr einladend, alle Mitarbeiter sind äußerst freundlich und freuen sich, als wir um Erlaubnis zum Campen auf dem Grundstück fragen. Bis spät abends unterhalten wir uns mit Moses, seine präzise Beobachtung der europäischen Lebensart sind beeindruckend. Auf Einladung des Stiftungsgründers war er mehrere Male in der Schweiz zu Besuch, auch um seine Arbeiten auszustellen und mit anderen Künstlern zusammen zu arbeiten. Er ist einer der wenigen Einheimischen, die unsere Reise verstehen. Reisen werden in Afrika nur zum Zwecke des Transports unternommen. Wir haben es mittlerweile aufgegeben, unsere Motivation zu erklären. „Wieso nehmt ihr denn nicht das Flugzeug? Seid ihr denn nicht müde, wenn ihr die ganze Strecke durchgefahren seid? Wen besucht ihr denn in Südafrika?“ Nur solche Fragen bekommen wir von Einheimischen gestellt, nach unseren Erlebnissen erkundigt sich fast keiner.

Übernachtung: Camping auf dem Gelände des Kunsthandwerk Zentrums PRESCRAFT (1)

24. Oktober 2016, Reisetag: 153
Nähe Nkongsamba, Kamerun

Weiter zur Küste führt die Straße durch eine hübsche Hügellandschaft im satten Grün. Bis Babadiou bremsen uns unzählige üble Schlaglöcher im Asphalt, einige so tief, dass man fast einen Kleinwagen darin versenken könnte. Viel langsamer als gedacht kommen wir voran und erreichen erst bei Dunkelheit die Gegend des Ekom Wasserfalls, den wir eigentlich als Zwischenstopp auf der heutigen Route besuchen wollten.

Übernachtung: Hotel Villa Luciole (3)

25. Oktober 2016, Reisetag: 154
Douala, Kamerun

Früh morgens brechen wir zu Fuß zum Ekom Wasserfall auf, der auf jedem Tourismus Plakat Kameruns zu sehen ist. Er war Drehort des Tarzanfilms „Greystoke – Die Legende von Tarzan, Herr der Affen“, den wir uns ein paar Tage zuvor dank schnellem Internet und Piratensender ansehen konnten. Es ist ein schrecklich schlechter Film, ganz im Gegensatz zu dem ungemein beeindruckenden Wasserfall. Die Gegend ist tatsächlich die perfekte Filmkulisse für einen Dschungelfilm.

Jetzt in der Regenzeit ist unser Besuch besonders lohnend. Der Fluss ist reißend, die Gischt ist schon Kilometer vor dem Wasserfall zu sehen. Durch den Regenwald sind sogar ein paar befestigte Wanderwege und Aussichtsplattformen gebaut. Hannes versucht noch etwas näher als der Weg heranzukommen, im Reiseführer steht schließlich, dass man bis zum Ende des Wasserfalls steigen und dort baden kann. „Bleib lieber hier, jetzt hat er zu viel Wasser. Man kann nicht weiter gehen“, warnt ihn Svenja vergeblich. Zumindest lässt er die Kamera bei Svenja. Ein paar Minuten später kommt er bis auf die Unterhosen nass zurück. „Du hast Recht. Man kommt nicht näher heran“, gibt er nur ungern zu.

Wir steigen noch bis zur Abrisskante des Flusses hoch. Dort liegt ein großer umgefallener Baumstamm quer über dem Wasserfall. „Schau mal, wenn man wirklich mutig wäre, könnte man da über die Kante zur anderen Seite rübergehen. Ist ein bisschen vermoost und rutschig“, schlägt Hannes nicht ganz ernst gemeint vor. Dieses Mal hört er aber gerne auf Svenja, wir bleiben für unser malerisches Picknick auf unserer Seite.

Viel zu spät brechen wir auf und kommen vor der Dämmerung nur bis in die Nähe Doualas. Entgegen unserer Planung müssen wir in der dreckigen, uncharmanten Großstadt übernachten. Wir werden dafür durch das Salat- und Nachtischbuffet eines Geschäftshotels entschädigt. Svenja freut sich auch über die Einkaufsmöglichkeit im nahen „SPAR“ Supermarkt, der erste, den wir seit Spanien sehen. Hannes findet hier endlich eine Flasche Weißwein aus Südafrika. Ein erster Hinweis, wir nähern uns unserem Wunschziel. Nach Nigeria sind wir  etwas optimistischer, dass wir es vielleicht doch bis dahin schaffen, auch wenn es keiner von uns beiden ausspricht.

Übernachtung: Ibis Hotel (2)

26. Oktober 2016, Reisetag: 155
Edea, Kamerun

Die weitere Strecke bis Edea ist dank der perfekten Straßen auf der Hauptstrecke schnell zu fahren. In der Stadt gibt es keine Sehenswürdigkeiten, dafür aber im Delta des nahe gelegenen Flusses Sanaga auf einer abgelegenen Insel. Dort befindet sich eine Aufzuchtsstation für Schimpansen, die nicht für den Tourismus erschlossen ist. Hannes spricht schon seit Tagen von nichts Anderem mehr, er will dort unbedingt hin. Mithilfe der mit der Gründerin befreundeten Hotelmanagerin wird für uns ein Besuch organisiert. Neben einer Spende für die Station müssen wir Benzin für das Boot und den Tieren einen riesigen Sack Papaya mitbringen.

Übernachtung: Hotel Sanaga (2)

27. Oktober 2016, Reisetag: 156
Marienberg und Kribi, Kamerun

Früh morgens starten wir auf einer Piste entlang des Flusses. Nach zwei Stunden schöner Fahrt durch den Regenwald kommen wir am letzten mit dem Auto erreichbaren Ort Marienberg an. Hier war die erste Niederlassung der deutschen Missionare in Kamerun. Deren Kirche und die Missionsgebäude sind noch im Originalzustand zu sehen.

Am Flussufer winkt uns ein Einheimischer aus seinem kleinen Motorkanu zu sich, wir laden Benzinkanister, Papaya und unsere Picknick Vorräte ein. Nach einer Viertelstunde Fahrt werden die kleinen Holzhütten der Station am Flussufer sichtbar. Als wir anlegen, können wir nicht glauben, was passiert. Am Ufer sitzen ein junger Schimpanse und ein Hund, die neugierig auf uns warten.

Kaum ist Svenja als Erste aus dem Boot ausgestiegen, nimmt der Affe sie an der Hand und führt sie in das Camp, um ihr alles zu zeigen. Tomate, so heißt der Schimpanse, ist von Anfang an völlig begeistert von ihr, die beiden spielen die ganze Zeit miteinander. Ein weiterer Schimpanse springt aus dem Baum auf Svenja, eifersüchtig will auch er mitspielen.

Alle Tiere im Camp haben Namen von Früchten. Darunter die beiden jüngsten Tomate und Banana, sowie die schon ausgewilderte Papaya, mit der alles anfing. Vor dreizehn Jahren hat sie die Französin Patricia Leschaeve auf dem Markt als Baby gekauft. Neben vielen anderen Affen werden auch Schimpansen dort in kleinen Käfigen angeboten, als Haustiere oder für den Kochtopf. Nachdem Patricia vergeblich versuchte, das Tier gut im Zoo Doualas unterzubringen, gründete sie die Stiftung PAPAYE, welche die Flussinsel vom Staat erwarb und heute die Pflegestation mit derzeit 15 Tieren betreibt. Im Camp am Flussufer werden Jungtiere bis zum siebten Lebensjahr großgezogen, um sie danach auf der Insel auszuwildern. Ganz wild werden die Tiere allerdings nie. Sie müssen täglich dreimal vom Boot aus mit Früchten gefüttert werden. Die Insel zu betreten ist nicht erlaubt. Die Affen dort wollen unbedingt wieder zurück ins Camp und würden jedes anlegende Boot sofort entern. Als wir die großen erwachsenen Tiere später am Ufer sehen, verstehen wir das Verbot nur zu gut.

Während unseres Besuchs laufen nur zwei Jungtiere im Camp frei umher. Der Rest der Affenbande ist in einer der Holzhütten eingesperrt. Unüberhörbar machen sie ihren Unmut darüber Luft. Wildes Geschrei und Trommeln an die Holztür kommen uns beim Näherkommen entgegen. „Warum lasst ihr die Tiere denn nicht raus?“, will Hannes mitleidig wissen. „Die sind normalerweise immer mit den anderen frei. Aber für Besuch sind sie zu wild, wenn sie alle zusammen sind“, antwortet ihm der Tierpfleger. Hannes will das so natürlich nicht so ohne weiteres akzeptieren und geht trotz der Warnung zu den eingesperrten Affen. Sofort strecken alle ihre Hand durch die Bretterspalten und greifen seine. „Unglaublich, wieviel Kraft die haben“, meint Hannes zu Svenja, als ihn einer der Affen zu sich ziehen will. Laut lacht er dabei, was ihm allerdings gleich danach vergeht. Plötzlich greifen gleich drei Schimpansen seinen Arm und ziehen diesen ganz in die Hütte. Unter lautem Geschrei reißen sie den Ärmel seines Hemdes aus, zerteilen ihn wild umherspringend in kleine Fetzen, die sie anschließend triumphierend präsentieren. Svenja lässt vor lauter Lachen Tomate fallen, der aber sofort auf den Beinen ist und wieder an ihr hochklettert.

Hannes hat zu Anfang mehr Berührungsängste vor den Tieren als Svenja. Während sie in ihrem Element ist, beobachtet er alles aus der Ferne aus dem Stuhl. Immer wieder läuft einer der beiden Affen an ihm vorbei und gibt ihm mit einem nicht zimperlichen Boxer in die Beine zu verstehen, dass er mitspielen soll. Erst nach einer Weile ist auch bei Hannes das Eis gebrochen. Er kitzelt einen Affen auf seinem Schoß, bis dieser vor Lachen keine Luft mehr bekommt, während der andere begeistert von den langen Haaren auf seinen Kopf sitzt.

Für uns ist der Nachmittag mit das Schönste alles bisher in Afrika Erlebten. Zusammen mit den beiden Affen sitzen wir lange bei unserem Picknick im Camp, was allerdings nicht ganz entspannt geht. Jede unbewachte Sache wird sofort von den Schimpansen weggenommen, genauestens inspiziert und irgendwo versteckt, zerteilt oder gefressen. Banana freut sich sichtlich, als Svenja eine Dose Cola aus dem Rucksack holt. Sie nimmt die halb volle Dose, setzt sich auf einen Stuhl und trinkt mit uns zusammen.

Schimpansen haben zu 99,7% die gleichen Gene wie Menschen. Arme, Füße, jede ihrer Bewegungen und Gesten, sogar die Gefühlsausbrüche erscheinen uns wie bei Menschen. Uns ist zum Weinen zumute, als wir abends das Camp in Richtung Strand bei Kribi verlassen. Nicht nur aus Glück über das Erlebte, sondern auch, weil wir wissen, was der Mensch diesen Tieren antut.

Übernachtung: Hotel Ilomba (1)

28.-30. Oktober 2016, Reisetage: 157-159
Kribi, Kamerun

Vor der Weiterfahrt nach Gabun wollen wir ein paar Tage am Strand bei Kribi bleiben. Auch wenn dieser nicht mit den einsamen Traumstränden im Westen Ghanas oder Côte d’Ivoires vergleichbar ist, fühlen wir uns hier wohl. Vom Ufer aus sind die ersten Bohrinseln zu sehen, die sich von hier bis nach Angola ziehen. Die ölreiche Westküste Afrikas bringt so manchem korrupten Politiker großen Reichtum, der Bevölkerung meist nur Armut und Bürgerkriege.

Hannes hat sich dazu entschlossen, zwei Tage außer Lesen gar nichts zu machen. Svenja hält das nicht so lange aus. Auf Empfehlung des Hotels trifft sie sich mit Josef, einem deutschsprachigen Einheimischen, der in den Achtzigern lange in Deutschland gelebt hat. Er zeigt Svenja die wenigen Sehenswürdigkeiten in der kleinen Stadt Kribi. Darunter eine Kirche mit deutschem Kolonialfriedhof und einen Leuchtturm aus dieser Zeit. Vor allem der Fischmarkt gefällt Svenja. Der frisch gefangene Fisch wird gleich neben dem Markt in einem der Straßenstände für sie gegrillt, dazu gibt es die obligatorische Maniok Beilage, die in jedem der Länder anders heißt, aber immer gleich schmeckt. Die frische Dorade ist herrlich. „Was hast Du von Deutschland vor allem mitgenommen?“, fragt sie Josef beim Essen. „Ich habe gelernt zu arbeiten“, antwortet er. Wie zum Beweis zeigt er ihr seine Arbeit, die er hier im Auftrag der deutschen Botschaft für minimalen Lohn macht. Auf dem Friedhof pflegt er liebevoll die deutschen Kolonialgräber.

Beim Spaziergang am Strand im Sonnenuntergang verabschieden wir uns innerlich von Kamerun. Ein wunderschönes Land, in das wir hoffentlich nochmal kommen werden.

Übernachtung: Hotel Ilomba (1)

31. Oktober 2016, Reisetag: 160
Nkolandom, Kamerun

Hannes computergestützte Wegplanung erweist sich heute wieder einmal als den Empfehlungen der Einheimischen unterlegen, die Svenja erfragt. Nicht umsonst hat sie ihm einen hämischen Aufkleber an das Buschtaxi geklebt:

Die von ihm ausgewählte direkte Piste von Kribi zur Grenzstadt Ebolowa ist wirklich viel kürzer als die von den Einheimischen empfohlene Hauptstraße über Yaoundé. Erstere bietet aber dafür das ganze Programm für Off-road Liebhaber. Endlose Schlammschlachten, tiefe Wasser Durchfahrten und eine nur mit Sandblechen zu überquerende, halb vermoderte Brücke.

Nach einer längeren Schlammpassage hat das Buschtaxi ein ohrenbetäubendes Quietschen am Vorderrad. Sofort hilft uns ein Trupp Straßen Bauarbeiter das Rad abzunehmen. Der winzige Stein zwischen Bremsscheibe und Abdeckung ist schnell gefunden. Trotzdem brauchen wir für die 150 km den ganzen Tag. Später im Hotel werden wir geadelt, als uns eine Mitarbeiterin der deutschen GIZ erzählt, dass die Strecke seit einiger Zeit als nicht mehr befahrbar gilt.

Übernachtung: Touristic Centre Hotel (2)

1. November 2016, Reisetag: 161
Mitzic, Gabun

Auf der Strecke nach Gabun lassen wir unser Carnet de Passage in der einzigen Zollstelle in Ambam, 12 km vor der Landesgrenze, abstempeln. Der Grenzübertritt verläuft freundlich und ohne Probleme, bis auf den einzigen Grenzbeamten auf der Seite Gabuns, der uns nicht alleine die Stunde in die nächste Stadt Bitam zum Abstempeln des Passes fahren lassen will. Er ist nicht unfreundlich, hat aber noch nie Touristen hier gesehen und entsprechend Angst, dass wir das Immigrationsbüro nicht finden. „Ihr müsst hier warten, bis ich mit den Pässen dorthin fahre und wieder komme“, meint er unnachgiebig. Wir haben keine Lust, den Rest des Tages auf ihn zu warten. Erst als Hannes ihm recht deutlich seine Meinung über die Diskriminierung von Touristen erklärt und Svenja anschließend die Wogen wieder glättet mit der Versicherung, dass wir bis hierher alleine durch Afrika gekommen sind und sicher auch das Immigrationsbüro finden werden, sind wir alleine unterwegs in Gabun.

Was wir aus Kamerun in guter Erinnerung behalten werden:

  • Die Schimpansen in Marienberg
  • Den Ekom Wasserfall
  • Moses, den letzten der Kunstschnitzer in Bamenda

Was uns weniger gefallen hat:

  • Dass Moses monatelang nicht bezahlt wird
  • Der Nummernschilder Diebstahl, welcher aber gar nicht in Kamerun war
  • Douala

Unsere Reiselektüre:

  • Reiseführer: Werner Gartung: Kamerun: Reiseführer für individuelles Entdecken. Reise Know-How Verlag,  2015.
    Hervorragender Führer. Aktuell, sehr detailiert und einfach zu handhaben.
  • Reiseführer: Ben West: Cameroon, 3. Auflage, Bradt Travel Guides 2011.
    Weit schlechter als obiger, entbehrlich.
  • Mireille Makampé: Der Wille meines Vaters geschehe. Verlag Hoffmann und Campe, 2001.
    Gut geschriebene Geschichte einer Frau aus Kamerun, die einen lebenslangen Kampf gegen die Traditionen ihres Stammes führt.